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Frauen und Fußball – Historische Spuren einer alten Leidenschaft

Nicole Selmer

Im Juni 2000 porträtierte die „taz Hamburg“ eine 97 Jahre alte Dame, die nicht mehr gut sehen konnte und auf den Rollstuhl angewiesen war. Nichtsdestotrotz verfolgte diese treue HSV-Anhängerin noch immer die Entwicklung ihrer Mannschaft, lobte den damaligen Trainer Pagelsdorf und machte sich über den Namen von Torhüter Butt lustig. Und sie konnte sich noch gut an ihre Besuche am Rothenbaum erinnern und an Spundflasche, den Spielmacher der Hamburger in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg:

„Da sind wir immer hingegangen! Immer. Meine Schwester und ich, die lebte damals ja noch. Da war ja noch am Rothenbaum der Platz vom HSV. Einmal haben wir jedenfalls auch mal wieder geguckt und da war der Spundflasche noch dabei. Das werd’ ich nie vergessen. Der hat von der Seite aus ein Tor geschossen. Von der Seite aus! Nicht, dass da noch ein anderer dazwischen war, sondern er hat das selbst von der Seite aus geschossen. Das war ‘ne tolle Leistung!

taz: Sind denn früher viele Frauen zum Gucken auf den Fußballplatz gegangen?

Wenig, ganz wenige. Früher nicht, aber heute ja.

taz: Und was haben die Männer dazu gesagt?

Gar nix. Die haben gar nix gesagt. Das war denen egal. Wenn die Weiber so verrückt sind, haben sie sicher gedacht, dann lass’ sie doch.“

Ähnliche Beispiele gibt es auch aus anderen Vereinen und Regionen: Beate Fechtig etwa schildert in ihrem Buch „Frauen und Fußball. Interviews Porträts Reportagen“ von 1995 das Leben der 72-jährigen „Fußball-Oma aus Wattenscheid“, die das Spiel ebenfalls über Jahrzehnte hinweg begleitete – als Spielerfrau ihres Mannes, als Fanmutter ihrer Söhne und als Fan ihres Vereins. Ähnlich wie die oben zitierte Hamburgerin berichtet auch sie davon, dass sie als Frau im Fan-Bus eine Ausnahme darstellte:

„Anfangs hat sich Margret Sewing als einzige Frau unter so vielen Männern ein bißchen unwohl gefühlt, aber sehr schnell war sie die ‘Mutti des Vereins’. ‘Dann hieß es immer bei der Abfahrt: Ist die Muter schon da? Ja? Dann können wir abfahren.’ Das war vor über 20 Jahren.“

Ob „verrückte Weiber“ oder „Mutti des Vereins“, Frauen bekamen, wenn sie beim Fußball auftauchten, auch in früheren Zeiten meist Sonderrollen zugewiesen, ganz normale Fans konnten sie nur selten sein. Dabei sind auch die heutigen „Fußball-Omas“ nicht immer Omas gewesen, und sie waren auch nicht immer Mütter, sondern einfach junge Frauen, die den Fußball liebten, ihre Mannschaft unterstützten und mit glänzenden Augen und selbst gebastelten Plakaten die Spieler bejubelten, und zwar auch nach Niederlagen. Ganz so, wie es sich nach den Regeln der Fußballkultur für „echte“ Fans gehört. Ein Beispiel dafür sind diese drei HSV-Anhängerinnen.

In diesem Fall handelte es sich immerhin um eine Niederlage auf hohem Niveau, nämlich das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft von 1958, das der HSV gegen Schalke 0:3 verlor. Den Verlierern wurde offenbar dennoch ein freundlicher Empfang am Hamburger Hauptbahnhof beschert. Die Bildunterschrift in der Chronik zum 100-jährigen Bestehen des HSV lautete dort übrigens: „Die weiblichen Fans gehören zu den treuesten.“

