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16. Sep 2010

Dialogbereitschaft ist gefragt. 13. Bundeskonferenz der Fanprojekte in Jena

Diskussionsrunde: Über Auswirkungen polizeilichen Einsatzhandelns beim Fußball
Über Auswirkungen polizeilichen Einsatzhandelns beim Fußball diskutierten (v.l.n.r.) Günter Krause (FP München), René Treunert (Landespolizei Thüringen), Christoph Lipp (Bundeministerium des Inneren), Peer Vorderwülbecke (Moderator), Prof. Dr. Clifford Stott (Universität Liverpool), Stefan Minden (Unsere Kurve)

Ein voller Erfolg war die dreitägige Bundeskonferenz der Fanprojekte, die vergangene Woche in Jena stattfand. Gemeinsam organisiert von KOS und Fanprojekt Jena ermöglichte die Veranstaltung unter dem Motto „Selbstregulierung schafft Freiräume“ anregende, aber auch kontroverse Diskussionen rund um das Thema Fans, Fanprojekte und Polizei, aber auch Anregungen für die tägliche Arbeit der Kolleginnen und Kollegen in den Projekten.

Nach der Begrüßung der rund 110 Teilnehmerinnen und Teilnehmer u.a. durch den Jenaer Bürgermeister Frank Schenker, den Vizepräsidenten des FC Carl-Zeiss Jena, den DFB-Sicherheitsbeauftragten Helmut Spahn sowie dem Leiter der Landesstelle für Gewaltprävention, Christoph Bender, für das Land Thüringen ging es am Dienstagnachmittag mit einem Gastredner aus England los: Professor Clifford Stott von der Universität Liverpool, der zu Massenpsychologie und Polizeieinsätzen forscht und dessen Thesen und Ergebnisse nicht nur in der deutschen Presse, sondern mittlerweile auch in den höhere Entscheidungsebenen von Fußball und Politik Gehör finden.

Grundlage seiner Forschung ist die Betrachtung von Menschenansammlungen nicht als irrationaler und damit potenziell immer gefährlicher „Mob“, der kontrolliert werden muss, sondern als Gruppe, in der sich soziale Identitäten in unterschiedlicher und auch dynamischer Weise entwickeln. Diese Entwicklungen, so zeigen Stotts Beobachtungen, sind in starkem Maße abhängig von Polizeihandeln. Ein undifferenzierter Einsatz von Gewalt durch die Polizei in einer Menschenmenge kann auch bei Nichtbetroffenen eine gegen die Polizei gerichtete Stimmung und eine mögliche Eskalation auslösen. Erscheint das Vorgehen der Polizei hingegen den Umständen angemessen, also etwa gegen einzelne Unruhestifter gerichtet, wird dieses Handeln als legitim betrachtet. So entstehen Räume für die vielbeschworene Selbstregulierung der Gruppe. Ebenfalls wichtig: Die Anpassung des taktischen Handelns der Polizei an die dynamische Entwicklung der Situation, d. h. anreisende Auswärtsfans sollten beispielsweise nicht von Beginn an mit einer behelmten Hundertschaft in Empfang genommen werden, sondern diese sollte sich für den Fall einer Eskalation möglichst unsichtbar im Hintergrund halten. Die Beobachtungen der Forschungsgruppe von Stott lieferten Belege für die Euro 04, die WM 2006 sowie die Euro 08, dass eine auf Zurückhaltung und Kommunikation angelegte polizeiliche Strategie nicht nur für eine entspannte Atmosphäre zuträglich ist, sondern auch in höherem Maße Sicherheit gewährleistet. Dies gelte insbesondere auch für „Hochrisikospiele“ wie etwa die Partien zwischen Deutschland und den Niederlanden oder England gegen Frankreich im Rahmen der Euro 2004 in Portugal.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Christoph Lipp vom Bundesinnenministerium, René Treunert von der Landespolizei Thüringen, Stefan Minden von (der bundesweiten Fanorganisation)„Unsere Kurve“ und Günter Krause vom Fanprojekt München wurden die Thesen von Clifford Stott mit Bezug auf Deutschland diskutiert. Konstatiert wurde insbesondere von Clifford Stott, dass im Prinzip ein gemeinsames Interesse aller bestünde: an weniger Vorfällen, weniger Kosten, weniger Überstunden für die Polizei und weniger Sicherheitsmaßnahmen bei Spielen. Auch hinter dem Stichwort „Mehr Kommunikation“ konnten sich alle Beteiligten versammeln, wie das genau zu füllen ist, bleibt freilich noch zu klären. Unter den zahlreichen Aspekten, die hier zur Sprache kamen, war auch eine grundlegende Änderung in der Struktur: Polizeihandeln sollte nicht primär auf Repression ausgerichtet sein, sondern Kommunikation und Dialog als Leitlinien beinhalten. Vorbild in Deutschland ist beispielsweise das erfolgreiche Konfliktmanagement der Hannoveraner Polizei.

