Home  Newsarchiv  2011  (08.12.2011) Fußball – emanzipativ oder rückständig? Buchtipps von der KOS 

8. Dez 2011

Fußball – emanzipativ oder rückständig? Buchtipps von der KOS

Für das nahende Weihnachtsfest ist der eine oder die andere vielleicht noch auf der Suche nach Büchergeschenken – womöglich auch solchen, die Fußball und gesellschaftspolitische Themen miteinander verbinden. Wir haben schon mal vorab gelesen: Das Schweigen der Männer und Emanzipation und Fußball.

Buchtitel

In ihrem Buch Das Schweigen der Männer fächern die beiden Journalisten Dirk Leibfried und Andreas Erb ein breites Kaleidoskop rund um das Thema Homosexualität im deutschen (Männer-)Fußball auf. Sie erzählen Anekdoten und Ereignisse der letzten Jahre nach und referieren Artikel, Interviews und Bücher. So geht’s es vom mittlerweile alten Spruch vom Duschen mit dem Arsch zur Wand über die Verschwörungstheorien des Ballack-Beraters zur „Schwulencombo“ in der Nationalmannschaft bis zur Aufregung um den „schwulen“ Tatort in diesem Jahr.

Es kommen viele Experten, Aktive, Funktionäre und Fans zu Wort, mit einigen haben die Autoren selbst gesprochen, andere zitieren sie nur. Die Vielfalt der Stimmen und des Materials belegt allerdings: Auch wenn das erste Coming-out eines deutschen Profis noch aussteht, ein Tabuthema ist Homosexualität längst nicht mehr. Im Gegenteil, es wurde dazu schon so viel gesagt und geschrieben, dass vieles sich wiederholt. Das gilt auch etwa für das lange Interview mit DFB-Präsident Theo Zwanziger, das dennoch viele Aspekte der Haltung des Verbands in den vergangenen Jahren bündelt. Am interessantesten ist das Buch von Dirk Leibfried und Andreas Erb jedoch genau dann, wenn die Autoren die ausgetretenen Pfade verlassen und zum Beispiel die Situation in Amateurvereinen schildern. Hier, relativ geschützt, vor der großen medialen Aufmerksamkeit gelingt es zumindest an manchen Orten Schwulen und Nicht-Schwulen, einfach so miteinander Fußball zu spielen. Auch das Beispiel des eher wenig beachteten Zweitligisten FSV Frankfurt und seiner Bemühungen, sich gegen Diskriminierung und für Toleranz einzusetzen, wird von Leibfried und Erb nachgezeichnet. Zudem nehmen sie mit den Sponsoren des Fußballs eine Gruppe in den Blick, der für das ökonomische Gefüge des Fußballs eine große Rolle zukommt, die aber selten genauer betrachtet wird. Das Fazit der Autoren fällt auch hier ambivalent aus: Schweigen und Zurückhaltung zum Themenkomplex Antidiskriminierung, Homosexualität und Diversity bei einigen Firmen wie McDonalds, Beiersdorf oder Sportfive, symbolische bis konkrete Unterstützung von anderen wie adidas oder Allianz.

Das titelgebende Schweigen der Männer allerdings wird im Buch zu einem weitgehenden Schweigen über die Frauen verdoppelt. Wie sich Homosexualität und Homophobie für lesbische Spielerinnen darstellt, ist kaum ein Thema. Frauenfußball wird recht lieblos in einem kurzen Kapitel abgehandelt, das vor allem die Geschichte des Sports noch einmal skizziert, was im Jahr 2011 spätestens nach dem journalistischen WM-Feuerwerk wirklich nicht mehr nötig ist. Wie es nun um das Verhältnis von Homosexualität und Frauenfußball, von Geschlechterkonstrukten und Fußballwelt bestellt ist, darüber schreiben die Autoren nicht viel. Die knappe Analyse, Weiblichkeit und Homosexualität passen „in das gängige Gedankenkonstrukt der Männerdomäne Fußball nicht so recht“ bestätigen sie dann in ihrem abschließenden Kapitel selbst. Der Aufruf zu mehr Mut und Selbstvertrauen ist – ganz ernst gemeint – überschrieben mit einem klassischen Harte-Männer-Zitat „Eier! Wir brauchen Eier!“.

