Home  Newsarchiv  2012  (08.08.2012) Fanprojekt Halle: Bildungsreise nach Israel 

8. Aug 2012

Fanprojekt Halle: Bildungsreise nach Israel

Foto: Fanprojekt Halle

Das pädagogische Engagement gegen rechtsextreme und antisemitische Tendenzen in den Fankurven gehört zu den wichtigsten Bereichen der Fanprojektarbeit. Im Streetwork Fanprojekt Halle ist hier in den vergangenen Jahren einiges passiert. Die letzte Aktion: eine Bildungsreise nach Israel mit Ultras der Saalefront.

Der Start zur Reise war der Besuch des Länderspiels Deutschland – Israel in Leipzig, wie Steffen Kluge, Fanprojektleiter in Halle, berichtet. Zum Freundschaftsspiel am 30. Mai reiste gleich eine 50-köpfige Gruppe mit Kindern, Jugendlichen aus sozialen Einrichtungen in Halle und einer bunten Mischung aus HFC-Fans an. Am nächsten Tag machte sich dann eine kleine Reisegruppe von sieben Leuten – fünf Ultras, Steffen Kluge und Fanprojektkollege Uwe Striesenow – von Berlin-Schönefeld aus auf den Weg nach Israel.

Foto: Fanprojekt Halle

Steffen, wie ist die Idee zu der Reise entstanden?

Das Vorhaben gehört in einen größeren Zusammenhang. Vor mehreren Jahren geriet der HFC durch antisemitische Rufe aus der Fankurve bundesweit in die Negativschlagzeilen. Da sind wir als Fanprojekt natürlich gefragt, derartigen Tendenzen etwas entgegenzusetzen. So suchten wir seitdem kontinuierlich das Gespräch mit den betreffenden Fans, um mit ihnen dieses nicht tolerierbare Verhalten zu reflektieren. Da war es zunächst wichtig, dass sich die aktiven Fans selbstkritisch hinterfragen und sich innerhalb der Gruppe ehrlich mit problematischen Haltungen auseinandersetzen. Dazu gehörte auch das Theaterstück vor einiger Zeit, in dem die Hallenser Ultras sich selbst gespielt haben. Voriges Jahr waren wir mit einer Gruppe Ultras in Polen, in Krakau und in der Gedenkstätte Auschwitz.

Die nächste Idee war dann, nach Israel zu reisen, um Land und Leute kennenzulernen und sich natürlich dort auch mit der Vergangenheit und dem Holocaust auseinandersetzen. Mit finanzieller Unterstützung durch den DFB, das Land Sachsen-Anhalt und die Stadt Halle haben wir dieses Projekt nach einer einjährigen Planungs- und Organisationsphase umsetzen können.

Foto: Fanprojekt Halle

Wie sah euer Programm aus?

Wir haben in der Gruppe gemeinsam einen Plan ausgearbeitet, was wir uns alles anschauen wollen. Insgesamt hatten wir nur fünf Tage vor Ort plus An- und Abreise. Wir sind an einem Tag nach Tel Aviv gefahren, die übrigen vier Tage waren wir mit einem Kleinbus und unserer israelischen Reiseführerin Eda unterwegs. Wir haben uns eine Vielzahl historischer Stätten angeschaut, waren in Jerusalem und in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Ein Mitglied der Ultraszene hat gerade in Bethlehem ein Studiums-Praktikum gemacht, den haben wir dann getroffen und so auch noch die palästinensischen Gebiete besucht.

Das klingt nach einem sehr vollen Programm. Wie geht man mit so vielen Eindrücken um?

Wir haben uns jeden Abend zusammengesetzt und versucht, gemeinsam den Tag zu reflektieren. Das war für uns alle sehr hilfreich, weil doch viele intensive und bewegende Eindrücke auf dich einstürmen. Die Ultras haben auf Facebook eine Art kleines Tagebuch geführt, sodass ab Mitternacht immer ein kurzer Bericht vom jeweiligen Tag online war und die Zuhausegebliebenen unsere Reise ein bisschen mit verfolgen konnten. Da hatten wir täglich so etwa 300 Leute, die das gelesen oder zumindest angeklickt haben. Wir haben auch eine Menge Rückmeldungen und Reaktionen bekommen, das Interesse war also da. Übrigens auch außerhalb der Fanszene, also etwa von unserer Jugendamtsleitung, dem Kinder- und Jugendbeauftragten der Stadt Halle und auch vom HFC-Präsidium.

Foto: Fanprojekt Halle

2008 hat es in einem Spiel gegen Jena II aus der Hallenser Fankurve antisemitische Rufe gegeben. Mit der Lösung „Na, da fahren wir dann mal in die Gedenkstätte“ ist es bei so was ja nicht getan …

Nein, man braucht einen langen Atem, um da wirklich etwas zu ändern. Der Hauptgedanke ist, dass man an dem Thema dran bleibt, also das immer wieder aufgreift. Das ist meine Herangehensweise, immer wieder mit verschiedenen Aktionen die Diskussion anzuregen, um mit den Fans im Gespräch zu bleiben. Und natürlich sind die Fans auch im positiven Sinn politisch interessiert und nicht einfach nur rechte Idioten. Natürlich gibt es bei den Ultras weiterhin Leute, die rechten Ideologien anhängen, aber es wird nicht mehr toleriert, dass das im Stadion nach außen getragen wird. Da hat sich viel verändert in unserer Kurve in den vergangenen vier, fünf Jahren. Inzwischen gibt es bei rechten Parolen Gegenwind, es gibt Fans, die sich dagegen wehren und die kannst du durch solche Projekte natürlich weiter stärken. In Israel waren einige Leute dabei, die schon vergangenes Jahr mit nach Polen gereist sind, aber auch neue. Der Capo unserer Ultras hat beide Reisen mitgemacht und wenn Leute wie er, die in der Szene ein Standing haben, mitfahren, das setzt ja auch ein Zeichen. Die Fans wollen auch nach außen zeigen, dass es in Halle nicht nur rechte Fans gibt, sondern eben auch einen ganz normalen Querschnitt der Gesellschaft und Menschen, die sich mit aktuellen politischen Themen auseinandersetzen. Auch für uns Fanprojektmitarbeiter war es natürlich sehr interessant, ein Land mit eigenen Augen zu sehen, von dem man viel in der Zeitung liest, aber letztlich doch wenig weiß.

Foto: Fanprojekt Halle

Kam denn der Fußball auch vor während der Tage in Israel?

Wir sind schon eher touristisch durch das Land gereist, ein paar Kontakte mit Einheimischen hatten wir natürlich auch – durch unsere Reiseleiterin, Taxifahrer, in Bars und Cafés und so weiter. Die Leute waren sehr aufgeschlossen, unsere Gruppe war zum Teil in Ultra-Shirts unterwegs und als Fußballfans erkennbar, kurz vor der EM war das natürlich auch Thema und so sind wir schnell ins Gespräch gekommen. Die Saison war aber zu unserem Reisetermin schon vorbei, wir haben dann nur das eine oder andere Stadion von außen gesehen.

Foto: Fanprojekt Halle

Die „Tagebuch-Einträge“ der Hallenser Reisegruppe ist auf der Facebook-Seite des Fanprojekts Streetwork Halle (unter den Einträgen zwischen dem 1. und 7 Juni 2012) oder der Website des Fanprojekts Halle www.fanprojekt-halle.de nachzulesen.

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