Die Porträts der beiden alten Damen aus Hamburg und Wattenscheid und das Bild der drei jungen Frauen mit ihren Schildern sind kleine historische Spuren einer Geschichte, die in den Standardwerken der Fußballhistorie wenn überhaupt jemals, dann nur am Rande erwähnt wird. Denn in den großen Erzählungen des Fußballs und seiner Anhängerschaft sind es die Studenten, die sich am Ende des 19. Jahrhundert für den englischen Import begeistern lassen, es sind die Arbeiter, die dem Fußball in den 20er-Jahren zu seinem heutigen Status als Sport der Massen verhalfen, es ist die Generation der männlichen Kriegskinder, die noch heute die Aufstellung der Weltmeisterschaftself von Bern herunterbeten kann, die jungen Männer der 70er-Jahre, die Fanklubs gründen und Kutten tragen, die prügelnden Hools der 80er-Jahre, die Bilder von Gewalt und Zerstörung liefern, und die männlichen Kulturschaffenden der 90er-Jahre, die den Fußball ins Feuilleton hieven. Weibliche Fans und ihr Anteil an dieser Geschichte sind in Deutschland meist nicht beachtet und schon gar nicht systematisch betrachtet worden. Anders sieht es in England aus, wo insbesondere dank der Arbeit im Umfeld des Sir Norman Chester Centre for Football Research an der Universität von Leicester einige Untersuchungen vorliegen, die sich auch mit den historischen Spuren des weiblichen Fußballinteresses beschäftigen. Zum Beispiel das vom Institut herausgegebene Fact Sheet „A Brief History of Female Football Fans“, in dem es heißt:

„Viele Beobachter scheinen zu glauben, dass weibliche Fans ein vergleichsweise neues Phänomen sind und in der Geschichte des Spiels keine oder nur eine unbedeutende Rolle gespielt haben. Das ist jedoch falsch. Auch wenn die Zahl der weiblichen Zuschauer in der Vergangenheit sicherlich manchmal nicht sehr groß war, so scheinen Frauen doch immer einen Teil des Fußballpublikums gebildet zu haben.“ (Übersetzung aus dem Englischen: N.S.)

Große Hüte und weiße Sommerkleider – Bilder weiblicher Zuschauer

Werfen wir einen Blick auf die Frühzeit des Fußballs in Deutschland. Im ausgehenden 19. Jahrhundert war Fußball vor allem ein unterhaltsamer Zeitvertreib der bürgerlichen Gesellschaft und hatte auf dem Weg zum professionellen Wettkampfsport noch eine weite Strecke zurückzulegen. Unterstützt wurde er dabei auch durch politische Entwicklungen: Angestellte hatten ab den 1890ern sonntags frei, und damit gab es einen Aufschwung in der Freizeitkultur der neuen bürgerlichen Mittelschicht, der dem Fußball zugute kam. (In England hatte der arbeitsfreie Samstag der Arbeiter seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen ähnlichen Effekt gehabt.) Die aktiven Mitglieder der Fußballklubs waren zu diesem Zeitpunkt freilich nur Männer, denn bis Frauen in deutschen Sportvereinen Fußball spielen durften, sollte es noch fast hundert Jahre, bis 1970 nämlich, dauern. Aber die Damen spielten in anderen Abteilungen der Sportvereine Hockey oder Tennis, sie konnten passive Mitglieder der Fußballklubs werden und hatten so die Möglichkeit, an den sozialen Geselligkeiten teilzunehmen – und sie waren Zuschauerinnen, die, wie das umseitige Bild aus Freiburg zeigt, auf den Tribünen Platz nahmen.

Fotos wie dieses bestätigen, dass es in der Frühzeit des Fußballs nicht unbedingt die Männer aus dem Proletariat waren, die sich für diesen Sport interessierten, sondern dass Fußball zunächst einmal die gutbürgerliche Mittelschicht anlockte, und zwar inklusive Frauen. Nun liegt für manchen Betrachter vielleicht damals wie heute die Annahme nahe, die Damen wären doch nur mitgekommen, weil sie ihre Männer begleiten mussten. Oder um ihre neuen Hüte vorzuführen. Wer weiß, aber sie waren auf jeden Fall da und hatten wahrscheinlich auch ihren Spaß. Denn dass auch die in Vereinen organisierten, Tennis oder Hockey spielenden Frauen durchaus für Fußball zu begeistern waren, zeigt die folgende kleine Randnotiz: Als der Sport-Club Victoria Hamburg von 1895 sich entscheidet, eine Vereinszeitung herauszugeben, so geschieht dies, wie dem Editorial der ersten Ausgabe vom Januar 1907 zu entnehmen ist, nicht zuletzt, um „auch die Damen unserer Tennis-Abteilung, die ein so reges Interesse auch für unser Fußballspiel bereits bekundet haben, noch mehr zu gewinnen.“

Kommentare zur Anwesenheit von Frauen bei Fußballspielen beschäftigten sich jedoch meist weniger mit den Motiven und Interessen der weiblichen Zuschauer als vielmehr mit ihrer Kleidung, und zwar lange bevor aufgeregte Kameras bei Fußballübertragungen in das Dekollete von sommerlich gekleideten Fans zoomten. Im Buch „100 Jahre DFB“ findet sich eine Schilderung des ersten Finales um eine Deutsche Meisterschaft, das 1903 zwischen dem VfB Leipzig und dem DFC Prag (der durch eine Sonderregelung teilnehmen durfte) ausgetragen wurde. Weibliche Besucher, so zeigt sich, spielten hier eine ganz besondere Rolle:

