Home  Newsarchiv  2014  (05.02.2014) Brasilianische Fankultur in 12 Tagen  

5. Feb 2014

Internationaler Fachkräfte- und Fanaustausch

im Stadion
Estádio do Maracanã

Brasilianische Fankultur in 12 Tagen

Vom 12. bis 25. Januar reiste eine deutsche Delegation aus Fans, Fanprojekten und verschiedenen Expertinnen im Rahmen eines Projekts der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit durch Brasilien. Es ging um Karneval und Fußball, Gewalt und Dialog und darum, mehr übereinander zu erfahren und voneinander zu lernen.

Drei bis vier Städte, zwölf Tage, über ein Dutzend brasilianische Fangruppen, Gespräche mit WissenschaftlerInnen, VertreterInnen von Regierung, Botschaft und Stadtverwaltungen – und natürlich Fußballspiele. Das war, kurz gefasst, das Programm der Studienreise, die die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit Entwicklung (BMZ) im Januar organisiert hatte und in deren Mittelpunkt der Erfahrungs- und Informationsaustausch zwischen deutschen und brasilianischen Fans stand. Hintergrund sind aktuell politische Bemühungen in Brasilien, den Dialog mit den Fußballfans zu verbessern und dabei auch einen Blick auf die Erfahrungen der Fanprojekte in Deutschland zu werfen. In enger Kooperation mit der KOS wurde das Programm gestrickt, das sich auf zwei Ebenen bewegt: Zum einen die konkrete Begegnung zwischen brasilianischen und deutschen Fans, zum anderen Gespräche auf verbandlicher und politischer Ebene, um nach strukturellen Potenzialen der Übertragbarkeit zu schauen. Mit dabei in der 21-köpfigen Gruppe aus Deutschland waren LeiterInnen der Fanprojekte aus Augsburg, Berlin, Dortmund und Düsseldorf samt mehrerer Fans aus der jeweiligen Stadt, die Gruppe wurde komplettiert durch ExpertInnen aus den Bereichen Wissenschaft, WM-Organisation, Journalismus und Entwicklungszusammenarbeit und vor Ort durch Hans-Jürgen Fiege, Berater der GIZ für Entwicklungszusammenarbeit in Fortaleza, und Martin Curi, Fußballexperte und Autor, unterstützt. Für die KOS reiste Gerd Wagner mit nach Brasilien.

Demonstaranten mit großen Fahnen
Demonstration der Torcidas von Flamengo gegen überhöhte Ticketpreise

Fanvereinigung im Dialog

In den Städten São Paulo, Rio de Janeiro und Fortaleza traf die Reisegruppe mit Fans und Fangruppen unterschiedlicher Vereine zusammen und erhielt so in wenigen Tagen einen echten Crashkurs in Sachen brasilianischer Fankultur. Auf den Rängen dominieren dort die sogenannten „Torcidas Organizadas“, also die organisierten Fangruppen, die für den Support sorgen und in den großen Fußballstädten Zehntausende von Mitgliedern haben – von denen allerdings bei Weitem nicht alle auch regelmäßig ins Stadion gehen. Deutlich wurde eins: Die brasilianischen Fanszenen sind in der Krise, viele Gruppen fühlen sich, nicht zuletzt wegen der anstehenden WM, durch neue Gesetze, veränderte Stadionbauten und Konflikte mit Vereinen, Polizei und Medien stark unter Druck. In Rio haben Fanvertreter der großen vier Vereine der Stadt – Flamengo, Fluminense, Vasco da Gama und Botafogo – auf die zunehmend angespannte Situation mit der Gründung eines eigenen Dachverbandes reagiert. Die „Federação das Torcidas Organizadas do Estado do Rio de Janeiro“, kurz FTORJ, versucht, sich als Ansprechpartner zu öffentlichen Institutionen, Vereinen und auch der Polizei zu etablieren und so die Situation der eigenen Gruppen zu verbessern. – Wie schwierig ein solcher Dialog zu organisieren ist, wissen die Kenner der Situation in Deutschland nur zu gut, dennoch gibt es auch ermutigende Signale wie die Teilnahme von Polizeivertretern am Fankongress in Berlin oder die Einbindung von Fanvertretern in die Regionalkonferenzen von DFL und DFB.

