Home  Newsarchiv  2009  (28.09.2009) Neues aus Magdeburg: Vor dem Spiel gibt’s Obst statt Bier. 

28. Sep 2009

Neues aus Magdeburg: Vor dem Spiel gibt’s Obst statt Bier

Der 1. FC Magdeburg ist einer der großen ostdeutschen Traditionsklubs – immerhin steht hier sogar ein Europapokal im Trophäenschrank. Seit 2008 ist in Magdeburg auch ein sozialpädagogisch arbeitendes Fanprojekt aktiv. Die beiden Mitarbeiter Jens Janeck und Stefan Roggenthin erzählen vom „Herzensnamen“ des Stadions, von Fans in Aufsichtsräten, Frühstücken und Grillabenden.

Frühstück vor dem Spieltag im Fanprojekt
Frühstück vor dem Spieltag im Fanprojekt

Fangen wir mit einer ganz aktuellen Wahlmeldung an. Bei den Wahlen zum Aufsichtsrat des 1. FC Magdeburg vergangene Woche kandidierte ein Vertreter aus der Ultraszene – und wurde gewählt.
Jens Janeck: Ja, das ist eine Initiative, die wir als Fanprojekt auch stark mitunterstützt haben. Die Ultras haben sich entschieden, einen Kandidaten aus ihrem Kreis zu benennen und so auch klar zu signalisieren, dass sie sich auf dieser Ebene ein Mitsprachrecht wünschen. Es sind übrigens auch viele Ultras Vereinsmitglieder. Aus unserer Sicht ist das natürlich sehr positiv, wir erhoffen uns, dass so ein stärkeres Verantwortungsgefühl entsteht und auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten für die Fans.

Stefan Roggenthin: Wenn ein Vertreter der Fanszene in so einem Gremium sitzt, das natürlich eher aus Leuten aus der Wirtschaft oder ehemaligen Spielern besteht, wird dort natürlich automatisch auch die Sicht der Fans stärker. Das soll aber keine Einbahnstraße sein, die Sicht des Vereins kann so auch in die Kurve transportiert werden, was vielleicht bei manchen Konflikten auch zu einem besonneneren Handeln der Fans führt.

Schlussapplaus: Beim Sommertheater „Olvenstedt probiert’s“ standen auch die Magdeburger Ultras auf der Bühne.
Schlussapplaus: Beim Sommertheater „Olvenstedt probiert’s“ standen auch die Magdeburger Ultras auf der Bühne.

Das Fanprojekt Magdeburg wurde vor einem Jahr gegründet – oder wiedergegründet, nachdem es in den 1990ern schon einmal eins gab. Wie sieht denn eure bisherige Bilanz aus?
Jens Janeck: Also, die Etablierungsphase haben wir hinter uns, würde ich sagen, wir haben sowohl in der Fanszene als auch beim Verein Vertrauensverhältnisse aufgebaut und sind inzwischen auch bei den anderen Jugendeinrichtungen der Stadt bekannt. Das gehört ja auch zur Fanprojektarbeit dazu, sich dort zu vernetzen und zu schauen, inwieweit man sich gegenseitig unterstützen kann. Wir haben mittlerweile einen Fanprojekt-Beirat gegründet, der uns schon erfolgreich unterstützt. In unserer täglichen Arbeit bieten wir jetzt für die Fans verstärkt auch Einzelfallhilfen an, also Unterstützung nicht nur bei Problemen im Fußball, sondern im Grunde für alles von Liebeskummer bis zur Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Stefan Roggenthin: Unbedingt erwähnen muss man natürlich auch das Fanhaus „Club 65“ – benannt nach dem Gründungsjahr des Vereins –, das im Februar eröffnet wurde. Bei der Renovierung und Einrichtung haben uns die Fans tatkräftig unterstützt, jetzt stehen im Herbst noch ein paar Außenarbeiten an. Das Haus wird regelmäßig genutzt, wir haben feste Öffnungszeiten in der Woche, außerdem können sich natürlich Gruppen nach Vereinbarung treffen und wir machen, wie eben schon gesagt, auch Einzelgespräche. Vor manchen Heimspielen haben wir auch gemeinsame Frühstücksrunden, das passt bei Spielen, die um 13:30 Uhr beginnen, ganz gut. Das wird von den Fans selbst sehr liebevoll vorbereitet, mit schön gedecktem Tisch und viel Obst und setzt so auch dem Klischee der saufenden Fußballfans ein bisschen was entgegen. Eine schöne Sache.

