Home  Newsarchiv  2010  (01.03.2010) „Ohne erhobenen Zeigefinger“ – Ultrà-Tagung des HSV-Fanprojekts 

1. Mär 2010

„Ohne erhobenen Zeigefinger“ – Ultrà-Tagung des HSV-Fanprojekts

Im Kalender vieler HSV-Fans stand am vergangenen Sonntag nicht „Dortmund auswärts“ oder „Stuttgart zu Hause schlagen“, sondern „Tagung“. Im Hamburger Trockendock ging es dabei um eine breite Themenpalette rund um die Ultraszene. 50 Fans aus den beiden Ultragruppierungen Chosen Few und Poptown nahmen teil, um miteinander und mit eingeladenen Gästen zu diskutieren.

Hintergrund der Veranstaltung, die von Fanprojekt und Supporters Club ausgerichtet wurde, war die auch beim HSV vorhandene Spannung zwischen Fans und Verein bzw. Fans und Polizei. Die Herangehensweise der Veranstalter war jedoch auch ein grundsätzlich positiver Bezug auf die Ultrakultur, ihr kreatives Potenzial und ihre Bedeutung für die Stadien und die Fanszene in Deutschland. Joachim Ranau vom HSV-Fanprojekt: „Die Grundidee war, die Ultras aus den zwei großen Gruppen, die es bei uns gibt, zusammenzubringen und die Gelegenheit zu geben, sich mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen. Ganz wichtig war uns, dass wir die Fans nicht mit erhobenem Zeigefinger ermahnen wollten.“ In die Vorbereitung waren deshalb auch nicht nur die Mitarbeiter des Fanprojekts, vor allem Joachim Ranau und sein Kollegen Thorsten Eikmeier, und der HSV-Fanbeauftragte Mike Lorenz eingebunden, sondern auch Vertreter von Chosen Few und Poptown.

Im gemeinsam zusammengestellten Workshopprogramm ging es dann um verschiedene Themen – von Ultras und Sicherheit bis zum Stichwort „Utopien“. Zum, auch kontroversen, Diskutieren waren Vertreter von Verein, Ordnungsdienst und DFL eingeladen. Der Workshop startete jedoch mit einem kulturellen und historischen Blick auf die Fußballkultur im Allgemeinen und die Ultrabewegung im Besonderen: Martin Kreidt, der den HSV-Fans als Regisseur von „Hinter euren Zäunen“  und Mitinitiator des Volksparketts wohlvertraut ist, trug unter dem Titel „Die Götter sterben nie – vom Kolosseum bis ins Volksparkstadion“ Gedanken zur Fußballkultur und ihrer Geschichte vor. „Das kam gut an, da war sofort ganz viel Aufmerksamkeit da“, erzählt Joachim Ranau. Um die Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer eigenen Gruppen ging es bei Tim Köslich von Poptown und Philipp Markhardt von CFHH, die sich in ihrem kleinen historischen Rückblick auf die Hamburger Ultraszene von 1997 geschickt und unterhaltsam gegenseitig die Bälle zuspielten.

Nicht nur harmonisch ging es dann in den folgenden Runden zu: Als Thomas Schneider, Fanbeauftragter der DFL, die Sicht der DFL auf die Ultras schilderte, gab es kritische Rückfragen, aber durchaus auch viel Interesse daran, diese Perspektive nachzuvollziehen. Auch in den für den Nachmittag angesetzten vier Workshops, die durch Fanprojektmitarbeiter und Ultras geleitet worden, fanden angeregte und kritische Diskussionen statt. Die Themenpalette war dabei breit gefächert:

  • Workshop 1: Ultras und Sicherheit – Konflikte mit Verein(en) und Polizei, Selbstregulierung
  • Workshop 2: Ultras und Freiheit – Grenzen, Möglichkeiten und Strategien
  • Workshop 3: Ultras und Ausgrenzung – Das Hamburger (Anhörungs-)Modell zu Stadionverboten
  • Workshop 4: Ultras und die HSV-Fanszene – Kooperation, Führung und Rivalität

Positiv vermerkt wurde, wie Joachim Ranau berichtet, die Anwesenheit von Vereinsvertretern wie Oliver Scheel oder dem Leiter des Ordnerdienstes, insbesondere da der Eindruck der Fans, als Gesprächspartner nicht ernstgenommen zu werden, häufig zu Konflikten beiträgt. Eine Fortsetzung der Veranstaltung, möglicherweise zu Beginn der kommenden Saison, ist bereits angepeilt.

Die Ultrà-Tagung von HSV-Fanprojekt und Supporters Club fand im und mit Unterstützung des „Trockendocks“ in Hamburg statt.

Der Flyer zur Veranstaltung steht hier zum Download zur Verfügung.

Mehr über die Arbeit des HSV-Fanprojekts erfahren Sie in unserer Rubrik Fanprojekte.

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