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17. Aug 2009

Von der Basis in die professionelle Fanarbeit: Porträt Fanprojekt Zwickau

Das Fanprojekt Zwickau kann bereits auf eine zwölfjährige Geschichte zurückblicken, auch wenn die Arbeit in den Anfangsjahren vorwiegend ehrenamtlich von der aktiven Fanszene gestemmt wurde. Die pädagogischen Mitarbeiter des Fanprojekts, Michael Voigt und René Hutzler, blicken zurück und nach vorne.

Gegründet wurde das Fanprojekt 1997, damals noch zu sportlich besseren Zeiten – der FSV Zwickau spielte in der 2. Bundesliga. Obwohl es keine Finanzierung gab, wollte die aktive Fanszene des Vereins pädagogische Ansätze verfolgen, wie sie die Richtlinien des NKSS für die Fanprojektarbeit festgeschrieben sind. Dabei war auch damals schon René Hutzler, heute pädagogische Teilzeitkraft im Fanprojekt, ebenso wie Frank Biel und Thomas Richter, die im Vorstand des heutigen Fanprojekts aktiv sind. „Der Anlass für die damalige Gründung war, dass es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen rund um die Spiele kam“, berichtet René Hutzler. „Es gab zu der Zeit eine aktive Hooligangruppe mit rechtem Hintergrund, und wir wollten durch den Ansatz der Fanarbeit versuchen, da etwas zu unternehmen und für mehr Kontakte in der Fanszene und eine positive Fankultur sorgen.“ Zwischenzeitlich gab es zumindest eine teilweise Finanzierung durch ABM-Maßnahmen der Stadt Zwickau und Unterstützung durch den DFB, ansonsten lebte das Fanprojekt, wie Hutzler sagt, „von nichts“ – und sehr viel Engagement. Nach dem Motto „Learning by doing“ wurde die selbstorganisierte Fanarbeit der Zwickauer im Laufe der Jahre immer professioneller: Einzelgespräche, Fußballturniere und andere sportpädagogische Aktivitäten, um Kontakte zu knüpfen und für Zusammenhalt in der Fanszene zu sorgen.

Neben den Finanzierungssorgen – das Land Sachsen weigerte sich bis 2008 seinen Anteil an der Drittelfinanzierung der Fanprojekte in regulärer Form zu erbringen – war in den Anfangsjahren auch viel Überzeugungsarbeit in der Stadt zu leisten: „Da herrschte zunächst natürlich große Unwissenheit darüber, was Fanarbeit eigentlich ist. Man hat uns in der Kommune eher als Spaßprojekt einiger Fans betrachtet. Das ist inzwischen anders, heute sind wir anerkannt und fester Bestandteil der Jugendarbeit in Zwickau“, so René Hutzler. „Auch das Verhältnis zur Polizei hat sich positiv entwickelt, wir treffen uns regelmäßig mit den szenekundigen Beamten, die unsere Position inzwischen auch kennen und respektieren.“

„Red Kaos“ für die E-Jugend

Stand dem Projekt in den Anfangsjahren nur ein kleines Büro zur Verfügung, residiert man jetzt, wie Michael Voigt feststellt, „in bester Lage“. Die Fanräume in der Innenstadt von Zwickau bieten Platz für Büro, Gruppen- und Freizeitraum, Tischkicker usw. Für die Jüngsten wurde ein Kinderspielzimmer eingerichtet. Und auch die Personalsituation hat sich verbessert, nachdem sich 2008 die Rahmenbedingungen im Freistaat Sachsen positiv verändert haben. Neben Michael Voigt und René Hutzler als Voll- bzw. Teilzeitmitarbeitern, beschäftigt das Fanprojekt über die Unterstützung der Stadt Zwickau zwei Mitarbeiter aus der aktiven Fanszene, die sich um organisatorische Belange und die Unterstützung bei den Angeboten des Fanprojekts kümmern.

Häufige Besucher im Fanhaus sind die Ultras, die auch in Zwickau den besonders aktiven Teil der Fanszene bilden. „In den 90er-Jahren hat sich in Zwickau mit 'Red Kaos' eine Ultragruppe entwickelt, die auch heute noch das Geschehen im Stadion bestimmt. Inzwischen ist da die 2. Generation am Start, die Gründungsmitglieder sind jetzt Mitte, Ende zwanzig“, berichtet Michael Voigt. „Die Gruppe hat auch ein Büro bei uns im Fanprojekt und ist sehr engagiert. Etwas Besonderes ist sicher, dass ‚Red Kaos’ Sponsor für die E-Jugend des Vereins ist und die Trikotssätze kauft. Außerdem haben die Ultras in dieser Saison den Dauerkartenverkauf für den FSV Zwickau e.V. in die Hand genommen, Werbung gemacht und das Ganze richtig angekurbelt. Das war für die finanzielle Lage des Vereins natürlich auch gut, und so ist das Verhältnis des Klubs zu den Ultras im Moment deutlich entspannter.“

Die Ultras in Zwickau sind unpolitisch und antirassistisch – das ist der Konsens in ihrem Block E. Probleme mit rechtsextremen Fans im Stadion gibt es auf der Haupttribüne, dort versammeln sich seit einiger Zeit Mitglieder des lokalen „Freien Netzes“. Eine Entwicklung, die die Fanprojektmitarbeiter genau beobachten: „Zwickau ist so klein, dass die Leute einander natürlich kennen. Bei solchen Tendenzen müssen wir natürlich aufpassen, dass da nicht mehr Leute dazukommen“, so Michael Voigt. Ebenso wie an anderen Orten gilt jedoch auch in Zwickau: Die Verbindungen zwischen rechter Szene und Fanszene im Auge zu behalten und zu intervenieren, ist auch eine Aufgabe für Stadt, Verein und Polizei und darf nicht dem Fanprojekt allein überlassen werden.

Blick in die Zukunft

Nach einer sportlichen Talfahrt spielt der FSV Zwickau heute in der 5. Liga, also in der Oberliga Sachsen, wo in diesem Jahr mit dem umbenannten und von Red Bull finanzierten RB Leipzig ein kontrovers diskutierter Verein antritt. Zu Heimspielen ins Westsachsenstadion kommen im Schnitt rund 1200 Zuschauer, bei Auswärtsfahrten nach Aue jedoch können aus alter Verbundenheit mit dem Erzrivalen auch schon mal 2000 bis 3000 Fans aus Zwickau anreisen. Aktuelle Projekte neben den Angeboten im Fantreff sind viele sportliche Aktivitäten wie Fußball- und Bowlingturniere oder Mitternachtskick. Im vergangenen März stand „freizeitpädagogisches Groundhopping“ auf dem Programm, wie Michael Voigt erzählt – eine Gruppenfahrt im Bus des Fanprojekts nach Frankreich und Spanien, nicht nur um Fußball zu gucken, sondern auch um Städte wie Nimes oder Barcelona zu besuchen. Daneben gibt es auch kulturelle Veranstaltungen im Fanprojekt wie Buchlesungen mit dem Autor und Journalist Ronny Blaschke oder geplante Filmvorführungen, z.B.  „Kategorie C“ von Franziska Tenner.

Gesichert ist die Arbeit auf der Grundlage des derzeitigen Finanzierungsmodells allerdings nur bis 2011 und so ist man in Zwickau bereits dabei, für die Zukunft zu planen. „Im Moment läuft es gut, aber wir arbeiten jetzt schon daran, wie es in zwei Jahren weitergehen soll“, sagt René Hutzler.

Michael Voigt
Rene Hutzler

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