Fazit: Ein gelungenes Buch für alle, die sich ins Thema einlesen und einen breiten Überblick bekommen wollen. Für einen tiefer gehenden und nachhaltigeren Eindruck bleibt der Zugang der Autoren vielfach zu oberflächlich.

Fußball und gesellschaftliche Bindung

Buchtitel

Breit angelegt ist auch der Ansatz des zweiten Bandes, den wir vorstellen wollen und der zumindest in Hinblick auf das Geschlechterverhältnis im Fußball einen Perspektivwechsel verspricht. Ein Schwerpunkt des Bandes Emanzipation und Fußball, der auf eine gleichnamigen Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung vom Oktober 2010 basiert, ist der Frauenfußball oder genauer gesagt: Fußball als Mittel zur sozialen und kulturellen Teilhabe und Gleichberechtigung von Frauen. Das von den Wissenschaftlern Daniel Küchenmeister und Thomas Schneider herausgegebene Buch leidet unter dem Dilemma aller Tagungsbände, nämlich dem fehlenden Zusammenhalt der einzelnen Beiträge. In diesem Fall bemühen sich die Herausgeber in der Einleitung um eine verbindende Klammer, die eben Frauenfußball zwischen Verboten und Klischees, die Geschichte jüdische Sportler, die des Behindertensports oder die Integrationsarbeit im Fußball zusammenhält. Sie finden sie im Emanzipationsbegriff und der Sichtweise auf Fußball, der über den Sport hinaus soziale Bindungen stiftet, individuell und gesamtgesellschaftlich, und der so ganz unterschiedlichen emanzipatorischen Bestrebungen Raum gibt, wie die Herausgeber schreiben: „Es geht um (Selbst-)Ermächtigung all derer, die am Rand der Gesellschaft stehen oder ins soziale Abseits zu geraten drohen.“

Auch wenn diese Argumentation als Verbindung der einzelnen Artikel nicht wirklich überzeugen vermag – dafür fehlen schlicht die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Themen – bieten die Beiträge des Sammelbandes in sich anregende Lektüren: So wirft der Text von Nina Holsten und Simone Wörner zur Geschichte des Frauenfußballs wirft anders als die meisten historischen Überblicke, die im Vorfeld der WM zu lesen waren, auch einen kleinen Blick auf den Frauenfußball in der DDR und betont, dass auch in der „Verbotszeit“ Frauen in der Bundesrepublik Fußball spielten. Der Beitrag über Fußball für Menschen mit Behinderung von Sabine Radtke rückt ein Thema in den Fokus, das selten genug behandelt wird, und liefert hier grundsätzliche Rahmeninformationen. In ihren Artikeln zum Fußball im Kaiserreich bzw. der Weimarer Republik versuchen die beiden Herausgeber, die Verschränkung des Fußballs und seiner Protagonisten mit gesellschaftlichen Umwälzungen nachzuzeichnen.

Insgesamt ist Emanzipation und Fußball ein informativer Sammelband, das man vermutlich nicht von vorne bis hinten, sondern eher nach Interesse für die einzelnen Themen liest.

Infos zu den Büchern:

Andreas Erb, Dirk Leibfried:
Das Schweigen der Männer. Homosexualität im deutschen Fußball

Mit einem Vorwort von ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein
Werkstatt-Verlag, 2011
176 Seiten
12,90 Euro

Daniel Küchenmeister und Thomas Schneider (Hg.):
Emanzipation und Fußball
Panama-Verlag 2011
184 Seiten
19,90 Euro

© 2009 Koordinationsstelle Fanprojekte | Impressum