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28. Okt 2009

Potenziale der Fanprojektarbeit nicht verschenken. Interview mit Rechtsextremismusforscherin Michaela Glaser

Michaela Glaser arbeitet am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in Halle und hat sich in einer Studie mit der Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus im Bereich Fußball beschäftigt. Im Interview mit der KOS berichtet sie über die Schwierigkeiten und Chancen der pädagogischen Arbeit in und mit dem Fußball und fordert dazu auf, die Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen wieder stärker zu beachten.

Frau Glaser, Sie haben am DJI eine Studie zu Rechtsextremismus und Fußball durchgeführt. Was war das genaue Thema Ihrer Untersuchung?

Der Fokus der Gesamtstudie war die Frage, wie Rechtsextremismusprävention im Fußballkontext auftaucht, welche Ansätze dort vorhanden sind und welche Erfahrungen es gibt. Neben der sozialpädagogischen Fanprojektarbeit wollten wir Bildungsangebote untersuchen, die etwa in Schulen und Jugendeinrichtungen mit dem Medium ‚Fußball’ durchgeführt werden, sowie pädagogische Ansätze im Jugend- und Amateurfußball. Es stellte sich bei der Recherche dann heraus, dass es in diesen Bereichen relativ wenig Projekte gibt. Manche Initiativen waren in unserem Untersuchungszeitraum, Ende 2007 bis Mitte 2008, noch nicht angelaufen oder auf der Suche nach Kooperationspartnern im Fußball. Viele der fußballbezogenen Angebote in Schulen und Jugendreinrichtungen haben weniger pädagogischen Charakter, sondern sind eher Sportevents unter einem antirassistischen Motto. Und gerade im Bereich der Amateurvereine ist ein großes Hemmnis, dass zwar Materialien, Informations- und Beratungsangebote vorhanden sind, die ehrenamtlichen Strukturen aber einfach auch überfordert sind, die zusätzliche Aufgabe der Rechtsextremismusprävention aus eigener Kraft adäquat zu leisten. Dem gegenüber sind die Fanprojekte in einer besseren Ausgangslage.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der vom DJI durchgeführten Studie finden Sie in dem von Michaela Glaser und Gabi Elverich herausgegebenen Band Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Fußball. Erfahrungen und Perspektiven der Prävention, DJI Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, 2008.
Zur Bestellung des Buches über das DJI
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Warum?

Anders als Initiativen, die etwa aus Aktionsplänen gefördert werden, haben die Fanprojekte – bei aller finanziellen Unsicherheit an einzelnen Standorten – einen langfristigen Arbeitsansatz. Zudem verfügen sie über das, was in der pädagogischen Arbeit besonders wichtig ist, nämlich den sogenannten lebensweltbezogenen Zugang zu den Jugendlichen. Die Mitarbeiter/innen erreichen die Jugendlichen in ihren Interessen, in dem, was sie gerne und freiwillig tun. Und noch etwas ist gerade für die Arbeit zu Rechtsextremismus und Rassismus wichtig: Da sind die Initiativen im Fußball zunächst von der Fanszene ausgegangen und noch immer oft lokal verankert. Inzwischen engagiert sich auf der DFB und viele Vereine, aber bei den Fans herrscht ein gewisses Misstrauen gegen Aktionen „von oben“. Die Fanprojekte können hier als glaubwürdige Vermittler zwischen beiden Seiten auftreten.

Michaela Glaser ist Soziologin und arbeitet als wissenschaftliche Referentin der Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit am Deutschen Jugendinstitut, Außenstelle Halle. Ihre Arbeits- und Forschungsfelder: Wissenschaftliche Begleitforschung und Evaluation, Prävention von Rechtsextremismus / Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, Interkulturelles Lernen.

 

Wieso ist der Fußball denn für das Thema Rechtsextremismus ein besonders ergiebiges Feld, sowohl in negativer wie auch positiver Weise?

