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3. Apr 2011

„Den Präventionsgedanken zurückerobern“ – Fanarbeit in der Schweiz

Die pädagogische Fanarbeit in der Schweiz wird bereits seit mehr als zehn Jahren in Theorie und Praxis vorangetrieben. Seit einiger Zeit existiert nun ein Rahmenkonzept für den Aufbau, die Ausstattung und Methodologie von Fanprojekten. Eine von Liga und Verband ausgerichtete Tagung unter dem Titel „Dialog schafft Sicherheit“ bot zudem vielen verantwortlichen die Möglichkeit zum konstruktiven Austausch. Ein Bericht zum Stand der Dinge in unserem Nachbarland.

Thomas Gander ist Leiter von FaCH (Fanarbeit Schweiz) www.fanarbeit.ch, dem Dachverband der Schweizer Fanprojekte – die allerdings nicht so heißen, wie er erklärt. In der Schweiz wird von „sozioprofessionellen Fanarbeiten“ gesprochen, um den Rahmen der Tätigkeit zu definieren: „Wir haben gemerkt, dass der Begriff ‚Fanprojekt“ für Verwirrung gesorgt hat, zum einen weil oft gedacht wurde, es gehe um eine Initiative von Fans, zum anderen weil unter ‚Projekt‘ eher eine zeitlich begrenzte Arbeit verstanden wird, und das soll Fanarbeit ja nicht sein.“

Mittlerweile hat sich der Begriff der „sozioprofessionellen Fanarbeit“ durchgesetzt und wird in der Schweiz von der „klubbezogenen“ Fanarbeit abgegrenzt. Die wiederum liegt in der Verantwortung der Vereine und legt, parallel zur Struktur der Fanbeauftragten in Deutschland, einen stärkeren Fokus auf organisatorische Belange und die Zusammenarbeit mit den offiziellen Fanorganisationen und den Vereinen. Aktuell existieren fünf Fanarbeiten in der Schweiz: Basel, Bern Luzern und zwei in Zürich (Grashoppers und FC). Die Strukturen ähneln denen in Deutschland: Träger sind in der Regel unabhängige Vereine, es gibt eine dreigeteilte Finanzierung, in diesem Fall von Stadt, Kanton und Verein. Im Rahmenkonzept Fanarbeit werden die klubbezogene und die sozioprofessionelle Fanarbeit und ihre Merkmale dargelegt und verschiedene Modelle und Finanzierungsvarianten entwickelt.

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FaCH fungiert dabei als Koordinationsstelle und Netzwerk der Fanarbeiten zugleich, Thomas Gander arbeitet hier zusammen mit seiner Kollegin Linda Hadorn. Ihr Ziel und das der Kolleginnen und Kollegen in den verschiedenen Fanarbeiten ist es, die Konzepte von Prävention und Selbstregulierung bei den Verantwortlichen zu verankern. „Es geht auch darum, den Präventionsgedanken zurückzuerobern. Wir wollen deutlich zu machen, dass Maßnahmen von Polizei und Justiz, die der Abschreckung oder Bestrafung dienen, keine Prävention darstellen.“

Thomas Gander
Thomas Gander

Fankurven in der Schweiz

Anders als in Deutschland wurden Theorie und Praxis der Fanarbeit nicht in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren unter dem Eindruck der Hooliganbewegung in den Stadien entwickelt, sondern zu einer Zeit, da die Fanszene zunehmend von der Ultrakultur geprägt wird. „Ich betrachte eigentlich die gesamte Fankurve als unsere Zielgruppe“, sagt Thomas Gander.“ Auch in der Schweiz sind ultraorientierte Gruppen im Stadion am sichtbarsten, obwohl viele sich nicht direkt als ‚Ultras‘ bezeichnen. Insgesamt sind die Kurven bei uns recht jung, es gibt viele Fans zwischen 16 und 24 Jahren. Ältere Anhänger aus offiziellen Fangruppierungen sind häufig in andere Bereiche des Stadion abgewandert.“

Die aktuellen Problemlagen, mit denen sich die Fanarbeit in der Schweiz beschäftigt, klingen nicht so viel anders als im nördlichen Nachbarland. Thomas Gander stellt fest, dass insbesondere mit der Euro 2008 eine massive politische Aufladung der Themen Fans und Gewalt im Stadion stattgefunden habe. „Es hat im Kontext der Europameisterschaft ein ganzes Maßnahmenkarussell gegeben, von der Hooligan-Datenbank über Alkoholverbote bis zur Diskussion um die Einführung einer Fan-Card nach italienischem Vorbild. Letzteres allerdings ist jetzt wieder vom Tisch.“ Dennoch: Der politische Druck auf die Fanszenen ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, für manche Medien gelten Fußfallfans pauschal als Gewalttäter. Das wiederum führt auch zu Gegenreaktionen der Anhänger. Auch in der Schweiz ein Thema ist natürlich die Pyrotechnik, die dort ebenso verboten ist und in der öffentlichen Diskussion oft undifferenziert mit Gewalt gleichgesetzt wurde. Hier beobachtet Thomas Gander einen Stimmungswechsel: „Die Liga und viele Vereine sind inzwischen bereit, ein wenig entspannter mit dem Thema umzugehen. Den Verantwortlichen ist klar, dass der Einsatz von Pyro im Stadion nicht automatisch ein gewalttätiger Vorfall ist.“

