Home  Newsarchiv  2010  (06.12.2010) Literatur zu Ultras in Italien und Deutschland 

6. Dez 2010

Literatur zu Ultras in Italien und Deutschland

Zwei gerade erschienene Publikationen widmen sich dem Phänomen der Ultras und ihrer Geschichte in Italien und Deutschland. Beide Bücher bewegen sich auf der Schnittstelle von Wissenschaft, Journalismus und Ultraliteratur, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven, und dies nicht nur, weil Ultras in Italien und Ultras in Deutschland nicht ohne Weiteres zusammenzubringen sind.

Die deutsche Übersetzung von Giovanni Francesios Buch Tifare contro trägt den Untertitel Eine Geschichte der italienischen Ultras und ist auch genau das: eine Geschichte über 40 Jahre Ultrà in Italien von 1968 bis 2007. Jonas Gablers Die Ultras. Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland nimmt das Phänomen der Ultras in Deutschland in den Blick, auch wenn dies unweigerlich vor der Folie des italienischen Vorbilds geschieht. Jonas Gabler ist als Politikwissenschaftler, der seine Diplomarbeit über Ultrakulturen und Rechtsextremismus geschrieben hat, so etwas wie ein wissenschaftlich geschulter Sympathisant. Giovanni Francesio lässt seinen beruflichen Hintergrund ebenso im Dunklen wie seine Heimkurve, er ist oder war in die italienische Ultraszene involviert und schreibt mit leidenschaftlicher Verzweiflung und kritischer Distanz zugleich über ihren Niedergang.

Hinter beiden Büchern steht der Wunsch nach einer differenzierteren Schilderung dieser Jugendkultur in ihrer eigenen Logik, um sie nicht nur den ohnehin Interessierten, sondern auch denjenigen nahezubringen, die selbst selten oder gar nicht ins Stadion gehen und vor allem die Berichterstattung in den Medien kennen. Dort geht es meist nur um gewalttätige Auseinandersetzungen mit anderen Fans oder der Polizei oder darum, die von vielen Ultras so geschätzte pyrotechnische Untermalung als gefährliche Unsitte „sogenannter Fans“ zu

Tifare contro

Von der Straße ins Stadion

Tifare contro, in Italien 2008 erschienen, beginnt am Ende: mit dem Lazio-Fan Gabriele Sandri, der am 11. November 2007 durch die Kugel eines Polizisten stirbt, einer von unfassbar vielen Toten im italienischen Fußball. Danach kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen, auch weil Sandris Tod der zweite Akt in der Tragödie des Fußballjahres 2007 in Italien ist. Der erste ist der Tod des Polizisten Filippo Raciti im Februar in Catania, in dessen Folge der Ligabetrieb ausgesetzt und kollektive Bestrafungen der gesamten Fanszene beschlossen wurden, unter anderem das Verbot von Transparenten, Trommeln und Fahnen in den Kurven. Den Erfolg dieser und anderer in den Jahren zuvor mehr oder minder konsequent und willkürlich umgesetzten Repressionsmaßnahmen bezweifelt Francesio. Er stellt fest, dass dies alles „die beiden wirklich dramatischen Probleme der italienischen Fanwelt nicht einmal im Entferntesten berührt: Die Anwesenheit von ungestraft agierenden Gewalttätern und die sich immer weiter ausbreitende und gefährlicher werdende Spannung zwischen den Ultras und der Staatsmacht.“

