Home  Newsarchiv  2012  (06.12.2012) Sicherheit gelingt nur gemeinsam. Statement der KOS 

6. Dez 2012

Sicherheit gelingt nur gemeinsam. Statement der KOS

Die Debatte rund um die Sicherheit im deutschen Fußball hält unvermindert an. Das umstrittene Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ der DFL soll am 12. Dezember verabschiedet werden, die Fans protestieren mit Schweigeminuten im Stadion. Die KOS analysiert die Hintergründe und legt Vorschläge für einen künftigen konstruktiven Umgang der Akteure vor.

Integration statt Ausgrenzung

Es gibt keine gewaltfreie Gesellschaft und demzufolge auch keinen gewaltfreien Fußball. Weder heute noch vor 20, 50 oder 80 Jahren. In so gut wie jeder Gesellschaftsform probieren sich insbesondere junge Männer auf spektakuläre Art und Weise aus, überschreiten Grenzen, machen dabei mitunter Gewalterfahrungen in aktiver wie passiver Rolle.

Aggression und Gewalt treten im Fußballkontext – auf dem und abseits des Spielfeldes – offener auf als in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft. Im Fußball und insbesondere in den Fankurven steckt jedoch enormes Potenzial, die Energien und die Leidenschaft, die unter bestimmten Voraussetzungen auch in gewalttätigen Vorfällen münden können, positiv und produktiv zu nutzen. Sinnbild dafür sind der Enthusiasmus und der Einsatz, mit dem Spieltag für Spieltag viele tausende junge Frauen und Männer aus den Fanszenen ihren Verein unterstützen, sich kritisch in das Fußballgeschäft einmischen, karitativ tätig werden und soziale Projekte unterstützen, die von der Politik nur noch mit warmen Worten bedacht werden. Während in den Kommunen eine Jugendeinrichtung nach der anderen schließt und die Ausgrenzungserfahrungen junger Menschen zunehmen, sind die Stadien in Deutschland nach wie vor die größten Jugendhäuser der Republik.

Der Fußball leistet Beachtliches für die Gesellschaft, nicht nur in Bezug auf das Steuervolumen. Der Volkssport Nummer 1 sorgt für einen sozialen Kitt, ohne den die wachsenden sozialen Widersprüche in unserem Land wesentlich unvermittelter aufeinanderprallen würden: von den drei Profiligen angefangen, die mehr als 21 Millionen Menschen in ihren Bann ziehen, bis hin zum Amateur- und Jugendbereich, der unzähligen insbesondere jungen Menschen eine sinnvolle und gemeinschaftliche, sportliche wie gesundheitsfördernde Betätigung bietet.

Unnötige Eskalation durch die Innenpolitik

Selbstverständlich muss es Ziel sein, Fußballspiele mit möglichst wenig gewalttätigen Vorfällen, Straftaten, Ordnungswidrigkeiten und Regelverletzungen zu erreichen und sie auch mit möglichst geringem polizeilichen Aufwand zu begleiten. Für dieses Ziel müssen aber alle Verantwortungsbereiche kritisch auf den Prüfstand gestellt werden, auch auf Seiten der Polizei. Womöglich könnte der polizeiliche Aufwand an Personal und Material schon reduziert werden, wenn im Zusammenspiel aller Institutionen rund um den Fußball die polizeilichen Lageeinschätzungen durch die Expertise anderer Institutionen (Vereine, Fanbeauftragte und Fanprojekte) verfeinert und die darauf aufbauenden Einsatzstrategien flexibler gestaltet werden.