„Es war Pfingsten, und auf einem Exerzierplatz in Altona, das damals noch preußisch war und nicht zu Hamburg gehörte, galt den Hutnadeln der ihre Männer begleitenden Damen, dem Festtag angemessene „Wagenräder“ beachtlichen Ausmaßes, der größte Sicherheitsaspekt. Daß sie gut ver- und gesteckt niemanden verletzen konnten, darauf wurde besonders geachtet, wie ein Augenzeuge berichtet.“ (Martin 1999: 369)

Hutnadeln waren offenbar ein nicht zu unterschätzender Sicherheitsfaktor, denn auch die Vereinszeitung des SC Victoria mit seinen fußballbegeisterten Tennisspielerinnen sieht sich gezwungen, auf dieses Problem hinzuweisen. Im Oktober 1913 heißt es dort eindringlich: „Unsere Damen bitten wir ebenso höflich wie dringend, um Unfälle zu vermeiden, nur mit verdeckten Hutnadelspitzen den Sportplatz zu betreten.“

Während das Finale von Altona im Jahr 1903 von knapp 500 zahlenden, gutbürgerlichen Gästen besucht wurde, herrschten in England zu dieser Zeit schon andere Verhältnisse: Der Fußball war bereits zum Massensport der Arbeiterklasse geworden und gewann – in einer gewissen Umkehrung zur Geschichte in Deutschland – dann in der Zeit zwischen den Weltkriegen auch an Popularität und Ansehen in der bürgerlichen Mittelschicht. Damit wurde Fußball anscheinend auch für Frauen zu einem attraktiveren Freizeitvergnügen mit höherer gesellschaftlicher Akzeptanz. Die britischen Soziologen Eric Dunning, Patrick Murphy und John Williams skizzieren in ihrem Buch „The roots of football hooliganism“ eine Sozialgeschichte des englischen Fußballs. Sie stellen fest, dass es für die 20er- und 30er-Jahre eine ganze Reihe von Belegen für ein größeres Interesse weiblicher Fußballzuschauer gibt, die nach Meinung der Forscher darauf hindeuten, dass „die Fußballplätze in dieser Zeit zunehmend anständige und achtbare Orte wurden, die relativ sicher waren“ (Dunning et. al. 1988: 101). Zeitungsartikel aus den 20er-Jahren berichten insbesondere für die Pokalspiele von zahlreichen Frauen, die sich – teilweise mit Babys im Arm und auch ohne männliche Begleitung – aufmachten, um ihre Vereine auch zu Auswärtsspielen zu begleiten. Die Züge zum Finale in Wembley, so heißt es, waren 1929 rund zur Hälfte mit Frauen besetzt. Die Tageszeitung „Leicester Daily Mercury“ nimmt sich 1923 unter der Überschrift „Women Thrilled by Football“ dieses Phänomens an. Auch hier bieten die äußeren Attribute von Weiblichkeit offenbar wieder einen dankbaren Anknüpfungspunkt, denn der Schreiber äußert sich überrascht darüber, dass Frauen sich im Stadion bei schlechtem Wetter Kleidung, Hüte und Bequemlichkeit ruinieren lassen: „Das zeigt ein Interesse, das fast an Heldentum grenzt.“ (zit. nach Fact Sheet 9)

In den 20er-Jahren hat sich der Fußball auch in Deutschland mehr und mehr zu dem „Volkssport“ entwickelt, als der er auch heute noch firmiert. So haben sich zwanzig Jahre nach dem Finale von Altona die Zuschauerzahlen wesentlich gesteigert, das Pokalendspiel von 1922 zwischen dem HSV und dem 1. FC Nürnberg verfolgen in Berlin rund 25.000 Menschen. Als es nach 90 Minuten keinen Sieger gibt und da auch noch kein Elfmeterschießen vorgesehen ist, wird bis zur Erschöpfung aller Beteiligten weitergespielt und schließlich eine Wiederholung in Leipzig angesetzt. Dieses Mal strömen 60.000 Zuschauer in ein völlig überfülltes Stadion, es kommt zu Ausschreitungen, und auch damals schon flogen Flaschen über die Ränge. Und mittendrin … aber lassen wir einen Zeitzeugen zu Wort kommen:

