Home  Newsarchiv  2010  (09.09.2010) 20 Jahre St. Pauli Fanladen  

9. Sep 2010

20 Jahre St. Pauli Fanladen

Die Feierlichkeiten rund um den FC St. Pauli scheinen kein Ende zu nehmen. Nach 100. Jubiläum und dem Aufstieg galt es jetzt, den 20. Geburtstag des Fanladens zu begehen, dem Fanprojekt für die Fans des braun-weißen Stadtteilvereins in Hamburg. Gefeiert wurde am 3. September mit einem Empfang in der Südtribüne des Millerntorstadions und einer anschließenden Party.

Die Fanladen-Crew freut sich über ihre Geschenke. Foto: Selim Sudheimer

Die Liste der Gäste und RednerInnen beim Empfang im Stadion des FC St. Pauli war in etwa so bunt gemischt, wie es dem Publikum des „Kultklubs“ immer gerne nachgesagt wird: Fans, Fanaktivisten, langjährige Begleiter der Fanarbeit und ehemalige MitarbeiterInnen des Fanladens neben Polizisten in Uniform und Zivil, dazu schwarz-grüne Hamburger Politik und mittendrin zwei Bodyguards, denn auch der neue Innensenator der Stadt, Heino Vahldieck (CDU) war an seinem neunten Arbeitstag gekommen, um zu gratulieren. Ebenfalls nicht ganz unwichtige Gratulanten, gerade in Hinblick auf das bevorstehende Derby und die aktuellen Spannungen zwischen den Fangruppen: Oliver Scheel als Vertreter des HSV-Vorstandes und Geneviève Favé, Thorsten Eikmeier und Joachim Ranau vom HSV-Fanprojekt.

Durch den Nachmittag führte Dieter Bänisch, Geschäftsführer des Vereins Jugend und Sport e. V., Träger beider Hamburger Fanprojekte. Nach ersten kleinen Geschenken für die aktuellen MitarbeiterInnen Carsten Kupisch, Justus Peltzer, den Fanbeauftragten Stefan Schatz und Elin Wagner würdigte Innensenator Vahldieck als erster Redner die langjährige Arbeit des Fanladens bzw. der Fanprojekte in Hamburg allgemein. Auch im Senat, so Vahldieck, sei angekommen, dass Sicherheit rund um den Fußball ohne und gegen Fans nicht zu machen sei. Hier laste auf allen Beteiligten eine große Verantwortung, der Innensenator forderte auch die Fans auf, sich in den Dialog einzubringen. Als erster Vorsitzender des Vereins Jugend und Sport e. V. stellte Kurt Rohde anschließend fest, dass die Wertschätzung der Fanarbeit in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen sei, was sich nicht zuletzt an der Anwesenheit mehrerer Vertreter der Stadt Hamburg an diesem Tag ablesen ließ. An der Wertschätzung der Fans für die Arbeit des Fanlandes herrschte ohnehin nie Zweifel. Rohde erinnerte an den legendären Umzug aus der Thadenstraße in die Brigittenstraße an Silvester 2001. Um hohe Umzugskosten zu sparen, wurden die 600 Meter durch eine Umzugskette von Fans bewältigt, die die Einrichtung des Fanladens Stück für Stück, Kiste für Kiste eigenhändig in das neue Domizil transportierten. Zum Dank gab‘s Erbsensuppe als Stärkung vor der Silvesterparty.

Die über den Fußball und Fankultur hinausgehende politische Bedeutung des Fanladens betonte Antje Möller, GAL-Abgeordnete und Fachsprecherin für Inneres. Im Stadtteil St. Pauli aber auch darüber hinaus engagiere sich der Fanladen gemeinsam mit den Fans vielfältig gegen Diskriminierung und die zunehmenden Auswüchse der Kommerzialisierung im Fußball. Möller hob zudem hervor, dass ihrer Partei der in der vergangenen Saison verstärkte Dialog zwischen Politik und Fanprojekten am Herzen liegt und dieser auch in Zukunft fortgesetzt werden wird.