Hilfreich wäre sicher auch eine größere Bereitschaft auf polizeilicher Ebene, Einsatzstrategien einer kritischen Nachbetrachtung zu unterziehen sowie eine allgemein höhere Bereitschaft, die präventiven Kräfte wie die Fanprojekte nachhaltig zu stärken. Die überwiegenden Erfahrungen der Fanprojekte bundesweit zeigen, dass die Mehrheit der verantwortlichen Praktiker der Polizei vor Ort in der Regel zu denen gehören, die sachlich argumentieren und sehr pragmatisch an der Lösung der Probleme interessiert sind. Die angemessene Sachlichkeit jener Polizeipraktiker steht jedoch im Gegensatz zum Auftreten beider Polizeigewerkschaften, die regelmäßig das populäre Thema „Fußball“ missbrauchen, um interessengeleitete Klientelpolitik und Profilierung zu betreiben, und dabei beständig Öl ins mediale Feuer gießen. Dies im Wechselspiel mit Innenpolitikern, die auf diesen Zug aufspringen, statt mit der gebotenen politischen Weitsicht innezuhalten und darüber nachzudenken, was wohl die Folge wäre, wenn all diese repressiven Forderungen umgesetzt würden. Im Grunde genügt hier ein Blick zum italienischen Fußball, wo man in den letzten 30 Jahren ausschließlich mit mehr Polizei und schärferen Gesetzen reagiert hat. Das hat jedoch weder die Gewalt beseitigt, noch hat es den italienischen Stadionfußball für Fans und Besucher attraktiver gemacht. Im Gegenteil: die Zuschauerzahlen sind stark gesunken, die italienische Fankultur liegt am Boden.

Natürlich besteht kontinuierlicher Handlungsbedarf. Die Institutionen des Fußballs, Vereine wie Verbände, müssen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung noch viel stärker bewusst werden und sich ihr offensiv stellen. Das bedeutet zuallererst mit der Leidenschaft und den Erwartungen der oftmals ja sehr jungen Fans verantwortungsvoll umzugehen. Das bedeutet zudem: wahrnehmen, zuhören, unterstützen und einbinden. Aber natürlich auch Grenzen ziehen.

Nur gemeinsam wird man mit „seinen“ Fans die Situation grundlegend verbessern, mit Folgen für die eigene Fanarbeit, die verbessert, ausgebaut und intensiviert werden muss. Dabei braucht der Fußball jedoch unbedingt die Unterstützung durch die Politik und nicht permanentes Gegenarbeiten.

Wir sind überzeugt, dass der Druck, der derzeit durch die Innenpolitik ausgeübt wird, gefährlich ist, weil er spaltet und zusätzlich polarisiert. Problematisch für die hiesige Situation ist aber auch, dass sich die Sozial- und Jugendpolitik weitgehend  aus diesem Thema heraushält, somit „ihre“ Jugendlichen alleine lässt, sodass die derzeitige Debatte ausschließlich durch die Innenpolitik beherrscht wird. Die Vereine werden zu nicht genug durchdachten Maßnahmen getrieben was in Folge dazu beiträgt, die Kluft zu den Zuschauern und Fans weiter zu vertiefen, was aktuell auch die bundesweiten Proteste verdeutlichen. Wie die betroffenen Zuschauer in den Stadien zu der Sicherheitsdebatte stehen, haben sie nun an den Protest-Spieltagen der ersten bis hinein in die vierte Liga mehr als eindrucksvoll bewiesen. Die von den Ultras angestoßene Kampagne „12:12 – Ohne Stimme keine Stimmung“ wurde von allen Fankurven bis hinein in breiteste Zuschauerschichten getragen. Beeindruckend demonstrierten vollbesetzte Ränge gegen eine Sicherheitshysterie aller Beteiligten, die zu falschen Schlüssen und Maßnahmen führt.

Dem Druck widerstehen

Doch woher rührt die schnelle und oftmals hilflose Bereitschaft vieler Vereins- und Verbandsvertreter, diesem Druck nachzugeben, anstatt auf die Stärke des eigenen Handelns der vielerorts funktionierenden Netzwerke zu vertrauen?