„der frisch fröhliche Kampf, den die hinteren Reihen im Zuschauerraum mit Sodawasserflaschen gegen die vorderen Linien geführt haben. Wie das flog, klirrte und in der Sonne glitzerte, als so einige tausend Sodawasserflaschen auf einem Frontabschnitt von 200 Meter hoch im Bogen auf die vorderen Reihen niederprasselten. Es war lieblich anzusehen, wie sie da im schwarzen Dreck zur Deckung gegen die feindlichen Geschosse niedergestreckt lagen, die Damen mit den weißen Sommer-Kleidern. Sowas muß man gesehen haben! Da muß man dabei gewesen sein!“ (Bausenwein et. al. 1996: 254)

Die Vorkommnisse dieses Spiels mögen manche Frau (und manchen Mann) verschreckt, vielleicht aber auch nur bewogen haben, sich künftig beim Fußball anders zu kleiden. Zwei Jahre später steht der 1. FC Nürnberg in jedem Fall wieder in einem Finale, dem Pokalendspiel in Berlin. Begleitet wird er unter anderem von diesen Fahnen schwenkenden weiblichen Fans, die sich am Ende auch über einen Sieg ihres Teams freuen durften.

„Wesensverschiedenheiten“ – Fußball kommt vom Mars, Frauen von der Venus

Der österreichische Kulturwissenschaftler Matthias Marschik beschäftigt sich in seinem Buch „Frauenfußball und Maskulinität“ nicht nur mit Spielerinnen, sondern auch mit der Rolle weiblicher Zuschauer beim Fußball. Er gelangt zu der Feststellung, dass in den frühen 20er-Jahren, also zu der Zeit, in der Fußball sich auch in Österreich zu einem Massensport entwickelt, die Positionen von Frauen in der Fußballwelt definiert wurden, und zwar innerhalb bestimmter Parameter, die noch heute ihre Gültigkeit haben:

„Die Beziehung zwischen Frauen und Fußball wurde in dieser Zeit auf einen neuen Status eingeschworen, nämlich auf jenen des ‘Unverständnisses’. […] Das Stadion wird als maskulin konnotiertes Territorium konstruiert, auf dem Verständigung nicht mehr möglich ist.“ (Marschik 2003: 98)

So druckte das „Illustrierte Sportblatt“ 1920 in einer Glosse den fingierten Leserinnenbrief „Von einem Backfisch“ ab, in dem es hieß: „Ich finde das Fußballspiel einfach entzückend. Insbesondere zwei Stürmer von Rapid.“ Dieser von Männerseite imaginierte Kurzschluss von weiblicher Liebe zum Spiel mit Liebe zum Spieler dürfte vielen Frauen auch heute noch bestens bekannt sein. Und die folgenden Ausführungen dieses immerhin 85 Jahre alten Artikels, die Marschik wiedergibt, könnten auch in den Marketingabteilungen heutiger Bundesligaklubs ersonnen worden sein.

„In der Folge wurden Ratschläge zur Gestaltung des Fußballspiels für weibliche Fans gegeben, etwa, daß alle Spieler durch Armschleifen ihre ‘Angehörigkeit zur Kategorie der Verheirateten, Verliebten oder Unbeweibten nachzuweisen’ hätten, daß Programmhefte die Vorlieben der Spieler für bestimmte Haarfarben oder ihre Heiratswilligkeit enthalten sollten und nach dem Spiel ein Treffpunkt für Spieler und weibliche Fans geschaffen werden müßte. Mit solchen Maßnahmen würde jeder Klub ‘in kurzer Zeit die Zahl seiner Anhängerinnen verdoppelt haben’. Der Diskurs über den Konnex von Frauen und Fußball hatte sich dabei gravierend verändert, denn nun wurden Frauen die Spiel- und Regelkundigkeit rundweg abgesprochen. Die Ökonomisierung des Fußballs brachte es mit sich, daß auch auf weibliches Publikum nicht verzichtet werden konnte, doch ging man von einer Wesensverschiedenheit zwischen Frauen und Fußball aus, die Frauen nur mehr im Status der unbedarft Staunenden und Bewundernden denkbar scheinen ließ.“ (Marschik 2003: 99f.)

Diese Vorstellung einer „Wesensverschiedenheit“ von Frauen und Fußball, die vor vielen Jahrzehnten von männlichen Schreibern auf den Weg gebracht wurde, wird auch heute noch, zumal vor Bundesligastart oder bei Welt- und Europameisterschaften, mit einer bisweilen zwanghaften Hartnäckigkeit wiederholt – nicht selten auch von Frauen, die sich in der Rolle als Fußball-Alien wohl fühlen.

