Home  Newsarchiv  2009  (30.06.2009) Deutsch-französischer Workshop mit Fanvertretern und Polizei  

30. Jun 2009

Deutsch-französischer Workshop mit Fanvertretern und Polizei

Unter dem Motto „Fußballfans und Polizei – Abbau der Feindbilder“ trafen sich vom 19. bis 21. Juni insgesamt knapp 80 Teilnehmer/innen, Fans, Polizisten, Fanbeauftragte, Fanprojekte und Verbandsvertreter aus Deutschland und Frankreich in Karlsruhe.

Veranstaltet wurde der deutsch-französische Workshop durch die „Daniel-Nivel-Stiftung“, der Soziologe Professor Dr. Gunter A. Pilz von der Uni Hannover leitete das Treffen, das in Zusammenarbeit mit dem DFB und dem Weltverband FIFA stattfand. In Vorträgen und Workshops wurde die aktuelle Situation beider Länder geschildert und diskutiert – sowohl aus Sicht der Fans als auch aus Sicht der Polizei. So wurde das Konfliktmanagementmodell der Polizei Hannover für Fußballeinsätze präsentiert und Vertreter der Ultras Düsseldorf und der Fanszene aus Straßburg stellten die Erfahrungen und Erwartungen der Fans an die Polizei dar. Gemeinsame Betrachtungen der deutschen und französischen Situation erwiesen sich allerdings wegen der großen Unterschiede in der Organisationen und Strukturen beider Länder als schwierig.

Die Dringlichkeit des Treffens erklärte der Sicherheitsbeauftragte des DFB, Helmut Spahn, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingangs begrüßte: „Das Thema ist aktueller denn je. Die Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Fans haben sich rund um die Stadien zuletzt vermehrt. Oft sind Missverständnisse der Grund für Eskalationen.“ Für Ideen, wie sich die Situation verbessern lässt, wurden in drei Workshops mit der Methode der Zukunftswerkstatt Utopien entwickelt und auch in konkrete Vorschläge verwandelt, wie etwa eine Identifizierbarkeit der eingesetzten Beamten über ID-Nummern. Sowohl Fans, Fanbetreuer als auch die Vertreter der Polizei versprechen sich dadurch eine höhere polizeiinterne Selbstdisziplin wie auch mittelfristig eine größere Bürgernähe der Institution Polizei nicht nur in der Fanszene.

Polizei und Fans – zwei unterschiedliche Systeme

KOS-Leiter Michael Gabriel, der ebenso wie seine Kolleg/innen Volker Goll und Marion Kowal an der Veranstaltung teilnahm, beurteilt das Treffen in Karlsruhe als ein Signal für verstärkte Kommunikation: „Ich denke, dass alle Teilnehmer mit dem Willen aus der Veranstaltung herausgegangen sind, in der Zukunft, etwas verändern zu wollen. Es ist deutlich geworden, dass eigentlich niemand mit der Situation, wie sie sich im Moment darstellt, zufrieden ist.“ Ebenso klar sei aber auch noch einmal geworden, dass mit Polizei und Fanszene zwei völlig unterschiedliche Systeme aufeinander träfen. „Auf der einen Seite eine staatliche Institution, deren Vertreter Arbeitsverträge und Dienstvorschriften haben und Lohn erhalten, auf der anderen Seite ein oft auch loser Zusammenschluss meist sehr junger Menschen, die ihre Freizeit gemeinsam verbringen. Und zwar in einer Gruppe, die auch deswegen so interessant und attraktiv ist, weil das Reiben an gesellschaftlich gesetzten Grenzen dazu gehört.“ Konflikte sind daher also beinahe vorprogrammiert und schwer zu lösen. Aus Sicht von Gabriel ist eine Kenntnis der Fankultur und ihrer besonderen Regeln für einen Erfolg von Einsatzkonzepten der Polizei unabdingbar. „Wenn es Respekt und Freiräume gibt, besteht für die Fanszenen auch eher die Notwendigkeit, damit verantwortlich umzugehen. So kommt jeder einzelne Fan schneller in eine Situation, sich und sein Handeln selbstdiszipliniert zu hinterfragen. Wenn Hundertschaften behelmter Nahkampfpolizisten direkt danebenstehen, ist es einfach, die Eigenverantwortung abzugeben.“