Ganz sicher gibt es in Bezug auf die Fankultur immer noch eine ausgeprägte Unkenntnis und Unsicherheit, die auch aus der ungenügenden Einbindung der Fanarbeits-Experten (Fanbeauftragte und Fanprojekte) resultiert. Ein weiterer Grund für die gewachsene Distanz zwischen Vereins- und Verbandsverantwortlichen auf der einen sowie den Zuschauern und Fans auf der anderen Seite ist in der Dynamik der ausufernden Kommerzialisierung zu finden. Umso wichtiger sind die Bemühungen an immer mehr Standorten, das Verhältnis zwischen Verein und Anhängerschaft auf eine vertrauensvolle Basis zu stellen, wie zum Beispiel das vom Verein anerkannte und eingebundene „Fan-Parlament“ in Braunschweig, die enge Verzahnung von Gremien der Fans mit denen der Vereine bei Union Berlin, VfB Stuttgart oder St. Pauli oder die Einbindung von Fans in Stadionneubauten wie in Halle oder Offenbach. Die KOS weist schon seit Langem darauf hin, dass ohne ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen dem jeweiligen Verein und seinen Fans alle Maßnahmen zum Scheitern verurteilt sind. Der investierten Leidenschaft der Fankurven muss eine entsprechend große Wertschätzung und Unterstützung entgegengebracht werden – nicht nur den VIPs und Sponsoren.

Demokratisches Engagement seitens der Anhängerschaft, gegenseitige Wertschätzung sowie Transparenz und Durchlässigkeit auf der Entscheidungsebene wie oben beschrieben, stellen den Schlüssel zu einer Verbesserung der Kooperation und Kommunikation dar. Nur dieser Weg wird sich langfristig positiv auswirken. Dies setzt aber ein grundlegendes Verständnis auf Vereinsseite voraus, welche Bedeutung die Fans für den Verein haben und, darauf aufbauend, ein grundlegendes Konzept, das von allen Vereinsgremien und Abteilungen mitgetragen und umgesetzt wird.

Den Fatalismus der Ultras ernst nehmen

Größte Aufmerksamkeit muss jedoch auch der besorgniserregenden Wahrnehmung in nicht wenigen Ultraszenen gewidmet werden. Aufgrund der politisch wie medial zugespitzen und teils unseriösen Debatte entsteht bei einer Vielzahl von rund um den Fußball engagierten Jugendlichen das Gefühl, ihre Vertreibung aus den Stadien und das Verbot von Stehplätzen seien längst eine „von oben“ beschlossene Sache. Im Gefühl des vermeintlich bevorstehenden Endes der eigenen Fankultur wird den Hardlinern in der Szene gefolgt, die dafür plädieren, die letzten Augenblicke wenigstens zügellos zu genießen. In diesem Kontext beobachten wir an manchen Orten mit ebensolcher Sorge eine zunehmende Bereitschaft in Teilen der Ultraszenen, gewalttätige Auseinandersetzungen gezielt zu suchen.

Sicherheit gelingt nur gemeinsam – den Schulterschluss des Fußballs erreichen

Die Reaktionen auf das „DFL-Papier“ (bzw. der Kommission des Ligaverbandes) waren in den Fanszenen und zwar weit über die Ultragruppen hinaus heftig und empört, haben aber vielerorts zu intensiven Diskussionen geführt, die zu einer Verbesserung des Konzepts beigetragen haben. Es scheint, als würde auf beiden Seiten die Bereitschaft größer werden, aufeinander zuzugehen. Ein solches Vertrauen muss jedoch Schritt für Schritt erarbeitet werden. Erstes Ziel sollte deswegen sein, den politischen Druck aus dem Thema zu nehmen und mit vertrauensbildenden Maßnahmen Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein gemeinsames Handeln der Verbände und Vereine mit ihren Fans überhaupt ermöglichen.

Diese Forderung richtet sich in erster Linie an die Innenminister der Länder und den Bundesinnenminister. Ein wichtiges Ziel haben sie ja schon erreicht, indem die Vereine und Verbände ihr Engagement deutlich intensiviert haben. Jetzt müssen sie dem Fußball wieder Luft zum Atmen und Zeit zum Handeln geben. Je größer die Gemeinsamkeit zwischen Fans und Verbänden wie Vereinen, desto wirksamer und akzeptierter wären entsprechenden Maßnahmen, die, genau wie Gesetzesänderungen auch, in der politischen Praxis einen breitest möglichen Konsens, die Akzeptanz der Mehrheit, anstreben müssen.

