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Frauen in Sicherheit!?

Ein Gespräch mit Antje Hagel

Antje Hagel arbeitet seit 2001 im Fan-Projekt Offenbach mit einer Fanszene, die immer noch als "problematisch" eingestuft wird. Außerdem beschäftigt sie sich schon länger auch theoretisch mit Repression und Ausgrenzung und war als Fan-Projektlerin im DFB-Arbeitskreis vertreten, in dem die Richtlinien zur Vergabe von Stadionverboten diskutiert wurde. Im Gespräch mit Nicole Selmer spricht Antje Hagel über die neuen Spielzeuge der Sicherheitsindustrie, die Verbindung von Frauen, Gewalt und Sicherheit und ihre eigenen Erfahrungen als Frau im Stadion.

Zum Thema Sicherheit zunächst mal die scheinbar ganz banale Frage - worum geht es dabei eigentlich?

Die Sicherheitsdebatte dreht sich um die Abwehr von Ausschreitungen im Stadion einerseits und um die Beeinflussung der Atmosphäre in den Städten andererseits. Die gängigen Sicherheitskonzepte gehen davon aus, dass es fast zwangsläufig zu Ausschreitungen zwischen Gruppen von Fans, körperlichen Auseinandersetzungen unter Fans kommen wird, sofern man nicht dafür sorgt, dass jeder Zuschauer und jeder Zuschauerin einer eingehenden Kontrolle und Überwachung unterzogen wird. Hierzu werden zur Weltmeisterschaft 2006 die Technologien der neuen Sicherheitsindustrien eingeführt wie die RFID-Chips in den Eintrittskarten, die technisch eine lückenlose Überwachung der Kartenträgerin und des Kartenträgers möglich machen – ob das wirklich auch praktisch der Fall sein wird, sei mal dahin gestellt. RFID-Chips sind kleine Sender, die manchmal auch in der Diebstahlsicherung in Kaufhäusern zu finden sind. Wenn man im Kaufhaus durch den Eingang geht, fängt es an zu piepsen. Das Piepsen kann man aber auch abstellen und einfach nur die Bewegungen im Kaufhaus bzw. im Stadion beobachten. Diese Chips, die auch von Datenschützern kritisiert werden, wurden im Juni 2005 beim Confed Cup im Frankfurter Stadion schon eingesetzt.

Kommen wir zum Thema Gewalt …

… das ja von den Medien auch gern immer mal wieder aufgegriffen wird. Gerade deswegen ist es wichtig, bei den einzelnen Geschehnissen wirklich genau hinzusehen, ich denke dabei etwa an die Vorfälle von Celje beim Länderspiel Slowenien-Deutschland oder auch an einige Zweitligaspiele in der Saison 2004/05.

Zu beobachten ist zum Beispiel, dass die Ordnungskräfte einen immer weiteren Begriff von Gewalt benutzen. Was vor 10 Jahren noch keine Ausschreitung war oder teilweise noch nicht mal eine Ordnungswidrigkeit, ist heute verboten und wird strafrechtlich verfolgt. Dieses immer enger werdende Netz von Regeln, Gesetzen und Verordnungen lässt sich auch an Beispielen verdeutlichen: Das Besteigen der Zäune war nie erwünscht und auch untersagt, inzwischen ist es aber verboten und wird als Ordnungswidrigkeit verfolgt. Ebenso das so genannte „Wildpinkeln“, das durch die Gefahrenabwehrverordnung der Stadt Offenbach zu einer Ordnungswidrigkeit wurde. Darüber hinaus wird mann – Frauen sind hier nur selten betroffen – sehr schnell zum „Gewalttäter Sport“, ohne jemals einer strafrechtlich relevanten Tat beschuldigt geschweige denn verurteilt worden zu sein. Manchmal reicht schon die einfache Anwesenheit in einer Gruppe, der abweichendes Verhalten unterstellt wird, die also als potenzielle Gewalttäter gelten.