Thilo Danielsmeyer vom Fanprojekt Dortmund sagt: „Interessant war der Aspekt, dass es zwar eine unterschiedliche Fankultur ist, aber die Fans viele ähnliche Probleme wahrnehmen, also Kriminalisierung, Ausgrenzung und eine negative Mediendarstellung. Das ist ein Punkt, den auch unsere mitgereisten Fans herausgestellt haben.“  Beim Besuch des legendären Maracanã zeigten sich die Auswirkungen der WM unmittelbar: „Wie ein Theater“ sei das Stadion nach dem letzten Umbau, so einer der Fans. Ohne Stehplätze, ohne echten Raum für Fans und mit deutlich höheren Preisen. Ihr erstes Spiel in der Rio-Meisterschaft boykottierten die Fans von Flamengo denn auch, um gegen die Ticketpreise von umgerechnet 20 Euro zu protestieren, das ist etwa ein Zehntel des brasilianischen Mindestlohns. Auch Anna Hörmann vom Fanprojekt Augsburg hebt die Treffen mit brasilianischen Fans und Fangruppen hervor: „Das Besondere an der Reise war, dass wir so viel Kontakt zu den Torcidas hatten. Dadurch bekommt man nochmal einen anderen Eindruck vom Land. Es ist dann doch vieles ganz anders als man es sich vorgestellt hat.“

Karneval und Auswärtsfahrt

Im Mittelpunkt stand in den Gesprächen auch immer wieder das Thema Gewalt, das in Brasilien im Fußball wie in der übrigen Gesellschaft eine deutlich dramatischere Dimension hat. „Allein in São Paulo hat es im Laufe der Zeit in Verbindung mit dem Fußball 30 Tote gegeben“, berichtet einer der Fans. „Das klingt nach sehr viel, aber man muss auch die Relationen sehen. Hier werden in einer Woche 50 Menschen umgebracht.“ Auf die Gewalt – in der Gesellschaft wie im Fußball – gibt es derzeit noch keine adäquate Antwort, auch das wurde in den Diskussionen ein ums andere Mal deutlich. Sowohl Fans wie auch WissenschaftlerInnen in São Paulo, Rio und Fortaleza ebenso wie die in einer Gesprächsrunde in Rio anwesenden Polizeivertreter waren sich jedoch immer in einem einig: Repression allein, gar das Verbot der Torcidas und die Eliminierung dieser Jugendkultur aus dem Stadion kann keine Lösung sein.

Besuch bei den Torcidas von Botafogo

Deutlich erfreulicher gestaltete sich der Einblick in einen großen und spannenden Unterschied zwischen brasilianischer und deutscher Fankultur: In São Paulo sind die Torcidas nicht nur im Stadion aktiv, sondern nehmen seit einigen Jahren  an den Karnevalsumzügen teil und betreiben dafür selbst sogenannte Sambaschulen. Dort wird allerdings Samba weder gelehrt noch gelernt, sondern die spektakulären Umzüge mit Wagen, Kostümen und Inszenierungen vorbereitet. Die Besuche in den Hallen der verschiedenen Sambaschulen, in denen für die in wenigen Wochen stattfindenden Auftritte geschweißt, geklebt und gehämmert wurde, waren ein Highlight der Reise. In Rio wurde die Karnevalserfahrung dann noch mit einem Besuch im Sambodrom ergänzt, wo Proben für den Karnevalsumzug stattfanden. Und natürlich gab es neben Karneval auch Fußballspiele. Besonders eindrücklich war dabei die gemeinsame Auswärtsfahrt mit der Torcida „Dragões da Real“ vom FC São Paulo zu einem Spiel der Nachwuchsmannschaft beim lokalen Jugendturnier, samt strömendem Regen und Gewitter.

