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27. Aug 2009

WM-Countdown. Ein Stimmungsbericht aus Südafrika

Am Freitag sind es noch exakt 300 Tage, bis das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika angepfiffen wird. Ein guter Zeitpunkt für einen kleinen Stimmungsbericht aus dem Gastgeberland, denn sollte der deutschen Nationalmannschaft im Herbst die Qualifikation gelingen, werden sicher auch Fans in Deutschland anfangen, Reisepläne für Südafrika zu schmieden. Der Fotograf Ulrich Döring lebt in Kapstadt und berichtet im Gespräch mit der KOS über die Baustellen in Südafrika, die Unterstützung für das Nationalteam und den Umgang mit europäischen Hörgewohnheiten.

Foto: Ulrich Döring
Foto: Ulrich Döring

Hallo Ulrich, zuerst einmal die Frage nach dem Wetter. In Südafrika ist derzeit Winter. Wie müssen wir uns das denn vorstellen?

Also, derzeit ist das Wetter für unsere Verhältnisse sehr schlecht, das heißt Nieselregen und 8 Grad. Das sind aber in etwa auch die kältesten Temperaturen, die man hier in Kapstadt haben kann. Es regnet im Winter nur in der Kapregion, was heißt, dass von den WM-Spielorten nur Kapstadt und Nelson Mandela Bay/Port Elizabeth darunter leiden werden. Im Rest des Landes regnet es in dieser Jahreszeit nur ganz selten. Wenn es schlecht läuft, kann es während der WM im Juni und Juli im höher gelegenen Johannesburg allerdings nachts ganz schön kalt werden. Das ist also im Vergleich zum deutschen WM-Sommer von 2006 schon eine kleine Umstellung.

Foto: Ulrich Döring
Foto: Ulrich Döring

Ist denn von der Weltmeisterschaft schon viel zu bemerken?

Zumindest in Johannesburg ist der Flughafen mit Plakaten förmlich gepflastert, vielleicht auch, nachdem Joseph Blatter nach seinem letzten Besuch angemerkt hat, dass die Werbung bisher doch etwas zu wünschen übrig lässt. Ansonsten sind gerade die ärmeren Leute hier derzeit mit anderen Dingen beschäftigt. Die Rezession ist auch in Südafrika angekommen, hinzu kommt der Winter. Die Kälte und der Regen sorgen dafür, dass es in den Townships im Moment große Probleme gibt. Seit Jacob Zuma im Mai Staatspräsident wurde, drängen die Leute darauf, dass die Versprechen endlich eingelöst werden, die Infrastruktur in den Townships zu verbessern, also Strom- und Wasserversorgung oder Müllabfuhr. Gerade in diesen Bereichen gab es in der letzten Zeit viele, teilweise sehr aggressive Streiks für Lohnerhöhungen, bei denen sogar ein Polizist ums Leben gekommen ist. Auch die Bauarbeiter der WM-Stadien waren übrigens schon im Streik, da hat man sich aber relativ schnell auf eine Lohnerhöhung geeinigt, die Angst vor dem Imageverlust, falls die Stadien nicht rechtzeitig fertig werden, war da sicher sehr groß. Und auch Streiks etwa im Nahverkehr, der vor allem über Minibusse läuft, wird die Regierung unbedingt vermeiden wollen.

Foto: Ulrich Döring
Foto: Ulrich Döring

Was sind denn aus deiner Sicht die größten „Baustellen“ zehn Monate vor der WM?

Die tatsächlichen Baustellen, also die Stadien, scheinen kein großes Problem zu sein. Die Schwierigkeiten liegen eher im Bereich der Infrastruktur, im Transport und Verkehr, Straßenbau oder in der Unterkunftsfrage. Die WM ist ein einmaliges Ereignis, es werden deswegen nicht in den Jahren danach Hunderttausende ins Land kommen, und das heißt, man investiert jetzt nicht reihenweise in neue Hotels, zumindest nicht im Mittelklassebereich. Einige neue Luxushotels entstehen natürlich schon. Südafrika hat zwar schon mehrere große, internationale Sportereignisse, wie zum Beispiel die Rugby- und Cricketweltmeisterschaften, veranstaltet, aber die Fußball-WM ist natürlich viel größer. Das Land empfängt jedes Jahr Millionen von Touristen, doch wie die Infrastruktur mit der Ankunft von ungewöhnlich großen Anzahlen von WM-Fans aus aller Welt zurechtkommt, wird sich wohl erst nächstes Jahr zeigen. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind hierzulande nicht besonders gut ausgebaut und eines der größeren Probleme besteht sicher darin, die Fans effizient vom Flughafen zu Hotels und von den Hotels zu den Stadien zu transportieren.

