Home  Newsarchiv  2013  (11.09.2013) Gesellschaftliche Realität. Fanprojektarbeit in Chemnitz 

11. Sep 2013

Gesellschaftliche Realität. Fanprojektarbeit in Chemnitz

Das FP-Team
Nicole Gabriel und Franziska Junker

Seit 2007 wird in Chemnitz sozialpädagogische Fanarbeit geleistet. In einem derzeit noch reinen Frauenteam legen Nicole Gabriel und Franziska Junker einen Schwerpunkt auf die Arbeit gegen Rassismus. Vorbildlich unterstützt wird das Fanprojekt in Chemnitz von seinem engagierten Träger, der Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Eigentlich kann Nicole Gabriel im Moment nur Positives zu ihrer Arbeit als Leiterin des Fanprojekts Chemnitz sagen. Seit genau einem Jahr ist die Soziologin jetzt dabei, ihre Kollegin Franziska Junker ein Jahr länger. „Wir sind ein Super-Team, haben hier in Chemnitz aber auch wunderbare Strukturen.“ Mit einem rein weiblichen Team hat Chemnitz derzeit ein Alleinstellungsmerkmal in der Fanprojektlandschaft. Für die beiden Frauen ist das allerdings kein großes Thema: „Wir machen uns darüber gar nicht viele Gedanken, einige Leute sind immer noch überrascht, aber wir haben im vergangenen Jahr gezeigt, wie gut das funktioniert, und das Feedback bestätigt uns das auch“, sagt Nicole Gabriel. Die private Fußballverbundenheit ist bei beiden vorhanden, am liebsten möchte keine ein Spiel verpassen, aber aufgrund vielfältiger anderer Arbeitsbereiche muss das doch mitunter sein. „Das würfeln wir dann aus.“

Fußball und Gesellschaft verbinden

Hinter der positiven Arbeitssituation stehen wie so oft solide Strukturen. Mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat das Fanprojekt Chemnitz einen Träger im Rücken, der sich von Beginn an für die Einrichtung eingesetzt hat. „Bei der ersten Anfrage waren wir überrascht, wir wussten nicht, dass die AWO so etwas auch kann,“ sagt Dr. Thomas Schuler, Vorstandsvorsitzender des AWO-Kreisverbands Chemnitz und Umgebung. „Wir haben das dann aber mit großem Engagement verfolgt und dabei auch von anderen AWO-Fanprojekten, vor allem Jörg Rodenbüsch aus dem Saarland, profitiert.“ Für die AWO in Chemnitz ist die Trägerschaft des Fanprojekts eine perfekte Ergänzung ihrer sonstigen Angebote. Zu den positiven Wirkungen der Kooperation gehört auch, dass Gabriels Vorgänger Kay Herrmann, der das Fanprojekt mitkonzeptioniert hat und fünf Jahre erfolgreich leitete, heute als Fachbereichsleiter der AWO tätig ist. Dem Träger des Fanprojekts liegen die Verbindungen zwischen dem Fußball und dem Rest der Gesellschaft am Herzen. „Wir sehen hier die Möglichkeit, Probleme des Sports gesellschaftlich rückzubinden. Das, was im Fußball, in der Fankultur geschieht, ist nicht nur ein Thema für Sozialarbeit, sondern auch ein Stück gesellschaftliche Realität in Chemnitz“, sagt Thomas Schuler. „Wir sind dabei nicht parteiisch, wir können die Positionen des Fanprojekts in fußballferne Kreise vermitteln und dafür sorgen, dass die verschiedenen Akteure im Dialog bleiben.“

P.S.: Verstärkt wird das Team in Chemnitz ab Mitte September durch Frank Lindner, der dem Fanprojekt mit einer vollen Stelle zur Verfügung stehen wird.

FP-Team im Büro
Franziska Junker und Nicole Gabriel

Zu dieser gesellschaftlichen Realität gehört das Thema Rassismus, das auch für die Arbeit des Fanprojekts eine große Rolle spielt. Die rechten Tendenzen in Teilen der Chemnitzer Fanszene lassen sich ebenso wenig wegdiskutieren wie die Affenrufe von den Tribünen wie zuletzt vor einem Jahr, als beim Pokalspiel gegen Dynamo Dresden der schwarze Spieler Mickaël Poté rassistisch beleidigt wurde. Nach dem Dresden-Spiel gab es auch in der Fanszene viele Diskussionen. „Wir versuchen, das regelmäßig zu thematisieren. Als Fanprojekt müssen wir da immer wieder Anstöße geben und das begleiten“, sagt Nicole Gabriel. Erschwert wird die kritische Hinterfragung der Fanszene dadurch, dass sich die Chemnitzer gerade von den Medien zu oft falsch dargestellt sehen. Ein Eindruck, den auch Gabriel nachvollziehen kann. „Dass der Capo der Ultras beim Pokalspiel den Block zur Ruhe gebracht und sich laut gegen die Rufe geäußert hat, das fällt dann leider weg. Wir haben die Vorfälle jetzt ein Jahr lang aufgearbeitet und sind da auf einem guten Weg.“

