Home  Newsarchiv  2013  (16.06.2012) Auf die nächsten 20! Gelungenes KOS-Jubiläum 

Auf die nächsten 20! Gelungenes KOS-Jubiläum

Römer Empfang
V.l.n.r.: Ingo Weiss, (dsj), Olaf Cunitz, Bürgermeister Frankfurt, Prof. Dr. Gunter A. Pilz, Regine Kraushaar, (BMFSFJ), Wolfgang Niersbach (DFB) und Michael Gabriel (KOS)

Am 7. und 8. Juni feierte die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) ihr 20-jähriges Bestehen – an verschiedenen Orten, mit verschiedenen Gästen und Themen. Auf einen Empfang mit Expertengespräch im Frankfurter Römer folgte am Freitagabend eine Party und am Samstag ein Fachtag mit Vorträgen und Diskussionen.

Die Arbeit der KOS wie die der Fanprojekte in Deutschland sei „allerorten anerkannt und weltweit vorbildlich“, so sagte Professor Dr. Gunter A. Pilz in seinem Resümee während des Festakts am Freitagnachmittag  im Frankfurter Römer. Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach war voll des Lobes über die Arbeit der KOS und der Fanprojekte: Sie hätte dazu beigetragen, „dass es in Deutschland eine einzigartige Fankultur gibt“. Niersbach erinnerte in diesem Zusammenhang an die kritische Haltung vieler Fans und eben der Fanprojekte in Sachen Stehplätze und Public Viewing. Beide Forderungen, denen man anfangs durchaus skeptisch gegenüber stand, hätten die Attraktivität des Fußballs gefördert. Die Einschätzungen verdeutlichen, welchen Weg die soziale Fanarbeit in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren zurückgelegt hat. Gestartet in den 1980er-Jahren als misstrauisch beäugte Exoten, die sich doch tatsächlich mit den „Schmuddelkindern“ in den Fankurven beschäftigen wollten, haben sich die Fanprojekte inzwischen zu angesehenen Einrichtungen entwickelt, die für einen gelingenden Interessenausgleich rund um die Fankultur unverzichtbar geworden sind.

Erfreut und beeindruckt war das Team der KOS vom hochrangigen „Line-up“ aus den Reihen der Vereine und Verbände, das die Wertschätzung der Arbeit unterstrich. Für den DFB nahm neben Wolfgang Niersbach noch Vize-Präsident Rainer Koch am Festakt im Römer teil, für die DFL waren der Vorsitzende der Geschäftsführung, Christian Seifert, und der Vizepräsident des Ligaverbands, Peter Peters vom FC Schalke 04, dabei. Als Vereinsvertreter konnten der Vorstand von Eintracht Frankfurt, Axel Hellmann, sowie Jens-Uwe Münker aus der Geschäftsführung des FSV Frankfurt begrüßt werden.

Gabriel und Niersbach
Foto: Andreas Arnold

Größere Unterstützung durch die Verbände

Die Mitarbeiter/innen der Fanprojekte, die zahlreich im Römer vertreten waren, hörten schließlich die Ankündigung des Präsidenten des DFB, die finanzielle Beteiligung des Fußballs an der Finanzierung der Fanprojekte zu erhöhen. Ab der kommenden Saison werden DFB und DFL ihren Anteil um 2,9 Millionen Euro verdoppeln (auch die KOS wird mehr Mittel vom DFB erhalten) – Geld, das dringend gebraucht wird. Als Bedingung für ihr größeres Engagement hatten die Verbände gegenüber der Innenministerkonferenz die dringende Erwartung formuliert, dass Kommunen und Länder in ihrem finanziellen Engagement nicht nachlassen. Leider musste Bernd Neuendorf, Staatssekretär im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, krankheitsbedingt kurzfristig absagen und konnte so für sein Land, das die Fanprojekte seit vielen Jahren zuverlässig unterstützt, dazu nicht Stellung nehmen. Wobei die Signale nicht nur aus Nordrhein-Westfalen in dieser Sache sehr positiv sind.