Das ist ja schon häufig festgestellt worden, dass Fußball da tatsächlich in beide Richtungen besonders wirkt, zum einen bietet er durchaus attraktive Andockpunkte für rechtsextreme Ideologien und Gruppierungen, etwa durch die Wettkampflogik und den Männlichkeitskult. Zum anderen bietet er gerade wegen seiner Popularität und seiner großen Bedeutung als Sozialisationsinstanz auch ganz spezielle Pluspunkte. Auch die Vorbildfunktion, die bekannte Spieler haben, oder die Rolle der Vereine in der Stadt, im Stadtteil und besonders in ländlichen Regionen, wo es oft nicht so viele andere Freizeitangebote gibt, gehören dazu. Das ist zum Beispiel etwas, das in Großbritannien bereits sehr viel stärker und systematischer genutzt wird als in Deutschland, nicht nur für plakative Aktionen, sondern in auch inhaltlicher Auseinandersetzung zum Beispiel an Schulen und in den Kommunen.

Sie haben Befragungen bei insgesamt 14 Fanprojekten durchgeführt und festgestellt, dass es in der Rassismus- und Rechtsextremismusprävention zwei Modelle gibt, die einander offenbar ausschließen: Entweder „Gegenkräfte stärken“ oder „Mit rechtsextrem orientierten Fans arbeiten“.

Ja, das war in dieser Deutlichkeit ein etwas überraschendes Ergebnis. Wir haben die Projekte nach Recherchen und Gesprächen mit Expert/innen ausgewählt und dabei nach zwei Kriterien geschaut, zum einen Projekte, die einen dezidierten Schwerpunkt beim Thema Rechtsextremismus/Rassismus und auch spezifische Konzepte dazu haben, zum anderen Standorte, an denen in dieser Hinsicht ein besonders problematisches Umfeld vorhanden ist. Deutlich wurde dabei, dass die Arbeit mit antirassistischen Fangruppen, also den Gegenkräften, einen wesentlich breiteren Raum einnimmt als die Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen. Hier ließ sich zudem auch ein Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland feststellen.

Inwiefern?

Im Westen wurde nach unseren Recherchen früher wesentlich mehr mit einer problematischen Klientel gearbeitet, davon ist man inzwischen zunehmend abgerückt. Zum Teil liegt das daran, dass keine Kontakte (mehr) zu diesen Fans vorhanden sind, zum Teil haben die Projekte angegeben, dass existierende Gruppen im Stadion nicht offensiv und dominant auftreten und sich deswegen das Problem nicht stellen würde. Hier muss man sich aber vor Kurzschlüssen hüten, denn zum einen existiert das Problem trotzdem außerhalb des Stadions, da die Einstellungen ja weiter vorhanden sind, zum anderen wird die Situation so mitunter auch nur „gedeckelt“.Für die ostdeutschen Fanprojekte, die ja zum größten Teil unterhalb der 2. Liga tätig sind, ist die Problematik Rassismus und Rechtsextremismus unverstellter und sichtbarer. Sie sind dadurch auch eher unter dem Druck, sich mit einer schwierigeren Zielgruppe auseinandersetzen zu müssen.

„Professionelle akzeptierende Jugendarbeit ist keine Stärkung von Rechtsextremen“

Entspricht das einer allgemeinen Tendenz in der Jugendarbeit, ist die Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen im Moment nicht angesagt?

Das kann man schon so sagen. Mitte der 90er-Jahre gab es zwar, begrenzt auf die ostdeutschen Bundesländer, eine gewisse Förderung für die sogenannte akzeptierende Jugendarbeit, die dann aber auch kontroverse Debatten ausgelöst hat. Das lag daran, dass hier einzelne Projekte – aufgrund fehlender fachlicher Qualifikationen, aber auch mangelnder Unterstützung – sehr unglücklich agierten und z. T. auch von Rechtsextremen instrumentalisiert wurden. Danach galt dieser Ansatz vielfach als gescheitert und wurde auch kaum mehr gefördert. Und heute gibt es nur noch wenige Projekte, die überhaupt noch mit diesen Jugendlichen arbeiten. Ich denke aber, hier ist das Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden. Akzeptierende Jugendarbeit, die professionell von geschulten Kräften und mit Konzept geleistet wird, ist keineswegs eine Stärkung von Rechtsextremen. Vielmehr geht es ja darum, durch das Akzeptieren der Person – aber eben nicht ihrer Ansicht – eine belastbare Beziehung aufzubauen und so auch inhaltliche Auseinandersetzungen zu ermöglichen. Hier muss, übrigens auch im Bereich der Fanarbeit, differenziert werden zwischen professioneller Beziehungsarbeit mit problematischen Fans, die auch klare Abgrenzungen erfordert, und einem unprofessionellen Umgang, wo eben diese Grenzen verwischt werden.