Als Gewalt wird in dieser Debatte generell physische Gewalt unter Männern, Sachbeschädigung, Diebstahl und Raub von Fahnen und Schals und – in den Fällen, wo die Verantwortlichen entsprechend weit gedacht haben – rassistische Diskriminierungen gegenüber Spielern und Fans verstanden. Sicherheit ist also die Abwesenheit von diesen Phänomen.

Und wo tauchen Frauen in dieser Vorstellung auf?

Frauen tauchen in diesen Konzepten eigentlich nur als kontrollierte Wesen auf. Spätestens wenn ihnen die Rucksäcke, Labellos oder Deostifte abgenommen werden, spüren sie die Kontrolle am eigenen Leib und dürfen sich so richtig sicher fühlen ...

In der Regel sind Frauen weder Täterinnen, noch sind sie in die Auseinandersetzungen unter Fans involviert. Manchmal, aber nur selten, werden Frauen Opfer bei Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Fans, wie bei den Aufstiegsfeierlichkeiten im Mai 2005 der Frankfurter Fans in Sachsenhausen, als von Seiten der Polizei wahllos auch auf Unbeteiligte eingedroschen wurde.

Wenn Frauen jedoch in der Sicherheitsdebatte auftauchen, dann viel zu oft als Argumente für eine verstärkte Sicherheitspolitik im Stadion. Es heißt, wenn es weniger Gewalt in den Stadien gäbe, würden mehr Frauen in die Stadien kommen, und man tut andersherum so, als ob die Anwesenheit von Frauen die raubeinigen Männer zivilisieren würde. Beide Argumente führen aber leider dazu, dass Frauen mitunter nicht besonders gut gelitten sind in den Fankurven und als Agentinnen der Verbürgerlichung wahrgenommen werden.

Frauen sagen in Befragungen ja aber durchaus, dass die Angst vor Ausschreitungen sie vor einem Besuch im Stadion abhält – und zwar auch bezogen auf Bundesligaspiele. Wie würdest du diese subjektive Sorge denn einschätzen?

Die lauten, oftmals betrunkenen und nicht besonders höflichen männlichen Fans können einer Frau oder einem Mädchen schon Angst machen, nur denen begegnen Frauen auch in der S-Bahn, auf dem Jahrmarkt oder denk doch nur früher die Bundeswehrsoldaten... Früher waren die wirklich eine arge Belästigung in den Zügen, wenngleich ich sagen muss, dass die Jungs, die mir heute begegnen, inzwischen nicht mehr so penetrant sind, wieso weiß ich aber überhaupt nicht ... Zum subjektiven Erleben kann ich ansonsten nur sagen, dass ich auf dem Bieberer Berg in Offenbach auch im Stadion war, als ich im siebten Monat schwanger war, und ich hatte jederzeit das Gefühl, in Sicherheit zu sein.

Aber das Stadion ist natürlich ein besonderer sozialer Raum, in dem Frauen wie Männer laut sein dürfen, eine (ihre) Mannschaft anfeuern können, wo sie fluchen und sich auch mal daneben benehmen können. Die dabei entstehenden mächtigen Gefühle und die latente Aggression, das Aufgehen in der Masse und das Erleben eines Fußballspiels als Rausch, das alles ist auch eine gewaltige Erfahrung. Das Gefühl mittendrin zu sein, Einfluss nehmen zu können auf den Verlauf eines Spiels, auf die Spieler selbst, ist kaum zu beschreiben. Wer sich schon einmal bei einem Open-Air-Konzert in die Menge vor der Bühne gewagt hat, hat so etwas vielleicht schon einmal erlebt. Und dieses Gefühl und diese Erfahrung macht – übrigens nicht nur Frauen – manchmal Angst.

Du sagst, dass die von Männern ausgehende und auf andere Männer bzw. Gegenstände gerichtete Gewalt eigentlich erst einmal mit Frauen nichts zu tun hat. Gibt es denn eine Form von Gewalt und von Unsicherheit im Stadion, der speziell Frauen ausgesetzt sind?