In der Abschlusserklärung auf dem Fan-Gipfel in Berlin im November 2012 wurde seitens der Vertreter/innen von 49 Vereinen ein „Bündnis Fußball“ vorgeschlagen. Die KOS unterstützt diesen Gedanken ausdrücklich. Gemeinsam an seine Stärke zu glauben und gemeinsam an den Schwächen zu arbeiten, gelingt nur auf einer positiven Grundlage. Genau aus diesem Grund stellen wir als Koordinationsstelle Fanprojekte vertrauensbildende Maßnahmen in den Vordergrund. Ohne diese wird es nicht funktionieren.

Dies sind unsere Anregungen für die künftige Gestaltung des Verhältnisses von Vereine, Verbänden und den Fanszenen:

1. Vertrauensbildende Maßnahmen statt neue Sanktionen – Fanutensilien flächendeckend gestatten

Die Kluft zwischen Fans und Verbänden bzw. Vereinen wird sich nur durch vertrauensbildende Maßnahme vonseiten des Fußballs verringern lassen. Eine gute Möglichkeit bietet beispielsweise das leidige und vieldiskutierte Thema „Fanutensilien“. Diese sind größtenteils nicht sicherheitsgefährdend und stellen den zentralen Aspekt einer positiven Fankultur dar. Eine grundsätzliche Erlaubnis, Fanutensilien wie Fahnen, Banner, Doppelhalter oder Megafone in alle Stadien einzubringen (und zwar ohne Registrierung von Personalien oder Ähnlichem), würde eine enorm positive Resonanz in der gesamten Fanszene nach sich ziehen. Eine solche Verschiebung weg vom Symbolthema Pyrotechnik könnte den  Druck aus dieser beidseitig inzwischen grotesk überhöhten Debatte nehmen.

2. Stehplätze sind fester Bestandteil des Erfolgsmodells des deutschen Fußballs

Die Stehplätze sollten durch Vertreter der Vereine und Verbände wie auch der Politik mit deutlichen Worten aus der Debatte um das Thema „Sicherheit“ genommen werden. Die Stadien in Deutschland sind sicher! Gewalttätige Vorfälle finden in der Mehrheit außerhalb der Stadien statt. Die Stehplätze sind ein Beleg für die gesellschaftspolitische Verantwortung des Fußballs – sie stehen für Integration und für soziales Engagement. In der öffentlichen Debatte hätte der Fußball mit dieser Argumentation eine breite Mehrheit hinter sich und viele Unterstützer – insbesondere bei den vielen unorganisierten Fußballfans – an seiner Seite.

3. Dialogformen benennen und etablieren – kein Kodex ohne Grundvertrauen

Die Etablierung eines verbindlichen, regelmäßigen und strukturierten Dialogs zwischen einem Verein und allen Gruppierungen seiner jeweiligen Bezugsfanszene ist unbedingt anzustreben. Dieser Dialog müsste von allen Ebenen innerhalb des Vereins getragen werden. Für diese Dialogformen gibt es schon heute funktionierende Beispiele an einzelnen Standorten, etwa den Fanausschuss in Stuttgart oder die regelmäßige Diskussionsrunde zwischen Präsidium und Fanszene in Mainz. Erst wenn ein Verein sich in einem kontinuierlichen Dialog mit all seinen Fangruppen befindet (nicht nur bei negativen Vorkommnissen oder in Krisenzeiten) ist eine Basis vorhanden, auf der ein Verhaltenskodex zwischen Fans und Verein gemeinsam erarbeitet werden kann. Das Beispiel der Erarbeitung der Fan-Charta zwischen dem Verein Dynamo Dresden und der Fangemeinschaft Dynamo e.V. lässt erahnen, wie viel Potenzial, aber auch Anstrengung in einem solchen Dialog steckt.

Bedauerlicherweise wurde die Diskussion über die Erarbeitung von Kodizes eng mit Sanktionsforderungen verzahnt. Das ist kontraproduktiv, daher empfehlen wir, zunächst einmal verbindliche Dialogforen und Formen zu etablieren, anstatt sich in falsche Symbolpolitik zu flüchten. 

