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8. Mär 2012

„Fantrennung – Eine Spirale der Gewalt?“ Podiumsdiskussion im Bremer Ostkurvensaal

Unter der Fragestellung „Fantrennung – Eine Spirale der Gewalt?“ fand am 16. Februar im Bremer Weserstadion ein Diskussionsabend zu einem der aktuell größten Konfliktfelder im deutschen Fußball statt: Dem Verhältnis Polizei und Fans. Im Mittelpunkt stand dabei der Umgang mit den Gästefans in der Hansestadt.

Das Thema stieß auf großes Interesse und bescherte dem Fanprojekt aus Bremen als Gastgeber einen vollen Ostkurvensaal. Auf der Veranstaltung, die vom Fanprojekt und dem Kreisverband Mitte/Östliche Vorstadt von Bündnis 90/Die Grünen initiiert worden war, kam es zu einer sehr lebhaften Diskussion zum polizeilichen Umgang mit Fans, insbesondere den Gästefans. Der Hintergrund war unter anderem das grundsätzliche Verbot von Fanmärschen vom Bremer Hauptbahnhof zum Weserstadion und der Einsatz von Shuttlebussen bei Hochrisikospielen.

Chance zur Selbstorganisation

Nach einer kurzen Begrüßung von Peter Rüdel (Beiratssprecher, B90/Die Grünen) referierte Klaus Farin (Leiter des Archivs für Jugendkulturen, Berlin) über deviantes Verhalten von Jugendlichen. Eine Gewaltzunahme bei Jugendlichen, wie häufig von den Medien suggeriert, konnte er nicht bestätigen. Vielmehr lassen unterschiedliche Studien den Schluss zu, dass gewalttätiges Verhalten von Jugendlichen im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten zurückgeht.

Volker Goll vertrat die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) und zeigte in seinem Input unterschiedliche Strategiemöglichkeiten im Umgang mit Auswärtsfans auf. Dabei machte er deutlich, dass man den Fans in erster Linie das Vertrauen entgegenbringen sollte, friedliche Anfahrten zum Stadion selbst zu organisieren. Damit habe man insbesondere bei internationalen Spielen sehr gute Erfahrungen gemacht. Im Ligaalltag gestalte sich die Situation je nach Fanszene sicher sehr unterschiedlich. Der stellvertretende Leiter der KOS plädierte dafür, jeder Fanszene ihre Chance zu geben. Die Erlaubnis eines Fanmarsches könne beispielsweise an das konkrete Handeln und Auftreten der jeweiligen Fanszenen geknüpft werden und so eine differenzierte Regelung statt eines generellen Verbots erreicht werden.

Im Anschluss berichtete Gregor Rosenthal (Bündnis für Demokratie und Toleranz) über seine positiven Erfahrungen mit Fans bei der WM 2006. Dort war er, beauftragt vom Bundesinnenministerium, für die Sicherheit zuständig. Das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“, so Rosenthal, zahlte sich auch als Motto für die Sicherheitsfragen der WM aus. Polizisten aus den jeweiligen Nationen fungierten an den Spielorten als Kontaktpersonen für die Fans, um ihnen in ihrer Landessprache Informationen vor Ort geben zu können. Diesen freundlichen Umgang mit den Fans zahlten ihnen diese mit der tollen und friedlichen Stimmung zurück.

Dauerkonfliktfall: Polizei und Fans

Anschließend begann die Abschlussdiskussion, bei der es im Besonderen um die Fantrennung bei Spielen von Werder Bremen ging. Neben den Referenten nahmen an der Diskussion Holger Münch (Staatsrat Senator für Inneres), Rainer Zottmann (Leiter der Einsatzsteuerung bei der Bremer Polizei), Thomas Hafke (Fanprojekt Bremen), Matthias Güldner (Fraktionssprecher B90/Die Grünen) und Malte L. als Vertreter der Ultragruppierung „Infamous Youth“ teil. Moderiert wurde die Runde von Wilko Zicht, der viele Fragen und Statements aus dem Publikum entgegennehmen konnte. Im Rahmen der Diskussion zeigte sich vor allem das Interesse der Bremer Fans, den Auswärtsfans möglichst viele Freiheiten bei der Anreise zum Weserstadion zu gewährleisten. Fans und Polizei konnten sowohl negative als auch positive Erfahrungen mit Auswärtsfahrten austauschen.

Neben dem eigentlichen Thema der Veranstaltung wurde auch der generelle Umgang der Polizei mit Fans, insbesondere mit Ultras thematisiert. Fans, so wurden viele Stimmen laut, sollten nicht pauschalisiert, sondern differenzierter betrachtet werde. Gerade im Bezug zur Ultrakultur zeige sich, dass es an der realistischen Einschätzung durch die Polizei fehlt – ein Problem, dessen sich Polizist Rainer Zottmann durchaus bewusst ist: „Die Einsatzleiter wissen nicht, was wichtig ist für die Ultras.“ Klaus Farin bestätigte, dass sich Polizisten in der Ausbildung gerade einmal anderthalb Stunden pro Jahr mit sogenannten Subkulturen beschäftigen würden. Auch der Ultravertreter monierte die Unkenntnis der Polizei gegenüber den Ultras, die bundesweit doch sehr unterschiedlich seien und dementsprechend nicht über einen Kamm zu scheren. Rainer Zottmann machte im Namen der Bremer Polizei das Angebot, sich vermehrt und offener auszutauschen. Diese Diskussion könnte der Anfang dafür sein. Vonseiten der FanaktivistInnen im Saal war hier jedoch Skepsis zu erkennen, die sich insbesondere auf die mangelnde polizeiliche und juristische Aufbereitung des Ostkurvenüberfalls aus dem Jahr 2007 bezog. Derzeit scheint nur eine langsame Annäherung von Fans und Sicherheitskräften denkbar, bei der das Fanprojekt eine Vermittlerrolle einnehmen kann.

Trotz der intensiven vierstündigen Veranstaltung mit Vorträgen und Diskussionsrunde wird sich vorerst nichts an der Umgangsweise mit Gästefans ändern. Holger Münch vom Bremer Senat erklärte, dass es weiterhin einen Shuttleverkehr mit Polizeieskorte bei Hochrisikospielen geben muss. Auch das grundsätzliche Verbot von Fanmärschen gilt weiterhin, jedoch konnte man sich darauf verständigen, über das Bremer Fanprojekt weiter im Dialog zu bleiben. So bleibt als Fazit, neben den inhaltlichen Inputs, die Hoffnung, dass der vom Fanprojekt Bremen organisierte Abend ein Anstoß wird, in Zukunft weniger übereinander, sondern mehr miteinander zu reden.

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