Publikum auf der Bundeskonferenz
Die historischen Rosensäle der Universität Jena waren ein würdiger Rahmen für die 13. Bundeskonferenz der Fanprojekte

Räume für Selbstreflektion schaffen

Die Erfahrungen sowohl der Fans als auch der Fanprojekte während der WM 2006 haben gezeigt, dass flexibleres polizeiliches Handeln etwa im Sinne eines dynamischen Risikohandelns möglich ist. An vielen Orten waren damals vor allem Polizeibeamte in Sommeruniform zu sehen, behelmte Einsatzkräfte hielten sich nicht sichtbar im Hintergrund, in Frankfurt am Main wurden gezielt Kommunikationsbeamte eingesetzt – ein Vorgehen, das auch den Beobachtungen von Stott zufolge, zu einem großen Teil für den friedlichen Verlauf des Spiels der Engländer in Frankfurt verantwortlich war. Auf die Frage jedoch, warum die auf diesem Weg gesammelten positiven Erfahrungen der WM keine nachhaltige Wirkung auf den Ligaalltag hatten, konnte – außer dem Hinweis auf die föderalen Strukturen der Polizei in Deutschland – keine Antwort gefunden werden.

Auch das Wissen der Polizei über die Fankultur (und sicherlich auch umgekehrt) müsste systematisch ausgebaut werden. Aus Sicht von Clifford Stott verfügt Deutschland mit seiner einzigartigen Struktur der Fanbetreuung hier über große Vorteile, die noch besser genutzt werden müssen. Michael Gabriel sieht hier auch die KOS – ebenso wie die Fußballverbände und die Politik – in der Verantwortung: „Wir müssen Räume und Gelegenheiten schaffen, um regelmäßige Auseinandersetzungen zwischen Fanprojekten, Fans und der Polizei zu ermöglichen um allen Beteiligten eine selbstkritische Reflektion ihres eigenen Handelns zu ermöglichen.“

Für Clifford Stott stellte der Einblick in die deutschen Verhältnisse eine wichtige Perspektive für künftige Forschungsprojekte dar: „Ich bin sehr an einer Kooperation mit den Fanprojekten interessiert. Wir planen ein internationales Trainingsprogramm für die europäischen Polizeien, hier können die Expertenerfahrungen der Fanprojekte wertvolle Hinweise für lokale „Best practice“-Beispiele liefern. Und auch das Hannoveraner Modell ist natürlich für eine Anpassung an die Situation in anderen europäischen Ländern hochinteressant.“

Die Arbeit in den Workshops

Am zweiten Tag stand in der ausführlichen Workshop-Phase die Beschäftigung mit Themen der täglichen Fanprojektarbeit auf dem Programm: Mit dem ersten Workshop zu den Konzepten und der Bedeutung der pädagogischen Jungenarbeit in den Fanprojekten konnten erste Ansätze für eine systematische fachliche Beschäftigung mit diesem Thema erarbeitet werden. Anregungen können hier etwa die Qualitätsstandards des Modellprojekts Jungenarbeit des Landes Sachsen liefern. Die Ergebnisse des Workshops zu den U16- und U18-Fahrten der Fanprojekte zu Auswärtsspielen konzentrierten sich auf die Schwerpunkte Rechtsgrundlagen, Nachhaltigkeit und Kontakte zu anderen Fangruppen. Für den ersten Punkt werden umfassende Informationen zusammengestellt, um den Fanprojekten bundesweit eine größere rechtliche Handlungssicherheit zu verschaffen. Weiterhin waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig, dass für die nachhaltige pädagogische Wirkung der Fahrten Folgeprojekte und Angebote außerhalb dieser Auswärtsfahrten hilfreich sind. Die Fanbegegnungen mit Fans von anderen Vereinen sind unbestritten ein wichtiger Bestandteil zum Abbau von Feindbildern und sollten unbedingt intensiviert werden, weil sie einen langfristig angelegten Ausstieg aus dem Freund-Feind-Schema bieten können. Ein Vorbild hierfür ist beispielsweise die gemeinsame Kanufreizeit von Bochumer, Schalker, Cottbusser und Dresdener Fans im Spreewald, die bereits zum zweiten Mal stattfand.

