Home  Newsarchiv  2012  (09.02.2012) KOS im Bundestag: Rückblick auf den Sportausschuss zu Fußball und Gewalt 

9. Feb 2012

KOS im Bundestag: Rückblick auf den Sportausschuss zu Fußball und Gewalt

Bundestag in Berlin

Keine einfachen Lösungen für schwierige Probleme und ein einhelliges Bekenntnis zum Dialog – so lautet das Fazit der Koordinationsstelle Fanprojekte nach der Sitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages zum Thema „Gewalt in und um Fußballstadien“. Zu der Expertenanhörung war auch Michael Gabriel als Leiter der KOS geladen.

Die öffentliche Sitzung stieß auf großes Interesse auch außerhalb der Ausschussrunde, neben Pressevertretern waren rund 60 Zuschauer anwesend, und auch die Übertragung im Bundestag-TV wurde insbesondere in der Fanszene eifrig verfolgt. Unbedingt positiv herauszuheben ist aus Sicht der KOS der einhellig starke Bezug auf Dialog und Kommunikation als Mittel im Umgang mit Gewalt im Fußball zu werten. Sowohl Hendrik Große Lefert für den DFB wie auch Holger Hieronymus für die DFL verwiesen auf die im Prinzip guten Fanarbeitsstrukturen im deutschen Fußball, wo einerseits die Fanbeauftragten der Vereine und andererseits die unabhängigen Fanprojekte den Dialog mit den Fans gewährleisten können. Beide unterstrichen mit Blick auf die Finanzierungsprobleme vieler Fanprojekte die gleichbleibend hohe Bereitschaft des Fußballs, die Fanprojekte angemessen auszustatten, ohne jedoch die Bundesländer und die Kommunen aus ihrer Verantwortung zu entlassen.

Für die KOS machte Michael Gabriel klar, dass der Blick auf Fußballgewalt nüchtern und ohne Hysterie erfolgen muss. Neben der Mahnung zu Sachlichkeit und Verhältnismäßigkeit wies Gabriel jedoch auch daraufhin, dass es in Teilen der Ultraszenen ein Gewaltproblem und ein ausgeprägtes Feindbild Polizei gebe, der Umgang damit stellte eine größere Herausforderung dar als zu Zeiten der Hooligans. Die Auseinandersetzung mit der ultraspezifischen Fankultur, ihrem Verhältnis zur Gewalt und der Frage der angemessenen Reaktion darauf, das wurde in den Statements von Andreas Ritter (Dynamo Dresden) und Heribert Bruchhagen (Eintracht Frankfurt) deutlich, stellt auch für die Vereinsvertreter eine große Herausforderung dar. Beide sprachen sich gegen pauschale Bestrafungen aus, die nur die Mehrheit der friedlichen Fans in Mitleidenschaft zögen.

Keine Mehrheit für Law and Order

Uneinigkeit gab es wie zu erwarten beim Thema Pyrotechnik. Während Fanvertreter Ben Praße (Unsere Kurve) ebenso wie Dresden-Präsident Ritter vor einer einfachen Gleichsetzung von Pyrotechnik mit Gewalt warnte, sprach sich Bernhard Witthaut von der Gewerkschaft der Polizei für eine konsequente Ahndung des Einsatzes von Pyrotechnik im Stadion und außerhalb. Der Vertreter der GDP forderte zudem ein Alkoholverbot im öffentlichen Nahverkehr. Ebenso wie sein Kollege Jürgen Schubert, Inspekteur der Bereitschaftspolizeien der Länder, wollte er auf Nachfrage jedoch auch den Einsatz von Gesichtsscannern als Einlasskontrolle nicht befürworten. Dafür hatte sich kürzlich der aktuelle Vorsitzende der Innenministerkonferenz und Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier, stark gemacht.