Sollte Marschiks Datierung der Entstehung dieses Phänomens zutreffen, ist das Bemerkenswerte daran, dass es genau zu einer Zeit auftritt, als Fußball ein gesellschaftlich relevanter Faktor wird, der nicht nur ökonomisches, sondern im Laufe der Jahre auch immer stärker politisches, soziales und kulturelles Kapital hervorbringt. Solange es sich um den Zeitvertreib einiger spleeniger Zeitgenossen handelte, spielte es keine große Rolle, wer diesem Sport zusah, wer ihn betrieb und wer was darüber wusste und sagen konnte. Mit der Entwicklung des Fußballs zum Massensport, bei dem es nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz etwas zu gewinnen gab, wurden die Zuweisung und das Absprechen von Kompetenzen und Zugehörigkeiten dringlicher.

Anhand einiger historischer Spuren weiblichen Fußballinteresses lässt sich erkennen, wie diese Definitionen damals und auch heute noch funktionieren. Da hätten wir beispielsweise die Gegenüberstellung von „echten“, männlichen Fans proletarischer Herkunft, denen der Fußball von Rechts wegen gehört, und gutbürgerlichen Frauen, die versuchen, ihnen den Sport abspenstig zu machen. Der Historiker Nicolas Fishwick schildert in „English football and society 1910–1950“ folgenden kleinen Konflikt: 1925 beschwerte sich in Sheffield ein Leserbriefschreiber über die zahlreicher werdenden Frauen, die sich von ihren wohlhabenden Männern ins Stadion ausführen ließen, keine Ahnung vom Spiel hätten und mit ihren Hüten nur den echten und hart arbeitenden Fans die Sicht versperren würden:

„Wann werden Frauen damit aufhören, sich in Männerangelegenheiten einzumischen? Wenn man die nötigen finanziellen Mittel hat, ist es keine Kunst, zu Auswärtsspielen zu fahren. Aber die Ehre gebührt dem Mann, der dafür seine letzten Groschen hinlegt.“ (Fishwick 1989: 58)

In Antwortbriefen wurde dem zornigen Fan von einigen Leserinnen beschieden, dass die reichen Damen nicht die einzigen weiblichen Besucher im Stadion wären, sie selbst zum Beispiel gehörten auch zu den Fans auf den billigen Plätzen. Und im Übrigen würden Frauen nicht aufhören, sich in Männerangelegenheiten zu mischen, solange sie sich für diese Angelegenheiten interessieren.

So ist nicht verwunderlich, dass es über die Jahrzehnte hinweg oft Hintertüren und Nischen waren, die interessierten Frauen eine Teilhabe am Fußballgeschehen ermöglichten. In England entstanden schon in den 20er-Jahren „Ladies Committees“, die ihre jeweiligen Vereine durch verschiedene Aktivitäten unterstützten, indem sie beispielsweise Feste organisierten, neuen Spielern und ihren Familien bei der Eingewöhnung behilflich waren oder aber Fundraising betrieben. Einerseits bot dies natürlich eine Möglichkeit, sich zu engagieren und für den Klub einzusetzen, andererseits blieb ihnen der Status als „echter“ Fan, als Expertin oder gar eine tatsächliche Machtposition im Verein verwehrt, der wiederum die typisch weiblichen Tugenden „Beziehungsarbeit leisten“ und „Kuchen backen“ nutzen konnte. Auch heute noch gibt es in zahlreichen Klubs Frauen, die in Kartenhäuschen, Vereinsbüros oder -kneipen arbeiten. Sie übernehmen „die unsichtbaren Aufgaben und die Verantwortung“, wie Antje Hagel, Redakteurin des Fanzines „Erwin“ in ihrem Artikel über „Die Mädels in der Geschäftsstelle“ der Offenbacher Kickers schreibt.

Eine Nische der Fußballwelt, in der Frauen wohlgelitten waren, hatte das Illustrierte Tageblatt aus Österreich schon 1920 mit der Fantasie vom Stadion als Heiratsmarkt ausgemacht: die Schwärmerei für die Spieler. Auf diesem Wege – nämlich als Spielergattin – konnten Frauen sogar Einlass ins Allerheiligste finden: Blättert man Exemplare des „Kicker“ aus den 50er-Jahren durch, findet man sie dort nämlich durchaus, und zwar auf der letzten Seite unter der Rubrik „Fußballer und ihr Familienalbum“, zusammen mit Kind und/oder Haustier der jeweiligen Spieler. Da heißt es dann, dass manche Gattin oder Verlobte auch am Fußball Anteil nimmt, andere aber „zu aufgeregt“ sind, um Spiele von der Tribüne zu verfolgen – das entspricht der auch heute noch aktuellen Rolle der Spielerfrau, deren Fußballinteresse meist als Teil der ehelichen Pflichten und keineswegs als persönliche Leidenschaft wahrgenommen wird.