Dass das Schlüsselwort für eine Verbesserung der Situation „Kommunikation“ ist, sieht auch Helmut Spahn, der in der abschließenden Pressekonferenz betonte, dass mit der Veranstaltung in Karlsruhe ein Anfang gemacht sei: „Dieses Treffen soll ein erster Schritt sein, um in Zukunft mehr miteinander statt übereinander zu reden. Es ist der Wille der Akteure, in Kommunikation einzutreten. Was hier angesprochen wurde, soll nun auf die lokalen Ebenen transportiert werden.“ Die recht einfache Lösung einer direkten Handykommunikation zwischen Einsatzleiter und Fanprojekt oder Fanbeauftragten während eines Spiels gehörte ebenfalls zu den vorgeschlagenen und an manchen Orten auch bereits praktizierten Ideen.

Umsetzung vor Ort als Prüfstein

Die Teilnehmerzahl für die Veranstaltung war um der Arbeitsfähigkeit willen begrenzt. Der DFB als organisierender Verband bat die ZIS, die Vertreter/innen der Polizei anzusprechen und die KOS, die Vertreter/innen aus den Fanprojekten. Über die durch den DFB nach dem Fankongress 2007 aufgenommene Kommunikation mit den drei bundesweiten Fanorganisationen waren Vertreter/innen von ProFans, Unsere Kurve und des Bündnisses aktiver Fußballfans, BAFF, beim Kongress anwesend.  Die Vertreter/innen, von BAFF sahen die Möglichkeit zum Austausch generell positiv, wenngleich klar sei, dass die in Karlsruhe anwesenden Polizeibeamten vermutlich nicht zu den „Hardlinern“ zählen. Wie nachhaltig die Wirkung einer solchen Veranstaltung ist, würde sich auch deswegen erst auf regionaler Ebene erweisen. Die Konflikte, so die BAFF-Vertreterin Ela Mateika, müssten dort bearbeitet werden, wo sie allwöchentlich entstehen: „Wenn sich etwas bewegen lässt, dann nur auf lokaler Ebene und mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen, bzw. einem Vertrauensvorschuss vonseiten der Polizei.“ Für Michael Gabriel bilden neben dem Hannoveraner Modell auch die Erfahrungen bei internationalen Turnieren positive Vorbilder in dieser Hinsicht. Mit Blick auf die Rolle der Polizei fallen Kommunikationsbereitschaft und respektvoller Umgang auch unter das Stichwort Gastfreundschaft: „Eine gastfreundliche Atmosphäre stellt sich ein, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: möglichst wenig sichtbare Polizei, die auch zurückhaltend gekleidet sein sollte, eine respektvolle Ansprache an die Fangruppen und wenn trotzdem ein Einsatz notwendig sein sollte, dass dieser kommuniziert wird und differenziert durchgeführt wird. Das sind Maßnahmen, die erwiesenermaßen von den Fans mit vernünftigem Verhalten zurückgezahlt werden.“

Zur Daniel-Nivel-Stiftung

Der französische Gendarm Daniel Nivel wurde während der WM-Endrunde in Frankreich am 21. Juni 1998 in Lens von einer Gruppe Hooligans aus Deutschland lebensgefährlich verletzt. Nivel lag sechs Wochen im Koma und leidet bis heute unter den Folgen der feigen Attacke. Die Daniel-Nivel-Stiftung wurde im Oktober 2000 in Kooperation mit DFB und FIFA gegründet und widmet sich der Verhinderung von Gewalt im Umfeld des Fußballs durch präventive Maßnahmen und Hilfe für Opfer.

Ein Bericht von BAFF über das Treffen findet sich auf der Website des Bündnisses aktiver Fußballfans

„Von der Polizei kann man mehr erwarten“. Interview von Stadionwelt mit Volker Goll von der KOS

© 2009 Koordinationsstelle Fanprojekte | Impressum