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14. Sep 2009

Julius-Hirsch-Preis des DFB an engagierte Fanszenen

Am vergangenen Mittwoch wurde der Julius-Hirsch-Preis 2009 an drei von den Fanszenen getragenen Initiativen, unter anderem gleichberechtigt an das Fanprojekt Hannover und den Arbeitskreis „96-Fans gegen Rassismus“ verliehen, die sich gegen Diskriminierung und Rassismus einsetzen. Mit dem Preis ehrt der Deutsche Fußball-Bund das Andenken an den in Auschwitz ermordeten jüdischen Nationalspieler Julius Hirsch.

In diesem Jahr ging die Auszeichnung an die „Löwenfans gegen Rechts“ aus München, den Verein „Hintertorperspektive“ aus Jena und das Fanprojekt Hannover, das Teil des Arbeitskreises der 96-Fans gegen Rassismus ist. Der Julius-Hirsch-Preis wird seit 2005 an Personen, Initiativen oder Vereine verliehen, die sich in besonderer Weise im Fußball und in der Gesellschaft gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus einsetzen. DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger machte in seiner Rede anlässlich der diesjährigen Preisverleihung den Stellenwert des Engagements des Fußballverbandes deutlich: „Wir haben die Lehren aus der Aufarbeitung der Vergangenheit gezogen. Dieser Preis ist heute wichtiger als vor fünf Jahren. Und er wird in zehn Jahren noch wichtiger sein. Für den DFB wird es eine dauerhafte Aufgabe sein und ich bin froh, dass sie von vielen engagierten Menschen mitgetragen wird.“

Gegen Rechts – im Stadion und anderswo

Für antirassistische Aktionen braucht es einen langen Atem. Das weiß kaum jemand besser als die „Löwenfans gegen Rechts“, die sich seit vielen Jahren gegen Rassismus und Rechtsextremismus im Fußball einsetzen. Die Anfänge der Gruppe liegen zu einer Zeit „als sogar Hitlergruß und Hakenkreuze in der Kurve noch toleriert wurden, von Fans ebenso wie vom Verein“, wie Jakob Krieger von den Löwenfans sagt. Eine Situation, die nicht alle Anhänger des TSV 1860 München so hinnehmen wollten. Sie fingen an sich zu engagieren, bei Parolen im Stadion einzuschreiten und Zeichen zu setzen: ein Transparent mit der klaren Ansage „Löwenfans gegen Rechts“. Daraus wurde nicht nur der Name der Gruppe, sondern auch ein regelmäßiger Stammtisch-Treff, das Fanzine „Löwenmut“ und viele weitere Aktionen in den vergangenen Jahren.

Andreas Hirsch, der Enkel von Julius Hirsch, überreicht den 1. Preis an die "Löwenfans gegen Rechts!"
Andreas Hirsch, der Enkel von Julius Hirsch, überreicht den 1. Preis an die "Löwenfans gegen Rechts!"

Die „Löwenfans gegen Rechts“ nehmen regelmäßig an der FARE-Aktionswoche teil, sie haben 2001 die Ausstellung „Tatort Stadion“ nach München geholt, veranstalteten zur WM 2006 einen gemeinsamen Besuch internationaler Fans in der Gedenkstätte Dachau und arbeiten eng mit Organisationen außerhalb des Fußballs zusammen. So wurden schon Veranstaltungen und Aktionen mit gewerkschaftlichen Gruppen, Schwulen- und Lesben-Organisationen, dem Jüdischen Museum und der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der Gedenkstätte Dachau durchgeführt. Ein Projekt, das den Löwenfans seit vielen Jahren am Herzen lag, ist in diesem Jahr endlich realisiert worden: Mit dem Buch „Die ‚Löwen’ unterm Hakenkreuz“ von Anton Löffelmeier, erschienen im Werkstatt-Verlag, wurde die Geschichte des TSV 1860 München während des Nationalsozialismus aufgearbeitet. Die Unterstützung des Vereins für das Buchprojekt wäre zu Zeiten von Karl-Heinz Wildmoser noch undenkbar gewesen, wie Jakob Krieger berichtet. „Der Karl-Heinz Wildmoser hat unsere Briefe immer gleich zur Seite geschoben, aber mit dem jetzigen Geschäftsführer Manfred Stoffers haben wir ein gutes Verhältnis, ein echter Lichtblick für uns. Und mit dem Fanprojekt und dem Fanbeauftragten gibt es ohnehin eine sehr gute Zusammenarbeit.“

Nationalspieler Patrick Owomoyela ehrt die "Hintertorperspektive" aus Jena

Auch bei den anderen Fangruppen der „Sechziger“ sind die Löwenfans gegen Rechts längst akzeptiert. Unterstützung gibt es, wie Jakob Krieger sagt, „quer durch die Löwen-Fanszene hindurch, von Ultras zu eher traditionellen Fanklubs. Natürlich sind da auch immer welche, denen das, was wir machen, nicht passt, aber gerade mit den Ultras haben wir in den letzten Jahren engere Kontakte geknüpft und zum Beispiel eine spektakuläre gemeinsame Transparentaktion gemacht“. Für weitere Aktionen auch in größerem Rahmen sind schon genügend Ideen da, und dank des Preisgeldes von 10.000 Euro werden die Löwenfans gegen Rechts sie auch verwirklichen können.