Diese Probleme sind in einer langen Geschichte der Ultras entstanden, als deren Anfangspunkt sich die Gründung der Mailänder Ultrà-Gruppe (auch wenn sie sich nicht so nennt) Fossa de Leoni 1968 setzen lässt. In Italien hat sich die Ultrakultur aus der linken Protestbewegung entwickelt, sie kommt als sozialer und politischer Widerstand von der Straße in die Stadien und bringt die Ausdrucksmittel der Demonstrationen mit. Und im Fußball bleibt sie auch, als in der Linken die Enttäuschung über die verpassten Chancen von 1968 eingesetzt hat. Die Befreiung der Gesellschaft mochte vorerst missglückt sein, aber die allwöchentliche Befreiung und Verteidigung kleiner Räume, eben der eigenen Kurve als Ort von Gemeinschaft und Freiheit, scheint noch möglich. In den 70er-Jahren schreibt Francesio, sei das Stadion „vielen wie der perfekte Fluchtweg“ erschienen, „ein großartiger Ort, an dem man sich nur zu gern aufhält. Die Stimulation und die Leidenschaft, die in der Gruppe selbst entstehen, beziehen weitere Nahrung aus dem sportlichen Geschehen, aus dem Lokalpatriotismus und aus der Rivalität.“

In den 1980er-Jahren wird Ultrà zu einem Erfolgsmodell, es entstehen mehr und größere Gruppen, dadurch kommt es jedoch auch zu einer stärkeren Fragmentierung und zur Loslösung von einer ursprünglichen mentalità ultras, zu der auch die Idee eines ehrlichen Kampfes ohne Waffen und Hinterhalt und nur gegen „echte“ Gegner, also andere Ultras gehört. Aber noch mehr läuft in den Jahren bis zum Tod Spagnolos aus dem Ruder: In den Kurven tauchen rassistische Parolen und Banner auf, die Rivalitäten basierend auf dem italienischen Lokalpatriotismus (campanilismo) werden immer unberechenbarer, Menschen sterben und weder in der Politik noch in den Fußballinstitutionen gibt es den Willen oder die Kompetenz, sich mit Themen wie Stadionsicherheit und Gewaltprävention überhaupt oder gar anders als unter dem Primat der Militarisierung auseinanderzusetzen. Die kriegsähnlichen Konfrontationen von Ultras und Staatsmacht erscheinen vor dem Hintergrund der von Francesio geschilderten Entwicklung fast zwangsläufig. Und dennoch beschreibt er auch immer wieder Punkte, an denen etwas anders hätte laufen können: durch Selbstreflektion der Ultras; Journalisten, die tatsächlich recherchieren und dann schreiben; Vereine, die sich für ihre Anhänger nicht nur als Geldquelle interessieren, oder Politiker, die nicht nur auf Repression setzen. So ist Francesios Geschichte der italienischen Ultras auch eine von vielen vertanenen Chancen. 

Fandemo

Support und mehr: Ultras in Deutschland

Mitte der 1990-Jahre, da die Ultras in Italien schon mindestens zwei Generationenwechsel hinter sich und Tote zu beklagen haben, finden die Ausdrucksformen aus der Welt der Ultras ihren Weg in die deutschen Stadien. Hier war es, wie Jonas Gabler schreibt, vor allem der laute, kreative, bunte und dauerhafte Support, der jugendliche Fußballfans anzog und bis heute anzieht. Anders als beim Vorbild Italien hat die frühe Ultrabewegung in Deutschland zum überwiegenden Teil keinen politischen Hintergrund, was jedoch angesichts der deutschen Stadionkultur, auf die sie trifft, durchaus als Fortschritt gelten darf – so zumindest die Einschätzung von Jonas Gabler: „Durch ihre ‚unpolitische Haltung‘ boten die Ultras vielen fußballinteressierten Jugendlichen mit linker oder zumindest nicht rassistischer Überzeugung, die den bis dahin existierenden Gruppen niemals angeschlossen hätten, eine attraktive Anlaufstelle.“ Hinzu kommt in folgenden Jahren eine kritische Haltung zu Kommerzialisierung, Vereinspolitik, Repression. Ein entscheidender Unterschied zu Italien ist jedoch auch das Umfeld, auf das die Ultrakultur in Deutschland trifft: Es gibt bereits in bestehendes Netzwerk von sozialpädagogisch arbeitenden Fanprojekten, die sich auch für die neu entstehende Fankultur stark machen.