Im dritten Workshop zu den vielfältigen Anforderungen an die Fanprojekte während eines Spieltages wird es als Output einen „Baukasten“ mit notwendigen Standards und optionalen Ergänzungen geben, aus dem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter je nach Standort und Situation ihr eigenes Programm zusammenstellen können. Dieser soll dazu beitragen, je nach örtlichen Gegebenheiten zu einer sinnvollen Balance zwischen Beziehungsarbeit zu den Fans, Kommunikation mit Verein, Polizei und anderen Partnern und eigenen Projekten zu kommen.

In Workshop 4 stand wiederum das Verhältnis der Fanprojekte zur Polizei im Fokus. Die Diskussionen zeigten jedoch, dass die Bedingungen von Ort zu Ort so stark variieren, dass die erhoffte Erarbeitung von generell verbindlichen Leitlinien als Grundlage für eine geregelte Kommunikation zwischen Fanprojekten und der Polizei in diesem Rahmen sehr ambitioniert erschien. Praktisches Beispiel dafür sind die unterschiedlichsten „Sicherheitsbesprechungen“ vor den Spielen, die auch unter den Bezeichnungen Organisationsbesprechung oder Kurvengespräch laufen und sich in der Zusammensetzung und den Möglichkeiten zu Einflussnahme stark unterscheiden. Wichtigste Erkenntnis zunächst: Die Dialogbereitschaft auf beiden Seiten zum Aufbau einer verbindlichen Kommunikation nutzen, auch wenn es teilweise negative Erfahrungen gibt!

„Wir müssen den Schritt gehen von der Arbeit mit Jungen zur pädagogischen Jungenarbeit.“
Workshop 1 Geschlechtsbewusste Fansozialarbeit mit Jungen

„Ich bin gefühlt schon dreimal um die Erde gefahren – mit dem Bus“
Workshop 2 U16- und U18-Fahrten

„Alle sagen zu dir ‚Mach doch mal!‘, und die Polizei sagt dann vielleicht ‚Machen Sie doch mal!“
Workshop 3 Fanprojekt-Tätigkeiten am Spieltag

„Man kann es auch als frommen Wunsch an die Polizei formulieren, der da heißt: Wir sind Experten, behandelt uns auch so.“
Workshop 4 Leitbild Fanprojekte im Umgang mit der Polizei

Die mobile Fanbotschaft in Kapstadt
Die mobile Fanbotschaft in Kapstadt

Rückblick Südafrika, Ausblick Polen und Ukraine

Am letzten Konferenztag ließ das Team der KOS die erfolgreiche fünfwöchige Fanbetreuung (www.fanguide-wm2010.de) bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika in Wort und Bildern Revue passieren. Anschließend präsentierte Daniela Wurbs die Arbeit des europäischen Fan-Netzwerkes Football Supporters Europe (www.footballsupporterseurope.org), die neben Fanaktivitäten und -themen auch das Thema Fanbotschaften umfasst. In einem bereits angelaufenen und von der UEFA finanzierten Programm zur Euro 2012 sollen diese Aktivitäten für alle anreisenden Fans möglichst umfassend und frühzeitig vorbereitet werden. Aus Polen war abschließend Dr. Dariusz Lapinski zu Gast, der im Auftrag des staatlichen polnischen Organisationskomitees verschiedene Initiativen für eine bessere Einbindung der Fans in die anstehende EM sowie für eine nachhaltige Verankerung von Fanarbeit in den polnischen Fußball betreut. Ziel ist, die Europameisterschaft 2012 zu nutzen, um langfristig angelegte pädagogische Fanprojekte nach deutschem Vorbild in Polen aufzubauen. Die KOS und die deutschen Fanprojekte unterstützen Das Programm an bisher sieben Orten mit Patenschaften So konnte Ole Wolff vom Fanprojekt Bielefeld aktuell über zwei polnische Fanarbeiter aus Gdansk/Danzig berichten, die derzeit dort ein Praktikum absolvieren, um sich über Grundlagen der Fanprojektarbeit und insbesondere die Vernetzung mit den Partnern in Stadt und Verein zu informieren. Ein spannendes Projekt, das nicht nur zur Etablierung von Fanarbeit in Polen, sondern auch zu einem deutsch-polnischen Fanaustausch und hoffentlich gemeinsamen Aktionen der Fanszenen beitragen kann.

Zum Abschluss der Tagung stand dann ein großes Dankeschön, formuliert von KOS-Leiter Michael Gabriel: „Wir danken dem Team des Fanprojekts Jena und ganz besonders auch den ehrenamtlichen Helfern aus der Jenaer Fanszene für die optimale Vorbereitung der Veranstaltung und die hervorragende Unterstützung bei der Durchführung der Konferenz selbst wie auch des Rahmenprogramms. Die Kolleginnen und Kollegen nehmen viele tolle Eindrücke von der Stadt Jena und der hiesigen Fanszene mit nach Hause.“

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