Waren Frauen auch fußballideologisch meist verzichtbar bis lästig, völlig verprellen konnte man sie dennoch nicht – zumindest nicht in Zeiten schlechter Kickkonjunktur: In England wurde der Zuschauerzuspruch insgesamt und damit sicher auch der der Frauen in den 50ern und frühen 60ern geringer, die Gründe dafür lagen unter anderem auch in der zunehmend gewalttätigen Atmosphäre in den Stadien, so berichten es John Williams und Donna Woodhouse vom Sir Norman Chester Centre for Football Research. Die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 1966 im eigenen Land wurde als Anlass genommen, um die Attraktivität des Fußballs wieder zu erhöhen und auch mehr Frauen dafür zu interessieren. Im Prinzip vielleicht durchaus ein lobenswerter Ansatz, der allerdings darin bestand, Fernsehzuschauerinnen die Regeln (insbesondere natürlich das Abseits) und andere Feinheiten der Faszination Fußball zu erläutern. Dem deutschen Berichterstatter Bodo Harenberg immerhin fällt während der Weltmeisterschaft auf, dass auf den Rängen durchaus Frauen anzutreffen waren, und zwar mehr als von ihm erwartet. Wie sie dorthin gelangt sind, kann er sich schnell erklären: Sie wurden von Ehemännern oder Brüdern mitgenommen. Und was sie im Stadion suchen, ebenfalls: nicht so sehr Fußball, als vielmehr Unterhaltung.

„Überraschend viele Frauen sahen in England den Spielen zu, mehr jedenfalls, als in Deutschland oder Frankreich auf dem Sportplatz anzutreffen sind. Während der englische Mann für gewöhnlich gern unter Männern ist, scheint ihm der Fußballplatz eine Stätte der Gemeinsamkeit zu sein. Vor allem junge Männer gingen Seite an Seite mit Frauen, Bräuten oder auch jüngeren Schwestern ins Stadion.

Sie brauchten sich nicht zu sorgen, daß ihre Begleiterinnen Langeweile spüren können, denn bei englischen Fußballveranstaltungen ist die Kost nicht eintönig wie anderswo in der Welt. Bei der Weltmeisterschaft gab’s kein Spiel, das nicht durch die Märsche eines Musikregiments eingeleitet und in der Halbzeit verschönt worden wäre.“ (Harenberg 1966: 174)

Diese Randnotizen und Fotos aus der „großen“ Fußballhistorie fügen sich nicht zu einem klaren Gesamtbild der Geschichte weiblicher Zuschauer und Fans, sie zeigen aber, dass es neben der dominanten historischen Erzählung von Männern und ihrem Fußball immer auch eine andere gab, die weniger sichtbar und zweifellos auch weniger wirkungsmächtig war, aber nichtsdestotrotz ihre Spuren hinterlassen hat. Fußball ist in der Vergangenheit nicht nur deswegen ein Sport von Männern und für Männer gewesen, weil es hauptsächlich Männer waren, die als Spieler und Zuschauer daran teilgenommen haben. Die weitgehende Abwesenheit von Frauen war nicht nur eine numerische, sondern auch und vor allem eine ideologische. Frauen und Mädchen waren – das zeigen die Bilder und Textschnipsel – schon immer dabei, sie schauten zu und spielten auch selbst, aber, so wie die Fußballkultur (und zwar lange bevor es diesen Begriff gab) definiert war, gehörten sie nicht dazu.

Denn nach der immer noch herrschenden Lesart begleiteten die gutbürgerlichen Damen in Hüten und weiten Kleidern lediglich ihre Männer, die jungen weiblichen Stadionbesucher aus den 20ern oder 50ern schwärmten nur für die Spieler, die älteren Frauen backten Kuchen, waren Mütter, Omas oder Kneipenwirtinnen und im Grunde nur zufällig am Fußballplatz vor Ort. Männer jedoch sind und waren immer und überall Fans und Experten, deren Motive nicht hinterfragt werden müssen.