In São Paulo bot sich beim Besuch in der Stadtverwaltung auch die Gelegenheit, die brasilianischen Gastgeber über die Arbeit der Fanprojekte in Deutschland zu informieren und im Gegenzug mehr über die Situationen von Jugendlichen und die Gestaltung von Jugendarbeit in der 20-Millionen-Metropole zu erfahren. Für die GIZ, die die Studienreise als einen Baustein in ihrem „Sektorvorhaben Sport für Entwicklung“ durchgeführt hat, stellt hier gerade der Sport ein wichtiges Querschnittsthema dar, über das auch viele andere Bereiche wie Bildung, Gesundheit, Gewaltprävention und Geschlechtergleichstellung integriert werden können. Eine 1:1-Umsetzung der Konzeption von Fanprojektarbeit in Deutschland ist sicher für Brasilien nicht möglich, dennoch können von einem Austausch dazu wichtige Impulse ausgehen – so das Fazit der Gespräche. Dirk Bierholz vom Fanprojekt Düsseldorf sagt: „In den Gesprächen mit den offiziellen Stellen hatten wir die Möglichkeit, die vielen positiven Aspekte von Fankultur bei uns in Deutschland hervorzuheben und umgekehrt mehr über die brasilianische Sicht zu erfahren.“

Strand
Fortaleza

Armut und Strandleben

Auch beim Aufenthalt in Fortaleza im ärmeren Nordosten Brasiliens war das Thema Jugendarbeit und Fußball ein Programmfokus, nicht zuletzt durch das Stadtteilzentrum CUCA (Centro Urbano de Cultura, Arte, Ciência e Esporte), das Jugendliche mit sportlichen, kulturellen und sozialen Angeboten anspricht. Auch hier fanden Treffen mit verschiedenen Torcidas und Besuche in deren Räumlichkeiten statt. Deutlich wurde auch hier, dass bei allen Unterschieden manche Feindbilder in Brasilien ebenso fest verankert sind wie in Deutschland. „Wir haben das Gefühl, die Polizei und die Presse arbeiten zusammen, um die Torcidas zu zerstören“, so einer der Fans in der Gesprächsrunde. Nach mehreren Ausschreitungen bei Derbys zwischen Fortaleza und Ceará sind aktuell drei Torcidas in der Stadt von der Auflösung durch die Staatsanwaltschaft bedroht und haben derzeit ein Auftrittsverbot im Stadion.

Gerade Fortaleza – im Sommer auch Gruppenspielort für die deutsche Nationalmnnschaft – hinterließ ambivalente Eindrücke. Der Ort gilt mit seinen langen weißen Stränden als beliebtes Urlaubsziel in Brasilien, hinter den Hotelhochhausreihen an der Promenade wird jedoch schnell die Armut der Region sichtbar. Selbst WM-Besucher, die nur zum Spiel anreisen, können dem nicht ganz entgehen. Das für die WM komplett umgebaute Stadion Castelão liegt  zwar in der Nähe des Flughafens, aber auch in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Favela. Die Kluft zwischen Arm und Reich war für die Reisegruppe immer wieder sichtbar, auch ohne einen Favelabesuch. Thomas Jelinski vom Fanprojekt Berlin fasst seine Eindrücke zusammen: „Die Diskrepanz zwischen dem Reichtum in Villenvierteln, Restaurants und Geschäftsstraßen und den armen, einfachen, verdreckten, baufälligen Bereichen und Menschen, die teilweise auch auf der Straße leben, war erschütternd.“

Auch in Brasilien sind die Fans sozial aktiv. Das konnte die Reisegruppe bei einem Besuch auf dem Land feststellen, wo drei Torcidas unterschiedlicher Vereine seit Längerem kooperieren, um ein 50 Kilometer von Fortaleza entferntes Dorf mit Wasser- und Kleidungsspenden zu versorgen. Der Ausflug nach Campos Belos fügte den verschiedenen Stationen der Reise eine weitere Facette hinzu. „Wichtig war zum einen die Unterschiede zwischen den großen Städten kennenzulernen“, sagt Anna Hörmann, „aber auch der Besuch des Dorfes außerhalb von Fortaleza ohne fließendes Wasser, in dem die Torcidas an einem Sozialprojekt mitarbeiten.“

