Home  Newsarchiv  2010  (13.01.2010) „Ein Schritt in die richtige Richtung“ Diskussion zu Fankultur und Fanprojektarbeit in Bayern 

13. Jan 2010

„Ein Schritt in die richtige Richtung“ Diskussion zu Fankultur und Fanprojektarbeit in Bayern

Christoph Ruf (Moderation), Simone Tolle (MdL, Grüne), Uli Hoeneß, Michael Gabriel (KOS), Günther Krause (Leiter FP München), Dr. Rainer Koch (Präsident BFV), Ulla Hoppen (Löwenfans gegen Rechts), Henning (Schickeria München).

Unter dem Titel „Am Ball bleiben – Für starke Fanprojekte und eine lebendige Fankultur in Bayern“ fand im vergangenen Dezember eine prominent besetzte Podiumsdiskussion im Bayerischen Landtag statt: Bayern-Präsident Uli Hoeneß und DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch diskutierten mit Fans und Fanprojektvertretern.

Eingeladen zu dieser Veranstaltung hatte die Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, die sich im vergangenen Jahr bereits mehrfach den Themen Fanarbeit und Fankultur gewidmet hatten. Ausdrücklich ging es dabei auch immer um das positive Potenzial des Fußballs und seiner Anhänger. So wurde auch die Diskussion in München von einer Ausstellung begleitet, die das Engagement von Fans gegen Rassismus und Diskriminierung dokumentierte. Das erklärte Ziel der Veranstaltung war es, gemeinsam zu diskutieren, wie es gelingen kann, das kreative und integrative Potenzial der Fankultur stärker in den Vordergrund zu rücken und so vorhandener Ausschreitungen zum Trotz die selbstregulierenden Kräfte innerhalb der Fanszene zu fördern.

Neben der „Gastgeberin“ Simone Tolle (Mitglied des Bayerischen Landtags und sportpolitische Sprecherin der Grünen), diskutierten Michael Gabriel (Koordinationsstelle Fanprojekte), Uli Hoeneß (Präsident des FC Bayern München), Henning (Vertreter Schickeria München), Ulla Hoppen (Löwenfans gegen Rechts), Rainer Koch (Bayerischer Fußball-Verband, DFB-Vizepräsident) sowie Günther Krause (Fanprojekt München). Die Moderation hatte der Journalist und Autor Christoph Ruf.

Mehr Geld für die Fanprojekte in Bayern

Eine erste positive Konsequenz gab es schon vor der eigentlichen Diskussion: Vor der Veranstaltung gab die bayerische Landesregierung bekannt, dass die Förderung für die Fanprojekte in Bayern aufgestockt wird: 50.000 Euro zusätzlich werden zwischen den beiden Münchener Einrichtungen und denen in Nürnberg und Augsburg verteilt. „Ein Schritt in die richtige Richtung“, so Günther Krause vom Fanprojekt München. Immerhin waren die Zuschüsse des Landes zuvor seit fast fünfzehn Jahren nicht erhöht worden, und so konnte auch eine mögliche höhere Finanzierung durch die Fußballverbände nicht abgerufen werden, da DFL bzw. DFB je Fanprojekt maximal 60.000 Euro, aber – neben Land und Kommune – höchstens ein Drittel der Gesamtkosten übernehmen.

Der Gesamtbedarf in der bayerischen Fanprojekte-Landschaft ist jedoch noch größer. Insbesondere in Nürnberg, so stellt KOS-Leiter Michael Gabriel fest, ist eine weitere Erhöhung der Ressourcen dringend nötig: „Hier haben wir eine der größten Ultraszenen in Deutschland, der Klub spielt in der 1. Liga, und im Fanprojekt wird mit zwei halben Stellen gearbeitet. Die Kolleg/innen dort leisten mit großem Einsatz unglaublich viel, aber das Land und vor allem die Stadt Nürnberg sind hier ganz dringend gefordert, ihren Teil zur Finanzierung beizutragen.“