Für die Politik und den größten finanziellen Förderer der KOS, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, bedankte sich Regine Kraushaar als Abteilungsleiterin Kinder und Jugend für die geleistete Arbeit und versprach die weitere Unterstützung des Ministeriums. Ingo Weiss nahm diesen Vertrauensbeweis als Vorsitzender der DSJ und Träger der KOS wohlwollend zur Kenntnis.

Talkrunde
V.l.n.r.: Harald Denecken, ehem. Bürgermeister Karlsruhe, Prof. Klaus Schäfer, ehem. Staatssekretär NRW, Harald Stenger, Bernd Heinen (IMK), Peter Peters (Ligaverband), Thomas Beckmann (BAG-Fanprojekte)

Konstruktives Ringen

Im Anschluss an den Empfang fand in der Schwanenhalle des Römer eine von Harald Stenger, dem früheren DFB-Mediendirektor, trotz einiger akustischer Herausforderungen fachkundig und unterhaltsam moderierte Podiumsdiskussion statt. Unisono betonten die geladenen Podiumsgäste die zentrale Rolle der Fanprojekte: Sie bauen stabile Brücken zwischen der jugendlichen Fankultur und den anderen Interessengruppen, die von allen für konstruktive Lösungen betreten werden können. Durch ihre Übersetzungsleistung macht soziale Fanarbeit jugendliches Handeln verständlich.

Harald Denecken, als ehemalige Sportbürgermeister der Stadt Karlsruhe und Professor Klaus Schäfer für das NRW-Jugendministerium haben beide die Arbeit der Fanprojekte von Anfang an begleitet. Sie schilderten eindrucksvoll, wie sehr sie zu Beginn auch bei den Kommunen und den Ländern für die Unterstützung dieses Arbeitsansatzes werben mussten. Beide verwiesen darauf, dass Konflikte auch in Zukunft nicht ausbleiben werden und die Vergangenheit gezeigt habe, dass diese nur in gemeinsamer Anstrengung konstruktiv und dauerhaft gelöst werden können. Auf diesen Erfahrungen gelte es weiterhin aufzubauen. Die Diskussion, die sich anschließend zwischen Peter Peters vom FC Schalke 04, Bernd Heinen aus dem Innenministerium des Landes NRW und Thomas Beckmann vom Fanprojekt Mainz entspannte, war wohl der praktische Beleg für das angemahnte konstruktive Ringen. Unter den Stichworten Stadionverbote und Polizeieinsätze ging es sehr direkt und konkret zu. An dieser Stelle der Gesprächsrunde rangen genau die Vertreter der Institutionen um eine konstruktive Lösung miteinander, die auch im Alltag am meisten miteinander zu tun haben.

Umrahmt und abgeschlossen wurde die kurzweilige Talkrunde durch drei Kurzfilme, die das 11mm-Filmfestival www.11-mm.de, das in diesem Jahr auch einen runden Geburtstag feiern durfte, zur Verfügung gestellt wurden. Auch hier mischt die Fanarbeit mit: Das Fanprojekt Berlin war bei 11mm von Beginn an als Partner eingebunden ist. Erfreulich war zu dem die Teilnahme von Dr. Michael Löffelholz, der 1991 für das Hamburger Institut für Jugendkulturforschung die erste Evaluation der Fanprojekte im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchführte, die eine Grundlage für das 1993 verabschiedete Nationale Konzept Sport und Sicherheit darstellte. Er zeigte sich im Anschluss an die Podiumsdiskussion sichtlich beeindruckt von der Lernfähigkeit der Institutionen im Umgang mit einer nicht immer pflegeleichten Jugendkultur, die sich noch dazu in einem medial hoch beobachteten und ökonomisch bedeutsamen gesellschaftlichen Umfeld bewegt.