Sehr stark betont Gabler die soziale Funktion von Ultragruppen, die Möglichkeit, dort Anerkennung zu finden, Gemeinschaft zu erleben, Selbstorganisation zu erlernen, Kreativität zu entwickeln. Mit anderen Worten: Ultras holen Jugendliche von der Straße ins Stadion und geben ihnen etwas Sinnvolles zu tun. Natürlich nicht nur, wie auch Gabler einräumt: „Kritiker mögen einwenden, dass zum Fußball fahren, Schlägereien anzetteln und Fahnen oder Schals des Gegners klauen auch keine besonders sinnvollen Aktivitäten sind, und sie haben Recht damit.“ Dennoch: Offensiv hebt Jonas Gabler in seinem Buch die positiven Seiten der Ultras hervor, soziales und antidiskriminierendes Engagement und Vermittlung von Werten. So zitiert er eine Schilderungen von Ultras selbst: „Viele Jugendliche sind bei uns aktiv, die von der Gemeinschaft und den Zusammenhalt getragen und durch ihr Leben begleitet werden. Jeder erfährt Werte, die er in der geldorientierten und egoistischen Gesellschaftsform nicht wieder findet, Werte, die den Fußball zu mehr als einem Sport gemacht haben: Ehre, Zusammenhalt und absolute Identifikation.“

Buchtitel: Die Ultras

Angriff auf die Fankultur

Es gibt wohl nicht wenige Menschen, die dies ebenfalls unterschreiben würden. Wo also finden sich hier die Linien zur Geschichte der italienischen Ultras? Ein zentraler Punkt, den beide Bücher immer wieder betonen, ist, dass es die Ultras nicht gibt, dass ein Aspekt der Konflikte im Fußball sogar genau in ebendiesen Pauschalurteilen besteht. Ultras sind nicht per se Faschisten oder gefährliche Schläger, aber genauso wenig eben allesamt selbstreflektierte Antirassistinnen und Antirassisten. Gemeinsame Nenner bei aller Unterschiedlichkeit sind jedoch der Gruppenzusammenhalt und die Ausdrucksmittel der Kurve. Und genau dort, im Herz der Ultrakultur, haben die jüngsten Maßnahmen in Italien mit der Restriktion aller Utensilien, verbotenen Auswärtsfahrten, der Erschwerung des Ticketkaufs und nun schließlich der „Fankarte“, der tessera del tifoso (jungle-world.com/artikel/2010/37/41752.html) getroffen. Gruppenauflösungen, Kurven ohne tifo und Fans, aber natürlich auch ein Verdrängen der Gewalt aus dem Stadion sind die Folge.

Für Jonas Gabler der genau falsche Weg und eine Lektion, wie es im deutschen Fußball in Zukunft möglichst nicht laufen sollte, nämlich das Problem zu lösen, indem gegen die Fankultur statt zielgerichtet gegen die Gewalt und die Gewalttäter vorgegangen wird. Dazu beschreibt er im Interview ein aktuelles Beispiel: „Das Pokalspiel von Hertha BSC gegen die TuS Koblenz wurde kurzfristig zu einem Risikospiel erklärt. Da der Koblenzer Verein sein Hausrecht an die Polizei abgetreten hat, lag es im Ermessen des Einsatzleiters, den Ultras von Hertha BSC beim Pokalspiel kurzfristig und entgegen der vorheriger Zusagen, das Anbringen von Zaunfahnen zu verbieten, woraufhin die Berliner Ultras das Spiel boykottiert haben. Solche Maßnahmen, die gegen die Kultur der Ultras gerichtet sind und nicht gegen konkrete Sicherheitsrisiken oder Einzelpersonen sind kontraproduktiv und können zu einer Radikalisierung führen.“ Für Deutschland ist aktuell das Thema Pyrotechnik Anlass für die meisten Zusammenstöße zwischen Ultras und Sicherheitskräften, für Stadionverbote und Strafen. Für viele Ultras ist Pyro Teil ihrer Fankultur und der Stadionatmosphäre und wurde bis vor einigen Jahren trotz Verbot auch in deutschen Stadien geduldet (und nicht zuletzt wegen des Effekts auch von Vereinen und Sponsoren durchaus geschätzt). Gabler weist darauf hin, dass in diesem Punkt wie auch in vielen anderen das Spektrum von geduldeten Verhaltensweisen im Stadion stark eingeschränkt wurde. Das wiederum führt zu einer anderen Beurteilung derjenigen, deren Verhalten nun plötzlich als „abweichend“ gilt. Hinzu kommt die ungleich größere mediale Aufmerksamkeit für den Fußball, die auch zu einem vergleichsweise verzerrten Umgang mit Übertretungen führt: Verglichen mit Fußball finden Schlägereien vor Discos oder Clubs selten Eingang ins Fernsehen, die involvierten Jugendlichen geraten nicht in Polizeikessel und bekommen natürlich auch kein bundesweit gültiges Discoverbot.

