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10. Mai 2011

Homosexualität im Sport: Fußball und Fans sind Vorreiter

Vor wenigen Wochen beschäftigte sich der Sportausschuss des Deutschen Bundestages in einer öffentlichen Anhörung mit dem Thema „Homosexualität im Sport“. Der Fußball stand dort im Fokus – weil er als Sport Nummer eins besondere Aufmerksamkeit genießt und die Homophobie dort am greifbarsten erscheint. Ein genauer Blick zeigt aber auch: Nirgends sonst sind Aufklärung und das Engagement für einen offenen Umgang mit dem Thema so weit wie hier.

Zur Anhörung des Sportausschusses waren als ExpertInnen die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling, der ehemalige Fußballprofi Marcus Urban, Michael Vesper, Generaldirektor des DOSB und Tanja Walther-Ahrens, Aktivistin der European Gay and Lesbian Sports Federation und Bildungsbeauftragte des DFB geladen. Für die KOS trug Michael Gabriel eine Einschätzung der Situation im Fußball aus Sicht der Fanprojekte vor. Dabei ging es nicht nur darum, das allzu gern beschworene „Tabuthema“ Homosexualität aus unterschiedlichen Perspektiven zu beschreiben, sondern vor allem Anregungen zu liefern, wie die Situation von Lesben und Schwulen im Sport zu verbessern und den noch immer verbreiteten Vorurteilen und Geschlechterstereotypen beizukommen sei. Von den Medienbeobachtern gab es hinterher einige Kritik an der Sitzung. So berichtet etwa Boris Herrmann für die Süddeutsche Zeitung, dass die Parlamentarier zwar fragten, in welcher Form die Politik denn helfen könne, jedoch nur die Hälfte von ihnen bis zum Ende blieb, um sich die Antworten der geladenen ExpertInnen auch tatsächlich anzuhören.

Politik und Verbände müssen Verantwortung übernehmen

Für Michael Gabriel ist dabei eins klar: „Wir wissen aus der Fanarbeit und auch aus dem Resümee des dreijährigen Modellprojekts am Ball bleiben – Fußball gegen Rassismus und Diskriminierung, dass das Engagement gegen Diskriminierungen im Fußball einen langen Atem braucht. Viele Fans und auch Vereine sind inzwischen aktiv und interessant, wichtig ist aufseiten der Verbände dabei eine nachhaltige und strukturelle Verankerung, etwa durch die Benennung von hauptamtlichen Ansprechpartnern.“ Ganz konkret wurde hier auch Marcus Urban. Er ist ehemaliger DDR-Nachwuchsspieler, war bei Rot-Weiß Erfurt aktiv und outete sich nach seiner Fußballkarriere. Darüber berichtet er auch in der von Ronny Blaschke verfassten Lebensgeschichte „Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban. Vor dem Sportausschuss machte er sich für die Einrichtung einer Diversity-Stelle beim DOSB stark.

Tanja Walther-Ahrens macht darauf aufmerksam, dass der Fußball gerne als Ort schlimmster Homophobie gebrandmarkt werde, hier jedoch tatsächlich in den vergangenen Jahren viel in Bewegung gekommen sei. Die Aufregung um das an den Stammtischen verhandelte mögliche Coming-out eines prominenten schwulen Fußballers verstellt den Blick darauf, dass Diskriminierung von Schwulen und Lesben auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen noch weit verbreitet und ein offenes Leben längst nicht für alle und überall denkbar ist. Verglichen mit anderen Sportarten nimmt der Fußball ohnehin seit Längerem eine Vorreiterrolle ein und was die „Gefahren“ eines Outings betrifft, sagt Tanja Walther-Ahrens: „Es ist wichtig, den positiven Aspekt des Coming-outs hervorzuheben, weil das wirklich befreit. Klar, gibt es auch blöde Bemerkungen, aber die kriegst du als Profifußballer eh, sobald du mal schlecht spielst. Die Fans sind, glaube ich, auch gar nicht das große Problem, es muss vor allem im Umfeld stimmen – Freunde, Familie und dann natürlich auch im Verein und in der Mannschaft.“

Ähnlich sieht es auch Marcus Urban. Nicht zuletzt bestärkt durch die Erfahrungen in vielen Diskussionen und Veranstaltungen der letzten Jahre wagte er kürzlich in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt eine durchaus optimistische Prognose für ein mögliches Outing eines schwulen Fußballers: „Ein Fußballer muss dem Bild des starken Kriegers entsprechen. Männlich, verwegen, angriffslustig. Schwächen zu zeigen ist verboten. Das alles passt nicht zu landläufigen Klischees über Schwule. Dennoch bin ich sicher, dass inzwischen die meisten Fans Schmähungen gegenüber einem schwulen Profi strikt ablehnen würden.“