Die Gratulanten v.l.n.r. Helmut Schulte, Vereinspräsident Stefan Orth, Bernd Spies, Kurt Rohde und Heino Vahldieck, Foto: Selim Sudheimer

„Teil der Fankultur“ – Dank von Verein und Mannschaft


Auch der Verein FC St. Pauli war, u. a. mit Präsident, Vizepräsident und Sportdirektor, hochkarätig vertreten. Vizepräsident Bernd Spies zitierte die Laudatio für den Fanladen aus dem Stadionmagazin – „Er war, er ist und er wird bleiben“ – und lobte die Einrichtung als „Eckpfeiler der Fankultur“. Die Beteiligung von Fans in der Vereinspolitik, auch wenn sie wie in den letzten Monaten nicht immer einfach ist, sei wichtig und Teil der St.-Pauli-Kultur. Neben diesen warmen Worten gab es vom Verein außerdem eine Spende zur Unterstützung der Arbeit. Aus der Perspektive der Mannschaft sprach Helmut Schulte, ehemaliger Trainer und aktuell Sportchef beim FC St. Pauli. Er dankte im Namen aller Mannschaften der letzten 20 Jahre für die wichtige Unterstützung durch die Fans, die ohne die Arbeit des Fanladens nicht möglich gewesen sei. Zudem erzählte er von einem Besuch der Mannschaft in den Anfängen des Fanprojekts (damals noch unter einem Dach mit dem des HSV). Ein tolles Erlebnis, so Schulte, seien die Begegnung und die Gespräche mit den Fans für die damaligen Spieler und ihn als Trainer gewesen.

Last but not least ergriff Norbert Harz als Fanvertreter das Wort und wies auf die auch überregionale Bedeutung des Fanladens hin, der, gerade weil er aus der Fanszene selbst hervorgegangen sei, z. B. auch für die Entstehung des Bündnisses aktiver Fußballfans, BAFF, und den Kampf gegen Rassismus in der deutschen Fanlandschaft maßgeblichen Einfluss hatte. Das wäre unmöglich ohne den großen persönlichen Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die der Fanladen immer „mehr als ein Job“ gewesen sei. Dieses Engagement nehme junge Fans ernst und ermögliche und unterstütze so auch Selbstinitiativen und eigenständig entwickelte und selbstverwaltete Projekte. Ein solches ist die Initiative „Fanräume“, die unabhängig finanzierte Räume in der noch zu bauenden neuen Gegengerade des Millerntorstadions realisieren will. Dort soll dann in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft auch der Fanladen ein neues Domizil finden, vielleicht ja wieder mit einer Umzugskette durchs Viertel und Erbsensuppe hinterher. Applaus insbesondere von den anwesenden Fans bekam Norbert Harz dann für seinen provozierenden Vorschlag, falls Einsparungen im Bereich Fußball nötig seien, doch bei den szenekundigen Beamten anzufangen: „Die braucht kein Mensch.“

Sektempfang in der Südkurve des Millerntorstadions, Foto: Selim Sudheimer

Positive Signale

Auch vor der abendlichen Party im Knust, bei der es u. a. ein Geburtstagsständchen von Thees Uhlmann, Sänger der Band „Tomte“ und St.-Pauli-Fan, gab, durfte das Fanladen-Team sich also schon über eine gelungene Veranstaltung freuen. Für die zukünftige Arbeit sieht Stefan Schatz positive Signale vonseiten der Hamburger Politik. „Wir haben ganz klar den Eindruck, dass unsere Arbeit dort verstärkt gewürdigt wird. In den vergangenen Monaten hat es sowohl mit uns als auch mit dem HSV-Fanprojekt Gesprächsrunden mit Vertretern des Senats gegeben. Auch die Tatsache, dass der Innensenator heute hier war, sich informiert hat und auch noch zu Kaffee und Kuchen geblieben ist, sehen wir als positives Signal.“

© 2009 Koordinationsstelle Fanprojekte | Impressum