Treffen zwischen Mannschaft und Fans im Fanprojekt
Treffen zwischen Mannschaft und Fans im Fanprojekt

Kommen wir vom Frühstück zum Grillabend. Den gab es kürzlich im Fanprojekt, und zwar mit Fans und Mannschaft gemeinsam. Wie ist es dazu gekommen?
Jens Janeck: Die Idee dahinter war natürlich auch eine pädagogische, ist ja klar. In der Vergangenheit gab es manchmal Verstimmungen, wenn die Fans die Mannschaft bei sportlichem Misserfolgen beschimpft und kritisiert haben. Wir wollten dazu beitragen, dass beide Seiten einander etwas besser verstehen. Es sind fast 200 Fans gekommen, auch generationenübergreifend und von Ultras bis Kutten. Die Spieler haben den Abend gesponsert und auch selbst am Grill gestanden. Mannschaft und Trainer kriegen natürlich was davon mit, was die Fans im Stadion machen, aber so richtig klar war ihnen vorher nicht, wie viel Arbeit und Geld zum Beispiel in so einer Choreo steckt, wie viel Hingabe und Leidenschaft bei den Fans da ist, auch außerhalb der 90 Minuten. Umgekehrt sind die Fans auch noch mal näher an die Mannschaft gerückt, ganz deutliches Zeichen dafür war, dass die Ultras sie den Spielern am Ende des Abends „HKS“-T-Shirts überreicht haben.

Übergabe der HKS-Shirts an die Mannschaft
Übergabe der HKS-Shirts an die Mannschaft

Wofür steht HKS?
Stefan Roggenthin: Das ist die Abkürzung für Heinz-Krügel-Stadion, sozusagen der „Herzensname“, den die Fans dem neuen Magdeburger Stadion gegeben haben. Heinz Krügel war der legendäre Trainer, mit dem der FC Magdeburg 1974 unter anderem den Europokal der Pokalsieger gewonnen hat. Die Ultras sponsern auch eine der Jugendmannschaften im Verein, die die T-Shirts tragen. Insofern war die Überreichung der Shirts an die Spieler durchaus ein Zeichen dafür, dass Fans und Spieler enger zusammengerückt sind.

Choreo im „Heinz-Krügel-Stadion“
Choreo im „Heinz-Krügel-Stadion“

Welche Projekte oder Aktionen stehen bei euch denn in der nächsten Zeit auf dem Plan?
Stefan Roggenthin: Wir bieten jetzt seit Kurzem regelmäßige Trainingszeiten für Fans an, die auch selbst spielen wollen. Da unterstützt uns der Verein auch sehr, wir können nämlich den Kunstrasenplatz auf dem Vereinsgelände nutzen, wo nebenan auch die erste und zweite Mannschaft trainieren. Ganz professionell also. Außerdem stehen bei uns zwei Kulturevents im Kalender: Wir haben eine Lesung mit Fußballautor Gerd Dembowski und wir zeigen den Film „Kategorie C“ mit anschließender Diskussion, wobei die Regisseurin auch da sein wird.

Jens Janeck: Ein anderes wichtiges Projekt, das wir initiiert und mitentwickelt haben, ist das Pilotmodell „Entlastungszug in Eigenverantwortung“. Wir haben uns gemeinsam mit Verein, Bahn und Polizei zusammengesetzt und über das Dauerproblem der Zugfahrten bei Auswärtsspielen gesprochen. Ein Sonderzug, den wir selbst mieten und für den wir bzw. die Fans dann auch die Verantwortung tragen, ist nicht finanzierbar, und in den Entlastungszügen sind natürlich Ordner und uniformierte Polizei dabei, was immer wieder für Ärger bei den Fans sorgt. Jetzt haben wir vereinbart, dass es zum Spiel bei St. Pauli II im Oktober einen zweigeteilten Entlastungszug geben wird. Der eine Teil ist für die Ultras, die ganz allein die Verantwortung dafür tragen, dass es keinen Stress gibt und nichts kaputtgeht. Dort sollen auch keine Polizisten mitfahren. Der andere Teil des Zuges ist für andere Fans, hier sind dann Ordner und Zivilbeamte dabei. Wir hoffen, dass das funktioniert, es ist auf jeden Fall erst mal viel Vertrauensvorschuss da, und darüber freuen wir uns.

Jens Janeck: Geboren in Wolmirstedt, arbeitete zuletzt als Leiter einer Wohngruppe für suchtgefährdete Jugendliche in Magdeburg. Fußballfan seit 1982 nach einem Besuch des Spieles 1. FC Magdeburg gegen. Rot Weiß Erfurt, außerdem Gründungsmitglied und von 2005 bis August 2008 Vorsitzender von FanRat e. V., einem wichtigen Verbindungsglied der Fanszene zum 1. FC Magdeburg.

Stefan Roggenthin: Geboren und aufgewachsen in der Altmark, studierte Betriebswirtschaft in Stendal und Sozialpädagogik in Magdeburg. Er ist selbst aktiver Fußballspieler, Schiedsrichter, leidenschaftlicher Zuschauer und Groundhopper mit vielen Kontakten zu verschiedenen Fanszenen und Fanorganisationen.
Der Träger des Fanprojekt Magdeburg ist der Der PARITÄTISCHE Sachsen-Anhalt.

 

Mehr Informationen zum Fanprojekt Magdeburg finden Sie in der Rubrik Fanprojekte.

© 2009 Koordinationsstelle Fanprojekte | Impressum