Home  Newsarchiv  2013  (01.02.2013) Zwischen Pub und Premier League: Doku über englische Fankultur 

1. Feb 2013

Zwischen Pub und Premier League: Doku über englische Fankultur

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England ist das Mutterland des Fußballs und für viele Fans ist ein Besuch in Old Trafford oder an der Anfield Road noch immer etwas ganz Besonderes. Die Doku „Verrückt nach Fußball – Englische Fans im Abseits“ beleuchtet die englische Fankultur und zeigt: Das Fußballparadies ist untergegangen.

Es ist schon die dritte Reise für das Filmteam um Autor Marc Quambusch und die beiden Groundhopper Jan und Jan-Henrick. Im ersten Teil der „Verrückt nach Fußball“ (www.facebook.com/VerrucktNachFussball)-Reihe ging es im Vorfeld der EM nach Polen und in die Ukraine (www.fanguide-em2012.de). Im Herbst folgte das Heimatland der Ultrakultur, Italien, (www.ballesterer.at) und für die dritte Folge nun also die Insel. Die Reise führte durch den Norden Englands: Das Manchester Derby, Liverpool und Birmingham standen auf dem Programm und Besuche bei Vereinen zwischen Premier League und der achten Spielklasse. Eine Reise ins Mutterland des Fußballs ist aber immer auch eine Reise in die Vergangenheit: „Angefangen haben wir in Preston bei Preston North End, dem ersten englischen Meister, also dem ersten Meister, den es überhaupt in einer Fußballliga weltweit gegeben hat“, erzählt Marc Quambusch. „Und sehr interessant war auch unser Besuch beim Sheffield FC, beim ältesten noch existierenden Fußballverein der Welt. Er wurde 1857 gegründet und bis 1860 nur gegen sich selbst gespielt, weil es keine anderen organisierten Vereine gab. Heute spielen sie in der achten Liga und haben einen in den Statuten festgeschriebenen Amateurstatus.“

Hillsborough und die Folgen

Sheffield wird heute mit einem Ereignis verknüpft, das den englischen Fußball und seine Fankultur geprägt hat wie kein zweites: die Katastrophe von Hillsborough. Im April 1989 starben im dortigen Hillsborough-Stadion in Sheffield 96 Menschen beim Pokalspiel zwischen dem Liverpool FC und Nottingham Forest. Es waren zumeist Liverpool-Fans, die im überfüllten Block zu Tode gequetscht wurden. Ein Unglück, das Konsequenzen hatte: das Verbot von Stehplätzen, Sicherheits- und Modernisierungsmaßnahmen, Alkoholverbot und höhere Ticketpreise. Den Fans selbst war – vor allem durch das Boulevardblatt The Sun – eine Mitschuld an dem Unglück gegeben. Erst im vergangenen Jahr wurden der Öffentlichkeit umfassende Dokumente zugänglich, die ein umfassendes Versagen von Polizei, Verein und Rettungsdiensten und, schlimmer noch, eine Vertuschung dieses Versagens enthüllten. Für eine Rehabilitierung der getöteten Fans setzt sich unter anderem die Initiative „Justice for the 96“ ein – auch mit ihnen hat das Filmteam gesprochen. „Mir war vorher nicht klar, wie stark dieses Trauma noch in den Köpfen verankert ist“, sagt Marc Quambusch.

Die Abschaffung der Stehplätze und die anderen Maßnahmen haben den englischen Fußball verändert. Das Publikum ist älter, wohlhabender – und leiser. Filmemacher Quambusch sagt: „Natürlich fehlt der Dauersupport, wie wir ihn in Deutschland durch die Ultras haben, aber das ist nur das eine. Du hast ein geringes Grundrauschen, aber auch die Stimmungsspitzen sind deutlich geringer. Raphael Honigstein vom Guardian hat das schön zusammengefasst – ‚Die Leute merken, dass ihnen was fehlt, aber da es so ein schleichender Prozess war, realisieren sie es nur langsam‘.“

Vom Stadion zum Pub

Auch in England jedoch regt sich schon seit einigen Jahren Widerstand. Die Doku beschäftigt sich auch mit einigen dieser Akteure: „Wir haben mit einem Vertreter der Safe-Standing-Kampagne gesprochen und mit Supporters Direct, die sich für mehr Mitbestimmung von Fans einsetzen. In Manchester haben wir außerdem den FC United of Manchester besucht.“ Der von Manchester-United-Fans nach der Übernahme ihres Klubs durch Malcolm Glazer von unten gegründete Verein verdeutlicht eines der größten Problem des englischen Fußballs aus Fansicht: die Besitzverhältnisse. „Wie stark die Entfremdung zwischen Fans und Vereinen in England inzwischen ist, hat mich doch überrascht“, sagt Marc Quambusch. „Natürlich reden die Leute über ihre Lieblingsspieler und freuen sich über Siege, aber zu Kapitalgesellschaften und Firmen hat man eben eine weniger enge Bindung als zu einen Verein, in dem du auch Mitglied sein kannst und nicht nur Teil einer Verwertungskette.“

Der Fußball lebt jedoch noch in England, auch in der Premier League und auch unter jungen Menschen. In Manchester hat das Filmteam richtig große Stimmung eingefangen, allerdings nicht beim Derby zwischen City und United im Stadion, sondern am englischsten Ort von allen: im Pub. „Da war eine unfassbare Stimmung und da war auch die Jugend, die sich den Stadionbesuch nicht leisten kann“, sagt Quambusch. „In Manchester müssen die Pubs sich als United- oder City-Pub ausweisen – oder einfach gar keine Fans zulassen.“

Nicht zuletzt wegen der hohen Ticketpreise fällt der Blick der englischen Fußballanhänger voller Neid auf Deutschland. Die enthusiastischen Auftritte der Dortmund-Fans in Manchester haben die Einheimischen beeindruckt und ein Billigflug nach Dortmund samt Ticket kann unter Umständen günstiger sein als eine Karte für Arsenal. „‘So wie in Deutschland soll es sein, sowohl was die Stimmung als auch die Besitzverhältnisse angeht‘ – das haben wir häufiger gehört“, berichtet Marc Quambusch, der jedoch auch außerhalb der Pubs Positives in der englischen Fußballkultur gefunden hat: „Sportlich ist die Premier League natürlich sehr gut, auch die Stadien in den unteren Ligen sind in einem besseren Zustand. Und mir ist aufgefallen, dass es in England einen größeren Bezug zum Spiel an sich gibt. Die Engländer können sich lange über Taktik unterhalten, die meiste Fachliteratur zum Fußball kommt aus England.“ Dennoch fällt das Fazit des Filmemachers nach drei Folgen „Verrückt nach Fußball“ in Polen und der Ukraine, in Italien und nun England klar aus: „Ich möchte mit keinem der Länder tauschen. Als Fußballfan kann ich nur sagen: Ich bin froh, dass ich in Deutschland lebe. Die Stadien sind voll, die Stimmung super, die Preise noch erträglich.“

Die Erstausstrahlung von „Verrückt nach Fußball – Englische Fans im Abseits“ gibt es in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 2013 um 1 Uhr auf ZDFinfo zu sehen und voraussichtlich schon einen Tag früher in der Mediathek. Weitere Termine und mehr Infos finden sich auch auf der Facebook-Seite www.facebook.com/VerrucktNachFussball.

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