4. Verbindliche Anhörungsgremien für Stadionverbote schaffen – Märtyrer vermeiden

Das Thema „Stadionverbote“ steht symbolhaft für die Kontroverse rund um die Sicherheit im Stadion. Wir raten zu einer verbindlichen Einführung eines persönlichen Anhörungsrechts bei Stadionverboten – auch bei jenen, die der DFB ausspricht. Bei den Vereinen, die ein solches Verfahren bereits anwenden, steigt die Akzeptanz des Instrumentes „Stadionverbote“. Gleichzeitig wirkt dies der Empörungskultur der Fanszene entgegen, die die Stadionverbotler auch gerne einmal mehr zu Märtyrern stilisiert.

Eine Erhöhung der Laufzeit auf zehn Jahre, wie sie seit dem Berliner Sicherheitsgipfel im Juli im Gespräch ist, ist abzulehnen. Eine Tat, die solch eine Sozialprognose, nämlich quasi unbelehrbar gewalttätig zu sein, rechtfertigt, sollte mit den Mitteln des Rechtsstaates ausreichend zu sühnen sein. Vielmehr sollten Forderungen – auch aus juristischer Perspektive –, das gesamte Instrument „Stadionverbot“ in seiner Festschreibung, Auslegung und Praxis auf den Prüfstand zu stellen, ernsthaft erwogen werden.

Zudem dürfen alle Beteiligten nicht müde werden, immer wieder Aufklärung über Vergabe und Praxis der Stadionverbote zu betreiben. Erst kürzlich erklärte Innenminister Jäger (NRW) zusammen mit Rainer Wendt (Deutsche Polizeigewerkschaft, DPolG) in einer TV-Talkshow, die Stadionverbote würden massenhaft unterlaufen und zahlreiche mit Stadionverbot belegten Fans würden die Stadien besuchen. Ein Vorwurf, dem jede zuständige lokale Dienststelle der Polizei widersprechen würde, deren szenekundigen Beamte (SKBs) gerade dieser  Personengruppe ganz besondere Aufmerksamkeit widmen.

5. Fanprojekte stärken und ausbauen – Fanarbeit ist kein Feigenblatt

Eine verbesserte Finanzierung der Fanprojekte, die auf Grundlage des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS) arbeiten, halten alle Experten für notwendig. Die Fanprojekte stellen durch ihren spezifischen Arbeitsansatz aus der Jugendhilfe und ihre strukturelle Unabhängigkeit die beste und seit vielen Jahren etablierte Möglichkeit dar, den Dialog zwischen Fans und Vereinen/Verbänden zu organisieren. Allerdings sind die strukturellen und personellen Arbeitsbedingungen bedingt durch die materielle Ausstattung mehr als skandalös – insbesondere vor dem Hintergrund der so oft überhöhten Erwartungen an diesen Arbeitsansatz mit jugendlichen Fußballfans. Fanprojekte, die beispielsweise mit gerade einmal 1,5 bis 2 Stellen einer vieltausendköpfigen Anhängerschar gegenüberstehen, können nur Überschaubares leisten. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf!

Auch die KOS sollte selbstverständlich mit einer verstärkten Förderung in die Lage versetzt werden, die gestiegenen Anforderungen zu erfüllen. Wir begrüßen die Bereitschaft des Fußballs, sich stärker zu engagieren. Das darf aber auf keinen Fall zu einem Rückzug der Länder und Kommunen führen, denn die Jugendarbeit der Fanprojekte kommt in erster Linie „ihren“ Jugendlichen zugute.

Die Forderung aus der Innenministerkonferenz nach einer 100%igen Förderung der Fanprojekte durch den Fußball ist unbedingt abzulehnen. Sie gefährdet deren besondere Wirksamkeit, denn gerade die institutionelle und materielle Unabhängigkeit ermöglicht den Mitarbeiter/innen der Fanprojekte den  Zugang zur Fanszene. Bei einer 100%-Finanzierung würden diese Türen zugehen.

6. Verstärktes Engagement gegen Rechtsextremismus

Beim Thema Rechtsextremismus, Rassismus und Diskriminierung raten wir ebenfalls zu einem deutlich stärkeren Engagement des Fußballs. Vor dem Hintergrund aktueller Vorfälle besteht die dringende Notwendigkeit für größere Anstrengungen der Vereine und der Verbände. Gleichzeitig bietet sich dem Fußball bei diesem Thema die Chance, in der öffentlichen Debatte in die Offensive zu kommen und Druck auf „die Politik“ auszuüben, die dieses Thema ebenfalls nur sehr plakativ behandelt.