Frauen sind anderen Angriffen ausgesetzt, nämlich eindeutigen sexualisierten Angeboten, versteckten Angriffen und manchmal auch offenen Handgreiflichkeiten. Davor glaubt manche Frau sich durch eine angepasste, nicht auffällig weibliche Kleidung schützen zu müssen, andere gehen vielleicht bewusst in die Offensive, mit kurzem Rock und Spaghetti-Top. Viele Frauen im Stadion blenden solche Übergriffe, insbesondere natürlich die verbalen, jedoch ganz einfach aus. Sie ertragen diese Atmosphäre und legen sogar Wert darauf, solche Vorfälle nicht als sexistisch zu benennen.

Diese Formen der Gewalt tauchen in den Sicherheitsdiskursen rund um die Stadien so gut wie gar nicht auf. Vielmehr müssen sich Frauen, die dagegen angehen, als Zicken, reif für die Klapse oder als Emanzen beschimpfen lassen. Und auch die Funktionäre halten ja mit sexistischem Verhalten und sexistischen Äußerungen nicht hinter dem Berg, da stellt sich natürlich auch die Frage, wieso sollte dann der „gemeine“ Fußballfan sich anders verhalten?

Du bist ja auf verschiedenen Ebenen in den Fußball involviert. Ist es schwer, die auseinander zu halten?

Ich glaube schon manchmal, dass vier Herzen in meiner Brust wohnen: Als langjähriger weiblicher Fußballfan muss ich sagen, dass auch die männlich geprägte Fankultur etwas Erhaltenswertes hat, als Feministin habe ich mich schon oft gefragt, was Frauen beim Fußball suchen. Als Fanzine-Macherin wiederum habe ich immer wieder mal zum Ausdruck gebracht, was Fußball auch für Frauen bedeuten kann. Und als Fan-Projektlerin begleite ich die Mädchen und jungen Frauen seit geraumer Zeit und ermutige sie – und mich – dazu, sich in einem männlich dominierten Raum einen eigenen, selbstbestimmten Platz zu erkämpfen.

© 2009 Koordinationsstelle Fanprojekte | Impressum

Inhalt

Inhalt

Einleitung

Vorwort

Frauen und Fußball– Historische Spuren einer alten Leidenschaft

Die im Dunkeln sieht man nicht… Weibliche Fußballfans im Fokus von Marketing, Medien und Meinungsmachern

Fußball als Schutzraum für Männlichkeit? Ethnographische Anmerkungen zum Spielraum für Geschlechter im Stadion

Anna und ich im Klub der Hoffnungsvollen. Ein Lagebericht aus Wien

Samstags im Reservat. Anmerkungen zum Verhältnis von Rassismus, Sexismus und Homophobie im Fußballstadion

„Kleine Maus, zieh dich aus!“ Als „Pink Lady“ in der Machowelt des Fußballs

Calcio parlato. Ein Interview mit Birgit Schönau

Mittendrin und doch abseits. Frauen in japanischen Fußballstadien

Der Heterofußball auf dem langsamen Weg in die Gegenwart. Ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling

Mit dem Arsch zur Wand … Vom Warten auf den ersten schwulen Bundesliga-Star

Frauen in der Hooligan-Szene

Frauen in Sicherheit!?

Stereotype – Exklusionsmechanismen gegenüber Trainerinnen im Frauenfußball

Männerwelt Fußball? Eine psychologische Untersuchung zum österreichischen Frauenfußball

Picknick auf dem Mittelkreis. Arbeit mit weiblichen Fußballfans nach einem Modellprojekt in Bremen

WE WANT YOU! Campaigning against sexism in football? Der Versuch eines praxisbezogenen Leitfadens

Autorinnen und Autoren

Träger:
Deutsche Sportjugend
Gefördert von:
Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Deutscher Fußballbund