Mehr Informationen gibt es auf der – natürlich blau-weißen – Website der Löwenfans www.loewen-fans-gegen-rechts.com

Valentin Schmidt von der EKD und Aufsichtsratmitglied bei Hannover 96 überreicht den 3. Preis an das Fanprojekt Hannover
Valentin Schmidt von der EKD und Aufsichtsratmitglied bei Hannover 96 überreicht den 3. Preis an das Fanprojekt Hannover

Zweiter und dritter Preis nach Jena und Hannover

Verglichen mit den „Löwenfans gegen Rechts“ ist der zweite Preisträger, der Verein „Hintertorperspektive“ aus Jena eine junge Initiative. Erst im vergangenen Jahr wurde der Verein von Anhänger/innen des FC Carl Zeiss Jena gegründet, um sich gemeinsam gegen Rassismus und Intoleranz einzusetzen und den Fußball dabei als Brücke zwischen verschiedenen Kulturen, Generationen und Subkulturen zu nutzen. Ein Schwerpunkt ist die Aufklärungsarbeit mit Jugendlichen und Kindern, eine weitere Aktion sind die integrativen „Fanpatenschaften“, durch die jungen Flüchtlingen, Asylbewerber/innen, Betreuten der Kinder- und Jugendfürsorge ermöglicht wird, gemeinsam Fußballspiele zu besuchen. Die Höhepunkte der bisherigen Arbeit der „Hintertorperspektive“, die von Beginn an tatkräftig vom Fanprojekt Jena unterstützt werden, waren die „Flutlicht-Festivals“ 2008 und 2009, mehrtägige antirassistische Fußball- und Kulturveranstaltungen in Jena.

Dritter Preisträger war in diesem Jahr das Fanprojekt Hannover www.fanprojekt-hannover.de, das sich seit vielen Jahren in enger Kooperation mit dem Arbeitskreis „96-Fans gegen Rassismus“ in verschiedenen Bereichen gegen Rassismus und Diskriminierung engagiert: Von Transparentaktionen im Stadion über die Entwicklung eines Schulungsmodelle für Vereinsmitarbeiter und Ordnungspersonal bis zu dem recht neuen Projekt, bei dem gemeinsam mit der Universität Hannover, Jugendzentren und Polizei ein Konzept zur Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in die Stadien erarbeitet wird.

Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT, - hier im Gespräch mit DFB Präsident Theo Zwanziger - bekam den Ehrenpreis
Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT, - hier im Gespräch mit DFB Präsident Theo Zwanziger - bekam den Ehrenpreis

Ganz aktuell organisiert das Fanprojekt Hannover gemeinsam mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen Führungen durch das ehemalige KZ, Austauschprojekte und Diskussionsveranstaltungen, die in die Fanszene strahlen sollen. „Wir wollen an diesem historischen Ort der Verfolgung die Sensibilität für den Gegenwartsbezug von Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung erhöhen,“ beschreibt Stefanie Bolte vom Fanprojekt Hannover die Intention dieses Projektes. Dabei werden sie durch Spieler von Hannover 96 unterstützt, so beim ersten Mal durch die Verteidiger Valerien Ismael und Bergantin Vinicius.

Die Fans von Hannover 96 hatten in früheren Zeiten einen schlechten Ruf, rassistische Vorfälle und Schmähungen schwarzer Spieler waren keine Seltenheit. Durch die Arbeit des Fanprojekts und das starke Engagement der aktiven Fanszene hat sich die Situation jedoch längst verändert, wie Aljoscha Langfort, Sprecher des Fan-Arbeitskreises sagt. Nicht nur durch die genannten Aktionen und die große Bande „96-Fans gegen Rassismus“ im Stadion setzen die Fans Zeichen, bei rassistischen Rufen werde aus der aktiven Fanszene auch eingegriffen.

Weitere Informationen zum Julius-Hirsch-Preis finden Sie auf der Website des DFB. Dort gibt es auch biografische Hintergründe über den jüdischen Nationalspieler Julius Hirsch zu lesen, dem dieser Preis gewidmet ist.
Ebenso drei ganz hervorragende Videos, die die drei Preisträger portraitieren.
* „Löwen-Fans gegen Rechts“:
* „Hintertorperspektive e.V.“ (Jena)
* Fanprojekt Hannover / 96-Fans gegen Rassismus

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