Erfreulicherweise wenden sich viele aktive Fans und Ultragruppen gegen rassistische Verhaltensweisen. Allerdings geraten sie dabei immer wieder an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, weil nach wie vor gewalttätige Gruppen und Einzelpersonen einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss in den Fankurven haben. Teilweise kommt es zu besorgniserregenden Bedrohungsszenarien, vor denen niemand die Augen verschließen darf. Nur mittels abgestimmter Maßnahmen zwischen Verein, engagierter Fanszene und gesellschaftspolitischen Akteuren können solche Strukturen langfristig verändert werden.

7. Den Begriff „Fanprivilegien“ abschaffen

Eine Vermeidung der Verwendung des „Privilegien“-Begriffes durch Verantwortungsträger des Fußballs würde für weitere Entspannung sorgen. Denn die meisten sogenannten „Privilegien“ sind keine, sondern in der speziellen Fankultur eines jeden Standortes gewachsene Besonderheiten wie Notwendigkeiten, die es den Fans ermöglichen, für eine gelungene Atmosphäre im Stadion zu sorgen.

Stehplätze; eine Mannschaft, die sich für den Support bedankt; die Erlaubnis, Schwenkfahnen, ein Megafon oder eine Trommel mit ins Stadion zu nehmen, oder gar der vorzeitige Einlass von Fangruppierungen ins Stadion, um eine Choreographie vorzubereiten, sind keine Privilegien, sondern sie tragen zum positiven Gesamterlebnis bei.

Unterstellungen wie die Behauptung, Ultras hätten unkontrollierte Räume in den Stadien, in denen z.B. Pyrotechnik gelagert würde, entbehren unserer Kenntnis nach jeder aktuellen Grundlage und dienen ausschließlich der polemischen Befeuerung der Debatte.

8. Bündnis Fußball

Auf dem Fan-Gipfel in Berlin wurde seitens der aktiven Fans der Vorschlag gemacht, ein „Bündnis Fußball“ zwischen Fans, Mitgliedern, Vereinen und Verbänden zu schließen. Dieser Vorschlag kann nur unterstützt werden. Nur wenn Fans und Vereine gemeinsam agieren, kann es gelingen, die Sicherheit rund um den Fußball zu erhöhen. Aus diesem Grund müssen unserer Ansicht nach die Bemühungen der Vereine, Fans partnerschaftlich mit einzubeziehen, deutlich erhöht werden. Der Fankultur insgesamt muss ein Gefühl des Willkommenseins und der Wertschätzung vermittelt werden. Zudem haben wir es inzwischen mit einer organisierten Fankultur, einer echten sozialen Bewegung zu tun, deren Vertreter viel Positives für Vereine und den Fußball im Allgemeinen bewegen können.

Dies setzt einen kontinuierlichen und ernstgemeinten Dialog zwischen Verein und Fans voraus. Nur auf der Basis eines größeren gegenseitigen Verständnisses kann langfristig ein beidseitiges Vertrauensverhältnis entstehen, das den Verein in die Lage versetzt, die Fankultur an seine Seite zu holen und diejenigen ins Abseits zu stellen, die gewalttätig, diskriminierend oder auf andere Weise den Fußball schädigend auftreten. Nur so wird sich ein Verein in eine selbstbewusste Position bringen, um etwaiges Fehlverhalten seiner Zuschauer einordnen und ggfs. auch wirksam sanktionieren zu können.

Aus diesem Grund fordern wir die politisch Verantwortlichen auf, dem Fußball, und zwar all seinen Akteuren, den Rücken für ihre Arbeit zu stärken. Die interessengeleitete und populistische Debatte um das „Gewaltproblem beim Fußball“ muss endlich versachlicht und das Thema politisch dort eingeordnet werden, wo es hingehört: in den gesamtgesellschaftlichen Kontext von Desintegration, mangelnder Teilhabe und Perspektivlosigkeit großer Teile der Gesellschaft, insbesondere bei Jugendlichen.

Koordinationsstelle Fanprojekte bei der dsj, Dezember 2012

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