Insgesamt jedoch war die Anhörung auf allen Seiten vom großen Bemühen um Sachlichkeit und einen differenzierten Umgang mit der Fußballfankultur gekennzeichnet. „Damit wurde hoffentlich übertriebenen Forderungen nach Gesichtsscannern, lebenslangen Stadionverboten oder der Schließung von Tribünen der Wind aus den Segeln genommen“, sagt Michael Gabriel, der gleichzeitig betont „Für ein so komplexes Phänomen gibt es keine einfachen Lösungen und zum kontinuierlichen Dialog mit dem Ziel der Einbindung der Fußballfankultur keine Alternative.“

Erste Presseartikel zur Sitzung des Sportausschusses

Sportausschuss: Gewalt im Fußball richtig einordnen
newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1272990

„Da hilft nur Pädagogik“
www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,814148,00.html

„Vereine können das nicht alleine bewältigen“
www.dradio.de/dlf/sendungen/sport/1672656/

Die Anhörung in der Mediathek des Bundestages
www.bundestag.de/Mediathek/...

Zur Sitzung des Sportausschusses

Die Liste der eingeladenen Sachverständigen zur Anhörung des Sportausschusses am 8. Februar umfasste neben Holger Hieronymus (DFL) und Hendrik Große Lefert (DFB) auch Vertreter von Bundesligavereinen – Andreas Ritter von Dynamo Dresden sowie Heribert Bruchhagen von Eintracht Frankfurt. Als Vertreter der Polizei waren Jürgen Schubert (Inspekteur der Bereitschaftspolizeien der Länder) und Bernhard Witthaut (Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei) anwesend. Als Fanverteter war Ben Praße, Sprecher der Fanorganisation „Unsere Kurve“, geladen. Für die KOS sprach Michael Gabriel in Berlin.

Positive Seiten der Ultrakultur

Die KOS und die Fanprojekte machen sich dafür stark, die Bedeutung insbesondere der Ultrakultur mit ihren ausgeprägten solidarischen Gruppenstrukturen und ihren vielfältigen Aktivitäten auch jenseits des Stadion stärker zu würdigen. „Insbesondere das zivilgesellschaftliche und sehr couragierte Engagement vieler Ultragruppen sollte positiv hervorgehoben werden“, heißt es dazu in der Stellungnahme für den Sportausschuss. Die Einbeziehung dieser Sichtweise verstellt dabei keineswegs den Blick auf problematische Aspekte der Fanszene: „Innerhalb vieler Ultraszenen wird Gewalt gegenüber anderen Ultragruppen nicht generell abgelehnt, auch Gewalt gegenüber der Polizei findet verbreitet Zustimmung. Grundsätzlich ist jedoch festzustellen, dass es ausgeprägte Selbstregulierungsmechanismen in den Fanszenen gibt und eine zunehmende Bereitschaft vieler Gruppen, sich selbstkritisch mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen.“

Länder und Kommunen in der Verantwortung

Hier ist es aus pädagogischer Sicht unbedingt notwendig, die bestehenden Möglichkeiten zum Dialog zu nutzen: „Es müssen verstärkt Anstrengungen von Politik und Fußball unternommen werden, mit den Jugendlichen in einen dauerhaften Dialog zu treten und darüber hinaus bestehende Konzepte gestärkt werden, die eine ernstgemeinte Partizipation der jungen Menschen ermöglichen.“ Die Fanprojekte, die diesen Prozess maßgeblich mittragen, bedürfen dabei endlich einer angemessenen finanziellen Ausstattung. Die KOS sieht insbesondere Länder und Kommunen in der Pflicht, ihrer Verantwortung im Rahmen der Drittelfinanzierung nachzukommen. Dem Bekenntnis zu einem auf Prävention ausgerichteten Umgang mit dem Thema Gewalt im Fußball müssen Taten folgen: „Wenn Dialog und Kommunikation das Mittel der Wahl zur langfristigen Bearbeitung der Problemlagen rund um den Zuschauersport Fußball darstellen, dann müssen die hierfür kompetenten und prädestinierten Institutionen auch besser in die Lage versetzt werden, diese Anforderungen umzusetzen.“

Die gesamte Stellungnahme der KOS zum Thema der Anhörung steht hier als Download zur Verfügung.

Einige weitere Stellungnahmen können auf der Website des Bundestages ebenfalls heruntergeladen werden

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