Vor der Botschaft
Besuch bei der Deutschen Botschaft in Brasilia

Hochrangige Gespräche in Brasília

Für einen Teil der Reisegruppe stand noch eine weitere Stadt auf dem Programm: ein Besuch in der Hauptstadt Brasília im Landesinneren. Dort traf die kleine Abordnung, zu der auch Gerd Wagner von der KOS gehörte, nicht nur mit dem Gesandten der Deutschen Botschaft zusammen, sondern diskutierte auch mit dem Berater für internationale Fragen im Bundesministerium für Sport, dem Staatssekretär im Bereich Fußball und der stellvertretenden Leiterin des Nationalen Jugendsekretariats. Vorgestellt wurde dabei aus deutscher Sicht das Nationale Konzept Sport und Sicherheit, die Arbeit der KOS und am Beispiel des Standortes Augsburg die Aufgaben der sozialpädagogischen Fanarbeit. Ein lohnender zusätzlicher Abstecher in die Hauptstadt, wie Anna Hörmann sagt: „Das Treffen in Brasilia mit Vertretern des Sportministeriums war für mich als Fanprojektmitarbeiterin sehr positiv, da wir großes Interesse gespürt haben.“ Um in Brasilien den Dialog mit Fans auf einen besseren Weg zu bringen, gibt es Bestreben vonseiten des Sportministeriums die Gründung weiterer Fanvereinigungen – auch auf nationaler Ebene – nach dem Modell der Torcidas in Rio zu unterstützen.

Hans-Jürgen Fiege, Entwicklungsberater und im Auftrag der GIZ verantwortlich für die Organisation vor Ort, weist darauf hin, dass die Reise der Delegation zu einem entscheidenden Zeitpunkt erfolgte: „Es geht derzeit um die Zukunft der Torcidas und des Fußballs in Brasilien. Im Anschluss an unser Gespräch gab es eine Sitzung im Justizministerium, wo die Regeln für Torcidas und Fanfehlverhalten im Auftrag  der Präsidentin diskutiert und überarbeitet werden sollten. Dazu fand eine längere Diskussion zu Konzept, Strukturen und Finanzierungen der Fanprojekte statt, bei der das Jugendsekretariat sein Interesse an einer Einbindung der Fans in die Strategien der Gewaltbekämpfung im Jugendbereich erläuterte.“

Auch das Fazit von KOS-Mitarbeiter Gerd Wagner fällt rundweg positiv aus: „Für mich war es eine sehr beeindruckende Reise, zumal ich das erste Mal in Brasilien war. Aufgrund des intensiven Programms in den vier Städten konnte ich sehr viel über die brasilianische Fankultur und die Situation der Fans erfahren, die weitaus vielfältiger und differenzierter ist, als wir das hier in Deutschland vermittelt bekommen. Insbesondere die Gespräche am letzten Tag in Brasilia haben den durchweg positiven Gesamteindruck abgerundet.“

Weiter geht’s in Deutschland

Mit der Rückkehr aus Brasilien ist jedoch nur der erste Teil des Fanaustauschs abgeschlossen. Zum Projekt der GIZ gehört auch noch der Rückbesuch brasilianischer Fans, WissenschaftlerInnen und RegierungsvertreterInnen in Deutschland. Am Programm, das die brasilianische Delegation dann im Frühjahr an möglichst alle vier Fanprojekt-Standorten führen soll, wurde bereits in Brasilien schon getüftelt. Neben der „Gelben Wand“ in Dortmund, deren Ruf auch über den Atlantik gelangt ist, gibt es mit der Hauptstadt Berlin, Augsburg als einer der ältesten Städte, aber relativ jungem und überschaubarem Fanprojektstandort in Liga eins und natürlich dem Karnevalspendant Düsseldorf auch in Deutschland ganz unterschiedliche und besondere Reiseziele. Gerd Wagner von der KOS sagt: „Ich bin zuversichtlich, dass unsere Reise und der bevorstehende Gegenbesuch Ende März/Anfang April die Bedeutung von sozialpädagogischer Arbeit mit jugendlichen Fußballfans auf höchster sport- und jugendpolitischer  Ebene in Brasilien noch weiter befördert.“ Für den Austausch zwischen den deutschen und brasilianischen Fans und Fangruppen, gemeinsame Spielbesuche und Diskussionen, bei denen die Eindrücke aus den Begegnungen in Brasilien noch weiter vertieft werden, gilt das mit Sicherheit ebenfalls.

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