Mystik der Gewalt

Gewalt ist ein zentrales Thema beider Bücher – und dies nicht nur wegen der Beschreibungen gewaltsamer Vorfälle in Francesios Buch. Gewalt, das betonen beide Autoren, ist schon vor Ultrà Teil der Zuschauerkultur, Teil des Fußballs und nicht zuletzt Teil der Gesellschaft gewesen. In der Logik der Ultras geht es nicht um Gewalt als Selbstzweck, sondern um Eroberung (von Fahnen) und Verteidigung (der Kurve). Tifare contro lässt keinen Zweifel daran, dass die „Kämpfe“ dazugehören, den Reiz und die Verführungskraft der Welt der Ultras (auch für den Autor selbst) ausmachen. Ebenso deutlich allerdings benennt er, dass genau dies die Fehler der Ultras sind und waren: „niemals der Mystik der Gewalt abgeschworen zu haben. Den rein Kriminellen, den Psychopathen, den Idioten nicht das Wasser abgegraben zu haben. Niemals innerhalb der eigenen Strukturen Antikörper gegen Gewalt entwickelt zu haben, niemals offen gesagt zu haben, dass der ‚ehrliche Kampf‘ schlichtweg eine undurchführbare Scheiße ist.“

In Deutschland ist die Verknüpfung von Ultras und Gewalt nie eine so unbedingte gewesen, dazu stand der Support als Idee immer deutlich im Vordergrund. Zudem konstatiert Jonas Gabler für die hiesige Situation Ansätze einer kritischen Selbstreflexion der Ultras zur Inszenierung von Gewalt, regellosen und willkürlichen Angriffen aufeinander oder den Einsatz von Waffen. Diese Auseinandersetzungen scheinen durch die Diskussionen rund um die Fandemo in Berlin vor wenigen Wochen eine zusätzliche Dynamik bekommen zu haben. Allein diese Differenz zeigt, wie sehr beide Bücher die Diskussion in Deutschland bereichern können: Giovanni Francesio muss man nicht in allen mitunter zu kurzen Analysen – insbesondere zum Thema Politik im Fußball – teilen, gerade das Engagement des Involvierten macht sein Buch jedoch so interessant und authentisch. Und schließlich führt es in die deutsche Debatte schlicht eine gut lesbare Darstellung von vierzig Jahren Ultrà im italienischen Fußball ein – relevantes Wissen, da der Bezug auf Italien immer schnell zur Hand ist. Tifare contro zeigt, dass jede Rede von „italienischen Zuständen“ im deutschen Fußball von großer Unkenntnis der Lage getrübt ist. Jonas Gablers Buch wiederum liefert nicht nur eine gleichermaßen von Sympathie wie Sachkenntnis getragene Darstellung der Ultras in Deutschland, sondern auch viele anregende Diskussionsanstöße für die Zukunft – für die Ultras selbst ebenso wie für die anderen Beteiligten im Fußballfeld.

Giovanni Francesio: Tifare contro. Eine Geschichte der italienischen Ultras. 240 Seiten, 9,95 Euro. Übersetzt von Kai Tippmann, der regelmäßig auf seinem Blog www.altravita.com über (nicht nur) Fußball in Italien schreibt.
Jonas Gabler: Die Ultras. Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland. 222 Seiten, 14,90 Euro.

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