Hannoveraner Modell als Inspiration

Pyro ist nicht gleich Gewalt – darauf konnten sich auch die Teilnehmer der Tagung „Dialog schafft Sicherheit“ verständigen, die Anfang Februar im Berner Stade de Suisse (ehemals Wankdorf-Stadion) stattfand. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Swiss Football League (SFL) und dem Schweizerischen Fußballverband (SFV). Ein Vorbild dafür war auch die von der KOS ausgerichtete Veranstaltung in Hannover im April 2010.

Programm der Tagung in Bern

Die rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen von Vereinen der Swiss Football League, aus der Politik, dem Polizei- und Sicherheitsbereich der Kantone und Städte, aber auch aus der sozioprofessionellen Fanarbeit. Aus Deutschland nahm Michael Gabriel (KOS) teil, der die Arbeit der deutschen Fanprojekte vorstellte, sowie Michael Schütte, Leiter des Polizeikommisariats Hannover Nordstadt, und Franziska Wölki-Schumacher von der Universität Hannover, die über das örtliche Konfliktmanagement der Polizei informierten. Das sogenannte „Hannoveraner Modell“ stieß auch bei den Schweizer Verantwortlichen auf Interesse, insbesondere die positiven Erfahrungen mit dem Dialog mit den anreisenden Gästefans im Vorfeld und deren Empfang am Spieltag. Wie die Zusammenarbeit eines Vereins mit Fans, Fanarbeit, Sicherheitsorganen, Politik und Verband in der Praxis aussieht, schilderte Bernhard Heusler, Vizepräsident des FC Basel. Sein Fazit: „Dialog kann Sicherheit schaffen, aber dazu sind Menschen nötig, die bereit sind für den Dialog und auch bereit sind, die andere Seite zu hören und andere Meinungen zur Kenntnis zu nehmen. Und: Das Fundament des Dialogs ist die Sicherheit.“

„In Deutschland hat es auch lange gedauert“, so Michael Gabriel, „bis sich die Vereine, Verbände und jetzt auch zunehmend die Polizei dem Dialog mit der Fanszene geöffnet und verstanden haben, dass die Probleme nicht gegen die Fans sondern nur unter Einbeziehung der Fankultur gelöst werden können. Die Fanprojekte haben hier eine hervorragende Vermittlungsarbeit geleistet. Ich bin überzeugt, dass das vorgelegte Rahmenkonzept Fanarbeit eine gute strukturelle Grundlage darstellt, nun auch in der Schweiz noch stärker in diesen Dialog einzusteigen.“

Ein positives Fazit der Tagung zieht auch Jörg Häfeli, Beauftragter für Prävention und Fanarbeit der Swiss Football League, der zudem als Dozent am Institut Sozialmanagement und Sozialpolitik der Hochschule Luzern Anteil am Aufbau der Fanarbeit in der Schweiz hat: „Es gab nicht nur spannende Referate, sondern auch Gelegenheit für die Teilnehmer miteinander und mit den Referentinnen und Referenten ins Gespräch zu kommen.“ Die Möglichkeit zum Meinungsaustausch und die Aufwertung des Dialogs als methodischem Ansatz, wie im Hannoveraner Modell verankert, wertet auch Thomas Gander positiv. „Die Tagung in Bern sehe ich als Startschuss, um das Thema Fans und Sicherheit aus verschiedenen Perspektiven und nicht nur dem der Repression zu behandeln.“

Eine weitere gute Nachricht für die Zukunft der Fanarbeit in der Schweiz gibt es auch. Der regelmäßig tagende „Runde Tisch gegen Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen“ mit Vertretern von Sportverbänden, Bund, Kantonen, Städten und FaCH verabschiedete das Rahmenkonzept Fanarbeit. Damit wird bis Ende 2012 jeder Spielort der 1. Liga über ein Fanarbeit-Modell verfügen, das die Vorgaben des Konzepts erfüllt. Ein wichtiger Schritt, wie Thomas Gander meint, der Vorteile für alle bringt: „Der größte Gewinn besteht darin, dass die Vereine selbst so näher an die Fankurven herangeführt werden und einen Dialog mit ihren Fans beginnen.“

Mit dem Thema Fanarbeit und Fankultur in der Schweiz beschäftigten wir uns auch schon wenige Monate nach der Europameisterschaft 2008. Nachzulesen im News-Archiv der „alten“ KOS-Website.

Vortrag von Michael Gabriel auf der Berner Tagung „Dialog schafft Sicherheit“ am 4. Februar 2011.

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