Diese Doppel(fan)moral hat ihre Ursache natürlich nicht zuletzt darin, dass Frauen – nicht nur was den Fußball betrifft – in der Vergangenheit nur selten die Erzählerinnen ihrer eigenen Geschichte gewesen sind. Denn wer macht schließlich die Fotos, wer zählt die Zuschauer und ihr Geschlecht, wer erzählt die Geschichten von den Rängen und wer interpretiert die Beweggründe, Gefühle und Gedanken der Zuschauer und Zuschauerinnen?

Stimmen zum Spiel

Umso wichtiger und interessanter ist es, Frauen selbst zu Wort kommen und von ihren Erfahrungen und Erlebnissen berichten zu lassen. In meinem Buch „Watching the Boys Play. Frauen als Fußballfans“ habe ich dies mit unbekannten Fußballfans und -zuschauerinnen getan, an dieser Stelle möchte ich zum Ende nun aus dem Text einer Frau zitieren, die nicht durch den Fußball bekannt geworden ist, aber dennoch oder gerade deswegen wunderbar darüber schreibt. Val McDermid wurde 1955 geboren, wuchs in einem schottischen Bergbaugebiet auf, und die Erinnerungen an ihre „Liebe zum Spiel“ beginnen vor rund vier Jahrzehnten:

„Es muss ein Samstag gewesen sein. Denn damals, als ich vier Jahre alt war, war der Samstag der Tag der Fußballspiele. Die Männer auf dem Platz waren wahrscheinlich Gruben-, Werft- und Fabrikarbeiter. Es regnete in Strömen, und der Platz war mehr Matsch als Gras. Ich stand auf einer Holzbohle, damit meine Schuhe nicht schlammig würden, und die Hand meines Vaters hielt meine fest umklammert und so wenigstens diesen kleinen Teil von mir warm und trocken. […] Ich liebe den Fußball, seit ich denken kann. Und ich schäme mich nicht zu sagen, dass mich in meiner Heimatstadt mehr Menschen als Tochter meines Vaters kennen denn als die Autorin internationaler Bestseller. Für sie werde ich immer Jim McDermids Mädchen bleiben, weil es mein Vater war, der Slim Jim Baxter entdeckte, den größten schottischen Spieler seiner Generation.“

McDermid rettet ihre Liebe auch über die wenig fußballfreundliche Umgebung ihrer Universitätsjahre hinweg:

„Als ich in den frühen 70ern studierte, war Fußball hoffnungslos uncool. Zuzugeben, dass man 22 Männern in engen kurzen Hosen (die 70er …) dabei zusah, wie sie über ein Feld liefen, weil man ihre Technik bewunderte und nicht ihre Beine oder Dauerwellen, bedeutete den sozialen Tod. Ich war bereits seit Monaten mit einer Studienkollegin befreundet, bevor sie mir spät eines Nachts nach ein paar Joints gestand, dass sie West-Ham Fan war. Und während sie beichtete, wusste ich, dass sie fürchtete, dieses Eingeständnis würde das Ende unserer Freundschaft bedeuten. Stattdessen sahen wir uns gemeinsam ein paar Spiele an.“

Ebenso wie über Vorurteile gegenüber Frauen beim Fußball, denen sie sich erst spät und umso verblüffter gegenübersieht:

„Meine erste Begegnung mit einem Mann, der glaubte, Frauen hätten keinen Platz im Fußball, war ein Schock für meine Vorstellungswelt. Ich hatte als Volontärin in Plymouth begonnen und dachte mir, ich könnte es mal mit dem Team von Plymouth Argyle probieren. Also ging ich rüber, um mit dem Chef-Sportreporter zu sprechen.

‘Was interessiert dich Argyle?’, erkundigte er sich kampfeslustig. ‘Vielleicht will ich hingehen’, sagte ich unschuldig. ‘Ich schreibe über die Spiele hier’, sagt er. ‘Ich brauche keinen Anfänger, der mir dazwischen funkt.’ ‘Ich will nicht schreiben, ich will zuschauen.’ ‘Du willst Freikarten?’ ‘Nein, ich will bloß zuschauen.’ ‘Frauen gehen nicht zum Fußball’, sagte er abfällig. ‘Was bist du? So ‘ne Verrückte?’