Kontroverse Diskussion auf Augenhöhe

Bei der Diskussion im Bayerischen Landtag spielte, anders als im Münchener Fußballalltag, die Vereinszugehörigkeit zu „Roten“ oder „Blauen“ keine Rolle, ging es doch vor allem um andere Konflikte rund um das Thema Fankultur. Von den Teilnehmer/innen der Runde wurden Licht- ebenso wie Schattenseiten der Fanszene thematisiert. Anerkennung gab es für die „Löwenfans gegen Rechts“, die für ihr langjähriges Engagement gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus 2009 mit dem Julius-Hirsch-Preis des DFB ausgezeichnet worden waren. Auch die „Schickeria“, Ultragruppe des FC Bayern München, macht durch ihre klare Positionierung gegen Rassismus und Diskriminierung innerhalb und außerhalb des Stadions und verschiedene Aktionen auf sich aufmerksam, was in der Runde durchweg positiv hervorgehoben wurde.

So viel Einigkeit bei dieser Frage herrschte, so kontrovers ging es bei den umstrittenen Themen Gewalt und Stadionverbote zu: Auf der einen Seite die deutlich formulierten Forderungen an die Fans nach einer klaren Distanzierung von Gewalt und Gewalttätern nach innen und nach außen, auf der anderen Seite die Wahrnehmung vieler Fangruppen, zu häufig lediglich als Sicherheitsrisiko wahrgenommen und gerade von den Medien einseitig als gewalttätig dargestellt zu werden. Daraus entsteht eine Konfliktsituation, in der insbesondere den Fanprojekten die Position des Vermittlers zwischen den verschiedenen Interessen und Sichtweisen zukommt. Gerade hinsichtlich der Rolle der Polizei sei dies nicht immer ganz einfach, wie Michael Gabriel erläutert. Seine Aufforderung an die Polizei, eigene Einsätze stärker selbstkritisch zu hinterfragen und auch gegen Regelverstöße in den eigenen Reihen konsequent vorzugehen, sorgte für viel Diskussionsstoff.

KOS-Beiratsmitglied Andreas Rettig im Gespräch mit Simone Tolle und Uli Hoeneß

Die Bereitschaft von Fans, Vereinen und Polizei, eigenes Handeln auch kritisch zu reflektieren, bildet eine wichtige Grundlage für den allseits erwünschten engeren Dialog und sorgt für eine stärkere Glaubwürdigkeit aller Beteiligten. Günther Krause vom Münchener Fanprojekt verwies in diesem Zusammenhang auf eine positive Münchener Errungenschaft, die regelmäßigen „Kurvengespräche“ zwischen Fans, Fanprojekt, Verein und Polizei vor den Heimspielen des FC Bayern und von 1860 München. Dieser Dialog habe schon zu einem größeren Verständnis für die jeweils andere Seite beigetragen.
Ebenfalls kontrovers diskutiert wurde die Frage, ob Stadionverbote das richtige Mittel für den Umgang mit gewalttätigen Fans sind, ob sie tatsächlich als präventives Instrument wirken oder nicht vielmehr – wie es der Wahrnehmung vieler Fans entspricht – als teilweise willkürlich exerzierte Strafmaßnahme. Kommunikationsbedarf gibt es also auch nach der Veranstaltung genug, nicht zuletzt deshalb richtete Uli Hoeneß eine Einladung an alle Fangruppen des FC Bayern zu weiteren Gesprächen. Er werde als Präsident sechs bis zehn Termine pro Jahr organisieren, in denen er bereit ist, fanrelevante Themen gemeinsam mit den Fans zu diskutieren.

Der Bayerische Fußball-Verband, der in Person von Rainer Koch das Thema Fanarbeit maßgeblich unterstützt, veröffentlichte 2009 anlässlich einer Anhörung im bayerischen Landtag eine Broschüre mit dem Titel „Sicherheit geht nur gemeinsam“. Den Abschnitt, der sich mit der Arbeit der Fanprojekte und insbesondere deren ungenügender Finanzierung durch die Landesregierung befasst, finden Sie auf den Seiten 23 bis 25.

Uli Hoeneß, Günther Krause, Simone Tolle

Einige Statements aller Teilnehmer der Diskussion:

© 2009 Koordinationsstelle Fanprojekte | Impressum