Foto: Ulrich Döring
Foto: Ulrich Döring

Ein heißes Thema bei jeder Europa- oder Weltmeisterschaft sind die Tickets. Der Kartenverkauf für Südafrika läuft ja längst. Was sind deine Eindrücke?

Hier gibt es insofern einige Besonderheiten im Vergleich zu früheren WMs, als dass die günstigsten Tickets der Kategorie 4 nur für Südafrikaner bzw. in Südafrika Lebende erhältlich sind. Diese Tickets, die in der 1. Verkaufsphase beantragt werden konnten und verlost werden, sind aus europäischer Sicht sehr günstig, für ein Gruppenspiel zahlt man umgerechnet etwa 12 Euro. Außerdem gibt es aus dieser Kategorie ein Gratis-Ticketkontingent für Südafrikaner, die sich keinen Stadionbesuch leisten könnten, und auch jeder Bauarbeiter, der beim Bau der Stadien beteiligt war, bekommt zwei Karten gratis.

Wie sieht es denn mit der sportlichen Begeisterung für die südafrikanische Nationalmannschaft aus?

Natürlich gibt es große Fangemeinden, die die Bafana Bafana, wie das Nationalteam genannt wird, unterstützen. Die sportlich erfolgreichste Zeit nach dem Ende der Apartheid liegt allerdings jetzt schon rund zehn Jahre zurück, das waren vor allem der Gewinn der Afrika-Meisterschaften 1996 und die Qualifikation für die beiden folgenden WM-Turniere. In den Jahren danach gab es viele Trainerwechsel, die Spieler haben es sich teilweise mit arrogantem Auftreten bei den Fans verdorben. Allerdings haben die Fußballer durch das gute Abschneiden beim Confederations Cup jetzt eindeutig Boden gutgemacht, und Begeisterung für die südafrikanischen Klubs gibt es natürlich auch. Für das große Soweto-Derby zwischen den Orlando Pirates und den Kaizer Chiefs sind die Stadien immer voll. Zu Spielen von Ajax Cape Town kommen gegen die Spitzenteams auch 30.000 Zuschauer, bei weniger prominenten Gegnern dann eher 8.000 bis 12.000.

Foto: Ulrich Döring
Foto: Ulrich Döring

Apropos Confederations Cup. Da müssen wir natürlich noch über die Vuvuzelas sprechen, die Tröten, die in den Ohren deutscher Fernsehzuschauer so störend klingen. Jetzt gibt es in Deutschland sogar eine Unterschriftenliste, um die Vuvuzelas bei der WM verbieten zu lassen. Hat man dafür in Südafrika Verständnis?

Oh ja, das ist ein ganz schwieriges Thema. Vuvzelas sind traditionelle südafrikanische Instrumente, für gewöhnlich sind es dann aber in jeden Dorf vielleicht einige Männer, die die spielen und nicht 2.000 in einem Stadion. Beim Confed-Cup waren es vermutlich auch Sponsoren, die die Tröten aus Plastik verteilt haben. Das gab dann diesen gleichbleibenden Ton, der relativ unabhängig vom Spielverlauf ertönte. Eine solche Soundwall hört man bei anderen Fußballspielen in Südafrika nicht unbedingt ständig. Andererseits wurde in der Debatte hier auch sehr deutlich, dass es vor allem darum geht, dass europäische Hörgewohnheiten durch die Vuvuzelas gestört werden, und natürlich in erster Linie die der Fernsehzuschauer. Das heißt, es geht hier um die Frage, wessen kulturelle Bedürfnisse und Ansprüche wichtiger sind, wer sich in wessen Angelegenheiten einmischt und wer bestimmen darf. Das ist ein äußerst sensibles Thema hier in Südafrika. Aber es sieht ja nicht so aus, als hätte die Fifa vor, die Vuvuzelas während der WM zu verbieten. Wahrscheinlich wird einfach der Fernsehton ein wenig reguliert.

Ulrich Döring arbeitete von 1990 bis 1998 als Entwicklungshelfer in Tansania und war danach dort als freier Fotograf tätig. Seit 2008 lebt er mit seiner Familie in Kapstadt. Einblicke in seine fotografischen Arbeiten gibt es unter:

www.udphoto.com
und
www.tanzaniafromtheair.com

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