Nun ja. Das ist eine andere Geschichte. Mich machte sie sprachlos. Stimmt schon, während ich aufwuchs, hatte ich meistens mit Jungen und Männern über Fußball geredet, aber sie hatten mich nie behandelt, als gehörte ich nicht dazu. Vielleicht ist das eine schottische Eigenart: unserer Nationalmannschaft beizustehen, erfordert einen ausgeprägten Hang zum Masochismus. Deshalb sind wir alle erbärmlich dankbar, Gleichgesinnte zu finden wo immer wir können. Aber es war mir nie in den Sinn gekommen, dass Frauen nicht erwünscht wären.“

Und schließlich finden sich auch in McDermids Text weitere kleine Puzzlestücke der ungeschriebenen Geschichte weiblicher Fußballfans:

„Es ist wahr, dass viele Frauen in den 70ern und 80ern aufhörten, in die Stadien zu gehen, aber das lag an den Hooligans. Die Männer nahmen aus den gleichen Gründen ihre Kinder nicht mehr mit. Aber niemand hatte mir je zu verstehen gegeben, dass ich kein Recht hätte, da zu sein. Als ich das erste Mal nach Old Trafford fuhr, war ich also ein bisschen zurückhaltend. Würde ich die einzige Frau im Stadion sein?

Zum Glück war ich es nicht. Auf den Rängen des Theaters der Träume waren viele Frauengesichter zu sehen, während dieses mörderischen Saisonfinales anno ‘80, in dem die Reds acht von zehn Spielen gewannen.“ (McDermid 2002)

Literatur

„Wenn die Weiber so verrückt sind“ In: taz, 9.6.2000.

Bausenwein, Christoph; Harald Kaiser; Bernd Siegeler. 1. FC Nürnberg: Die Legende vom Club. Göttingen: Verlag Die Werkstatt 1996.

Dunning, Eric; Murphy, Patrick; Williams, John: The Roots of football hooliganism: An historical and sociological study. London (u. a.): Routledge 1988.

Fechtig, Beate. Frauen und Fußball: Interviews, Porträts, Reportagen. Dortmund: Ed. Ebersbach eFeF-Verlag 1995.

Fishwick, Nicholas: English football and society, 1910–1950. Manchester: Manchester University Press 1989.

Hagel, Antje: „Die Mädels von der Geschäftsstelle“ In: ERWIN Unabhängiges OFC-Fan-Magazin Nr. 5, Mai 1995.

Harenberg, Bodo. Das große Spiel um Geld und Tore. Fußball-Weltmeisterschaft 1966. Econ-Verlag Düsseldorf/Wien 1966.

Marschik, Matthias: Frauenfußball und Maskulinität: Geschichte – Gegenwart – Perspektiven. Münster (u. a.): LIT 2003.

Hans Günter Martin: „Festtage des Fußballs. Die Endspiele der Deutschen Meisterschaften und des DFB-Pokals“. In: 100 Jahre DFB. Die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes. Herausgegeben vom DFB. Redaktion: Wolfgang Niersbach, Rudi Michel. Sportverlag Berlin 1999, 369–386.

McDermid, Val: „Die Liebe zum Spiel“. In: Die Welt, 25.5.2002.

Sir Norman Chester Centre for Football Research, Fact Sheet 9: „A Brief History of Female Football Fans“ (Letztes Update 15. März 2004)

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Inhalt

Inhalt

Einleitung

Vorwort

Frauen und Fußball– Historische Spuren einer alten Leidenschaft

Die im Dunkeln sieht man nicht… Weibliche Fußballfans im Fokus von Marketing, Medien und Meinungsmachern

Fußball als Schutzraum für Männlichkeit? Ethnographische Anmerkungen zum Spielraum für Geschlechter im Stadion

Anna und ich im Klub der Hoffnungsvollen. Ein Lagebericht aus Wien

Samstags im Reservat. Anmerkungen zum Verhältnis von Rassismus, Sexismus und Homophobie im Fußballstadion

„Kleine Maus, zieh dich aus!“ Als „Pink Lady“ in der Machowelt des Fußballs

Calcio parlato. Ein Interview mit Birgit Schönau

Mittendrin und doch abseits. Frauen in japanischen Fußballstadien

Der Heterofußball auf dem langsamen Weg in die Gegenwart. Ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling

Mit dem Arsch zur Wand … Vom Warten auf den ersten schwulen Bundesliga-Star

Frauen in der Hooligan-Szene

Frauen in Sicherheit!?

Stereotype – Exklusionsmechanismen gegenüber Trainerinnen im Frauenfußball

Männerwelt Fußball? Eine psychologische Untersuchung zum österreichischen Frauenfußball

Picknick auf dem Mittelkreis. Arbeit mit weiblichen Fußballfans nach einem Modellprojekt in Bremen

WE WANT YOU! Campaigning against sexism in football? Der Versuch eines praxisbezogenen Leitfadens

Autorinnen und Autoren

Träger:
Deutsche Sportjugend
Gefördert von:
Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Deutscher Fußballbund