Fans sind längst aktiv

Tatsächlich ist viel passiert in den vergangenen Jahren. Neben DFB-Präsident Theo Zwanziger und sein engagiertes öffentliches Auftreten gegen Homophobie sind es auch und vor allem Fans, die das Thema voranbringen, teilweise auch mit Unterstützung durch Verband, Vereine und nicht zuletzt Fanprojekte. So gibt es mittlerweile gibt es an fast allen Standorten der (Männer-)Bundesliga schwul-lesbische Fanklubs, die sich im Verband Queer Football Fanclubs auch europaweit vernetzen. Anstöße zur Thematisierung von Homosexualität und Homophobie im Fußball lieferten die Aktionsabende „Fußball ist alles, auch schwul“, organisiert von der EGLSF und QFF, mit Unterstützung des Projekts „am Ball bleiben“ und des DFB, die 2007 in Berlin, 2008 in Köln und 2009 in Stuttgart stattfanden und weitere lokale Veranstaltungen anregten, etwa in Mainz oder in Kaiserslautern.

Im Rahmen der Wanderausstellung Tatort Stadion 2. Fußball und Diskriminierung (tatortstadion.blogsport.de) ist Homophobie an vielen Orten Thema. Am 30. Mai beim Gastspiel in Wolfsburg findet ein Diskussionsabend unter dem Titel „„Ich hab nix gegen Schwule.“- Homophobie im Fußball“ statt. Gastgeber und Veranstalter ist das Fanprojekt Wolfsburg (tatortstadionwob.blogsport.de/veranstaltungskalendar). Bei den Stationen Düsseldorf, Bielefeld oder auf Schalke war Homophobie ebenfalls Thema. Die Resonanz auf die Veranstaltungen, die auch unter Einbeziehung der aktiven Fanszene stattfanden, zeigt: Eine Debatte ist gewünscht und wird in der Fanszene in weiten Teilen auch längst geführt.

Auch in Hamburg setzen sich Fans mit Diskriminierung im Fußball, und speziell Homophobie, auseinander, und zwar nicht nur beim FC St. Pauli, dessen Fanszene hier schon länger aktiv ist, sondern auch beim Stadtrivalen vom HSV. Beim „Tag der Vielfalt“ im Januar diesen Jahres stand auch die Rolle von Schwulen und Lesben im Fußball im Fokus, die von den Fans selbst produzierte Broschüre gab es verschiedene Beiträge dazu.

Schließlich zeigen Fans nicht zuletzt dort Flagge, wo es ihnen am wichtigsten erscheint, nämlich im Stadion. Wer die Bilder aus den Kurven in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt, dürfte schon auf das eine oder andere Motiv gestoßen sein: Das Spektrum reicht von Bannern der schwul-lesbischen Fanklubs über Choreos und Aktionstage bis zu gemeinsamen „Auftritten“ etwa der Werder- und FC-Fans beim Auswärtsspiel des 1 FC Köln in Bremen im April 2010, wo die grün-weiße Choreo der Gastgeber durch ein Transparent der Gäste ergänzt wurde.

Kooperationen und institutionelle Verankerung

Fanprojekte legen ihre Aktivitäten häufig breiter an, so ist die Eirichtung in Bielefeld etwa an einer im vergangenen Jahr gestarteten Kampagne beteiligt, die unter dem Motto (www.wostehstdu.de) verschiedene Themen wie Gewalt und Rassismus im Fußball, aber eben auch Homophobie aufgreift. In Bremen ist die Antidiskriminierungsarbeit derzeit vielleicht am stärksten in die Strukturen des Vereins integriert: Mit dem Schwerpunkt Antidiskriminierung, an dem verschiedene Akteure beteiligt sind, hat man eine institutionell verankerte Form für das Thema, die bereits eine ganze Reihe Projekte angeschoben hat. Insbesondere die AG „Werderfans gegen Diskriminierung“ ist hier gemeinsam mit dem Fanprojekt aktiv und wurde erst kürzlich mit dem Jugendpreis des Bremer Senats „Dem Hass keine Chance“ ausgezeichnet. Auch zum Thema Homophobie fanden bereits verschiedene Aktionen wie etwa ein Diskussionsabend statt.

Auch die KOS hat sich mit dem Thema bereits beschäftigt und dafür auch über den Fußball hinausgeschaut. Im Rahmen der regelmäßig gemeinsam mit der Deutschen Sportjugend, dem Projekt am Ball bleiben und dem Forschungsinstitut Camino ausgerichteten Schnittstellenkonferenzen stand Homophobie im November 2009 im Fokus. Eines der Ergebnisse: Von Vertreter/innen aller anderen Sportarten wurde ein deutlicher Bedarf an (bis jetzt fehlender) Unterstützung in den Sportorganisationen formuliert.

Die Vorlage der KOS für die Sitzung des Sportausschusses

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