Langfristig und offensiv

Wie mit Fans mit rechtsextremen Einstellungen umgegangen und das Thema in der täglichen Arbeit behandelt wird, gehört zu den Herausforderungen der Fanprojekttätigkeit. In Chemnitz sind die „NS-Boys“ als Fangruppe am stärksten negativ in Erscheinung getreten und mit Stadionverboten belegt sowie als Gruppe verboten. Der harte Kern der Gruppe ist keine Klientel für die pädagogische Arbeit, sagt Nicole Gabriel. „Aber es gibt natürlich Leute im Dunstkreis, bei denen wir genau schauen, inwieweit man mit ihnen noch arbeiten kann. Das lässt sich auch nicht immer von heute auf morgen einschätzen.“ Die Fanprojektmitarbeiterinnen wollen auf langfristige und kontinuierliche Behandlung des Themas Rassismus setzen – auch wenn das so manchen schon nervt. Symbolische Aktionen sind schön, aber sinnvoller sind langfristige Projekte. „Für uns ist es wichtig, das Thema nicht zu vergessen und nicht zu unterdrücken. Wir engagieren uns auch außerhalb des Fußballs, zum Beispiel sind wir bei der Arbeitsgruppe Rechtsextremismus dabei. Wir begleiten den Verein bei der Bildungskampagne „Zeig Rassismus die Rote Karte“ und unterstützen noch weitere Aktionen gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Neben der Aktion „Gesicht zeigen gegen Rechts“, die auch von der AWO Chemnitz unterstützt wird, bieten wir zusätzlich Workshops für Schulen an. Dabei können Themen wie Rassismus, Homophobie und Gewalt im Fußball im Fokus stehen. Das bekommen die Fans auch mit, wie wir uns da positionieren.“

Um die Reflektion innerhalb der Fanszene voranzutreiben, will das Fanprojekt verstärkt auf Veranstaltungen setzen, die auch kontroverse Diskussionen mit sich bringen. So wie die Veranstaltungsreihe „Seitenwechsel“ im vergangenen Jahr oder eine Lesung Ende April mit Journalist und Autor Christoph Ruf, der sich schon mehrfach mit Rechtsextremismus im Fußball beschäftigt hat – auch am Beispiel Chemnitz. „Erst mal waren viele Fans misstrauisch, aber wir hatten dann eine spannende Diskussion, in der es auch um die Definition von Ultra-Sein ging, aber auch um die Rolle der Medien. Das soll öfter passieren“, sagt Nicole Gabriel. „Wir müssen das offensiv angehen.“

Kurve

Neues Stadion für die Stadt

Derzeit spielt der Chemnitzer FC in der dritten Liga, 2011 gelang der Sprung zurück in den Profifußball. Das Schicksal des sportlichen Abstiegs teilt der sächsische Verein mit anderen Klubs und Städten in Ostdeutschland wie Halle oder Magdeburg. Thomas Schuler, der selbst aus Stuttgart stammt, sagt: „In der DDR war man in Liga eins und heute viel weiter unten. Beim Start des Fanprojekts hat der Verein noch in der vierten Liga gespielt, das war ein trister Alltag. Der Aufstieg war dringend nötig, denn das kann man als Chemnitzer nicht dauerhaft hinnehmen.“ Was im und um den Verein passiert, bewegt die Chemnitzer weiterhin. Bei Spielen gegen große Rivalen von früher und heute wie Rostock oder Halle wird es im Stadion an der Gellertstraße voll, der Schnitt liegt aktuell jedoch bei 4.500.

Was die Chemnitz-Fans derzeit stark bewegt, sind die Baupläne für ein neues Stadion. „Die Fans sind sehr daran interessiert, dass der Neubau jetzt endlich losgeht“, sagt Nicole Gabriel. „Und es ist auch dringend nötig, der Chemnitzer FC spielt jetzt schon teilweise mit Sondergenehmigungen. Wir hoffen, dass ein neues Stadion den Fußball für die Zuschauer wieder attraktiver macht. Aber das bringt große Veränderungen mit sich, auch für die Stadt.“ In den öffentlichen Diskussion um den Stadionbau und seine Finanzierung hat sich auch der Fanprojektträger positioniert. Thomas Schuler von der AWO sagt: „Wir haben klar Stellung pro Stadion bezogen, übrigens gemeinsam mit dem Intendanten der Oper. Es ist wichtig, wenn sich soziale und kulturelle Einrichtungen für den Fußball aussprechen. Ein Stadion ist etwas für die ganze Stadt, auch wenn nicht jeder hingeht.“

Mehr zum Fanprojekt Chemnitz lesen Sie auch in unserer Rubrik Fanprojekte.

© 2009 Koordinationsstelle Fanprojekte | Impressum