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16. Jun 2009

Engagement gegen Homophobie: Auch ein Thema für Fanprojektarbeit

Von links nach rechts: Stefan Siller, SWR; Helmut Spahn, DFB; Erwin Staudt, VfB Stuttgart; Christian Müller, DFL. Credit: "Queer Devils"
Von links nach rechts: Stefan Siller, SWR; Helmut Spahn, DFB; Erwin Staudt, VfB Stuttgart; Christian Müller, DFL. Credit: "Queer Devils"

Gastgeber des Abends war der VfB Stuttgart, dessen Präsident Erwin Staudt vor einigen Wochen die Schirmherrschaft über den diesjährigen Stuttgarter Christopher Street Day (CSD) übernommen hatte und nun mit der Ausrichtung des Aktionsabends gemeinsam mit dem Queer Football Fanclubs, der EGLSF (European Gay and Lesbian Sports Federation), DFB und DFL ein weiteres Zeichen setzte. Staudt erklärte: „Fußball ist nicht nur weltanschaulich neutral, sondern auch für alle da.“ Er sei überrascht gewesen, dass seine CSD-Schirmherrschaft für so viel Aufmerksamkeit gesorgt habe. „Ich habe ernsthafte Briefe von Vereinsmitgliedern erhalten, das waren aber weniger als fünf“, so Staudt. Mehr als hundert Zuschriften hätten sich positiv über seine Schirmherrschaft geäußert.

Klare Worte aus den Verbänden

Helmut Spahn, DFB-Sicherheitsbeauftragter und Leiter der Abteilung „Prävention und Sicherheit“, stellte verschiedene Projekte und Maßnahmen vor, mit denen der DFB der Homophobie im Fußball etwas entgegensetzen möchte. So sei eine Aktion im Rahmen eines Länderspiels sowie eine bundesweite Aktion in den Stadien während der FARE-Aktionswoche geplant. Zudem schließt der DFB gerade ein Pilotprojekt ab, um zu prüfen, was Vereine tun müssen und können, um eine „Zertifikation“ im Kampf gegen Diskriminierung und Gewalt zu erhalten. „Das ist ein Weg, die Vereine auch mit dem Thema Homophobie zu konfrontieren“, sagte Spahn.

DFL-Geschäftsführer Christian Müller bezog ebenfalls klar Stellung: „Es kann und darf nicht sein, dass Menschen, die einer Minderheit angehören und nicht dem gängigen Weltbild der Bevölkerung entsprechen, ins Abseits gestellt werden. Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und entschieden gegen Diskriminierung von Menschen oder Bevölkerungsgruppen vorzugehen und gleichzeitig ein Bewusstsein für Dinge zu schaffen, die nicht so im Fokus der Öffentlichkeit stehen“, so Müller. „Der Fußball hat eine integrative Kraft, die wir nutzen wollen und müssen.“ Als Vertreter der KOS nahm Michael Gabriel an der Veranstaltung teil und zeigte sich beeindruckt von dem Engagement der deutschen Fußballverbände: „Die Statements der Vertreter von DFB und DFL machen deutlich, dass es aus dem deutschen Fußball eine wirklich glaubwürdige Unterstützung für den Kampf gegen Homophobie gibt.“

Schwule und Lesben in der Kurve

Gemeinsam mit Christian Viering, Fanbeauftragter des 1. FSV Mainz 05, lieferte Michael Gabriel Inputs aus Sicht der Fanbetreuung zum Workshop „Vereinsinterne Aufarbeitung von Homophobie“. Die Diskussionen mit den Mitgliedern der schwul-lesbischen Fanklubs aus Mainz, Stuttgart, Leverkusen, Köln oder Kaiserslautern machten dabei deutlich, wie die Situation für homosexuelle Fans in der Kurve aussieht. „Einerseits ist es beeindruckend, an wie vielen Orten es mittlerweile schwullesbische Fanklubs gibt, die sich selbstbewusst im Stadion präsentieren“, so Gabriels Fazit. „Gleichzeitig gibt es aber noch sehr viel mehr andere Städte, wo natürlich auch Schwule und Lesben zum Fußball gehen, aber sich vielleicht nicht trauen, dort auch offen in der Kurve aufzutreten, obwohl sie es vielleicht gerne tun würden. Das ist natürlich auch eine Aufgabe der Fanprojekte, hier für das Thema zu sensibilisieren und schwule oder lesbische Fans zu unterstützen.“ So sehen es auch die Vertreter der Queer Football Fanclubs wie Christian Deker von den „Stuttgarter Junxx“: „Wichtig ist, dass über Diskriminierungen in der Fanszene überhaupt gesprochen wird. Sobald sich Fans einmal damit auseinandergesetzt haben, was sie mit Sprüchen wie ‚Schiri, Du schwule Sau’ eigentlich aussagen, ist schon viel gewonnen. Fanprojekte und die KOS sollten Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit in einer selbstverständlichen und unaufgeregten Weise thematisieren. Es hat sich gezeigt, dass Initiativen aus der Fanszene selbst am besten funktionieren. Der Idealfall ist, dass die Selbstregulierung im Block homophobe Sprüche gar nicht erst aufkommen lässt. Dann haben schwule und lesbische Fans wieder genauso Spaß am Fußball wie schwule und lesbische SpielerInnen auf dem Rasen.“

Diskussionsabende zu Homophobie im Fußball, wie sie etwa die Fanprojekte in Bielefeld, Bremen, Darmstadt oder St. Pauli veranstaltet haben, stießen auf reges Interesse. Bei Begegnungen im täglichen „Fußballmiteinander“ bei solchen Veranstaltungen, bei Fantreffs oder Fußballturnieren stellt sich oft heraus, dass gemeinsame Interessen wie die Unterstützung der Mannschaft und das Engagement in der Fanszene eine sehr viel größere Rolle spielen als unterschiedliche sexuelle Orientierungen. So ist es nur logisch, dass es in Mainz und Stuttgart mittlerweile gute Kontakte und Kooperationen der schwullesbischen Fanklubs „Meenzelmänner“ und „Stuttgarter Junxx“ auch mit den Ultragruppen gibt. Positive Signale dafür, dass das einstige „Tabuthema“ im Fußball vielleicht schon bald keines mehr ist.

Der Aktionsabend in Stuttgart war nach Berlin (2007) und Köln (2008) die dritte Veranstaltung dieser Art in Deutschland. Eingeladen hatten neben dem VfB Stuttgart die Deutsche Fußball Liga, der Deutsche Fußball-Bund, die European Gay and Lesbian Sport Federation und der schwul-lesbische VfB-Fanclub „Stuttgarter Junxx“. Unterstützt wurde der Abend durch das Projekt „am Ball bleiben“.

Eine Übersicht über die existierenden deutschen und internationalen schwul-lesbischen Fanklubs findet sich auf der Website der Queer Football Fanclubs

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