Sind die Fanprojekte denn überhaupt in der Lage, das zu leisten? Rechtsextremismusprävention ist ja auch nur ein Teilaspekt ihrer Arbeit.

Natürlich, die Frage der Ressourcen ist immer ein großes Problem. Gerade wenn es etwa nur eine pädagogische Kraft in einem Fanprojekt gibt, ist das sehr schwer. Und die einzelnen Mitarbeiter/innen haben natürlich auch unterschiedliche Voraussetzungen und Qualifikationen. Hier sehe ich nach unserer Studie schon eine Notwendigkeit, gerade für die Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen spezifische Fortbildungsangebote zu machen, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Das ist ein Wunsch, den die von uns befragten Projekte so auch formuliert haben.

Und woran liegt es, dass die Fanprojekte entweder nach dem einen oder nach dem anderen Modell arbeiten? Ist es nicht denkbar, sowohl antirassistische Gruppen zu stärken als auch in Kontakt mit den rechtsextrem orientierten Fans zu bleiben?

Ein Problem liegt darin, dass die Fanprojekte meist nicht Zugang zu beiden Gruppen haben oder zumindest nicht, wenn es darum geht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und natürlich geht es in Fanprojekten ebenso wie bei anderen Jugendeinrichtungen auch um die Frage des Vertrauens und der Solidarität der Mitarbeiter/innen mit ihren Bezugsgruppen und schließlich auch um Ressourcen, wie etwa die Nutzung von Fanräumen. Eine denkbare Möglichkeit wäre die Kombination der offenen Jugendarbeit im Fanprojekt mit einer zusätzlichen aufsuchenden mobilen Fanarbeit, die speziell rechts orientierte Jugendliche als Zielgruppe hat. Dafür bedarf es einer guten personellen Ausstattung und einer sorgfältigen Abstimmung im Team. Ich halte so eine Arbeit für wichtig, weil eben auch beide Zielgruppen wichtig sind. Es wäre ein Fehler, die Jugendlichen, die noch kein gefestigtes rechtsextremes Weltbild haben, sich selbst bzw. eben den Rechtsextremen zu überlassen. Und aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive wäre es sehr wünschenswert, wenn die Fanarbeit sich dem wieder stärker widmen würde. Die Fanprojekte sind nun einmal in einer guten Ausgangsposition, sie haben oft das Vertrauen der Jugendlichen und die „street credibility“, die sich andere Projekte erst erarbeiten müssten. Diese Potenziale sollten nicht verschenkt werden. Aber es ist eben auch eine schwierige Arbeit, die das Risiko des Scheiterns mit sich bringt und eine große Angreifbarkeit. Deswegen ist, wie gesagt, eine gute Qualifikation wichtig, hier sind Instanzen wie die KOS und auch die Verbände gefragt, mehr Unterstützung zu bieten. Es bedarf aber auch einer Aufwertung dieser Arbeit in der öffentlichen und fachlichen Wahrnehmung.

Das Projekt am Ball bleiben www.amballbleiben.org hat gemeinsam mit der KOS und Camino www.camino-werkstatt.de, Berlin, eine Fortbildungsreihe zur antirassistischen Fanarbeit entwickelt. Diese Fortbildung, an der 16 FanprojektmitarbeiterInnen teilnahmen, fand 2007/2008 statt und umfasste vier jeweils zweitägige Module. Eine Dokumentation dieser Fortbildung finden Sie hier.

Mit dem Thema Rechtsextremismus befasst sich auch „Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten“ (VS Verlag für Sozialwissenschaften), herausgegeben von Stephan Braun, Martin Gerster und Alexander Geisler. 42 Autorinnen und Autoren setzen sich in dem Band mit unterschiedlichen Facetten der extremen Rechten auseinander. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Gerster und der Politikwissenschaftler Alexander Geisler beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit den Unterwanderungsversuchen rechtsextremer Gruppierungen im Breitensport Fußball.

 

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