Bildergalerie: Empfang im Römer

Im Südbahnhof
Bunter Abend im Südbahnhof

Party selbstgemacht

Am Abend stand die Fortsetzung der Feierlichkeiten an. „Welche Eventagentur beauftragt ihr denn?“ sei die KOS vor ihrem Jubiläum gefragt worden, berichtete Michael Gabriel bei der Begrüßung zur Party im Frankfurter Südbahnhof. Die Antwort lautet selbstverständlich: gar keine. Das Abendprogramm war, wie es sich für die Fanarbeit gehört, selbstgestrickt und erforderte Mitmachen von allen Gästen. Nach der Begrüßung und vielen Dankeschöns an die Mitarbeiter/innen der dsj, das aktuelle und frühere Team und die Mitglieder des Beirats der KOS, die den inhaltlichen Rahmen der Arbeit seit 20 Jahren kritisch-konstruktiv mitbestimmen, ging es zum Büffet und gleich darauf an die Arbeit: Beim Saalquiz (moderiert von Birger Schmidt vom Fanprojekt Berlin und Volker Goll von der KOS) in bunt zusammengewürfelten Teams war nicht nur Fußballwissen (Stadien aus der Luft erkennen und 20 Jahre alte Trikots richtig zuordnen) gefragt, nein, auch etwas persönlicheres Wissen um Haustiere, Vereinsvorlieben und Angelkünste der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von KOS und Fanprojekten war gefragt. Abgerundet wurde das Programm mit theatralischen und künstlerischen Auftritten: ein halbdokumentarisches Theaterstück aus den Anfangstagen der Fanbetreuung bei internationalen Turnieren (Nationalspieler im Dialog mit Hooligans!), Gerd Dembowskis literarische Fantasien von einer Welt mit 1000 Fanarbeitern und drei Polizisten, Jens Janeks (Fanprojekt Magdeburg) Jonglage-Philosophien und schließlich Gunter Pilz mit seinem „Jailhouse Rock“.

Bildergalerie: Südbahnhof

Haus der Jugend redner
Prof. Dr. Titus Simon, FH Magdeburg/Stendal

Zukunft der sozialen Fanarbeit

Zu den Anforderungen an FanprojektmitarbeiterInnen gehört es, auch nach möglicherweise langen Nächten am nächsten Tag wach und aufmerksam zu sein. Das galt auch für den Fachtag, der sich an die Feierlichkeiten anschloss. Unter dem Titel „Zukunft der Fanarbeit“ standen Vorträge von Expertinnen und Experten rund um die Themen Jugend, Fußball und Fankultur auf dem Programm. Der Vormittag widmete sich der Annäherung an die Fanszene als Jugendkultur und startete mit Überlegungen von Klaus Farin vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin zum gesellschaftlichen Umgang mit Jugend. Viel zu negativ werde diese beurteilt und das große Potenzial von Engagement, Kreativität und politischem Interesse dabei gerne übersehen. Hinzu komme die zunehmende Regulierung und Einschränkung von Jugendlichen auf öffentlichen Plätzen. Hier biete das Stadion noch immer einen gewissen Freiraum. Professor Titus Simon von der Fachhochschule Magdeburg-Stendal schloss an die Ausführen Farins an und skizzierte die zukünftigen Anforderungen an die soziale Fanarbeit, die mit sogenannten „gefährlichen Gruppen“ arbeitet und sich im Spannungsfeld der gewachsenen gesellschaftlichen Bedeutung des Fußballs und einer stärkeren politischen Vereinnahmung bewegt. Hier gelte es für die Fanprojekte, ihre Position als kritische Vermittlungsinstanz selbstbewusst zu bewahren. Der Fanforscher Jonas Gabler (KoFaS, Uni Hannover) rundete den Vormittag mit einem Blick auf die Ultrakultur in Deutschland und ihre Entwicklung in den vergangenen Jahren ab: Eine zunehmende Ausdifferenzierung, Politisierung und damit verbundene neue Formen des Engagements aber auch der Auseinandersetzungen innerhalb der Ultraszenen stellen, so Gabler, für die Fanprojekte große Herausforderungen, aber auch Chancen in ihrer Arbeit dar.

Die Vorträge am Nachmittag umspannten ein ähnlich breites Themenfeld: Professor Andreas Zick, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Bielefeld präsentierte die dort laufende Forschung zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und zog Verbindungslinien zwischen Entwicklungen in Gesellschaft und Stadion und verwies auf die für Vorstellungen der Ungleichheit anschlussfähigen Themen, die es auch in der Fankultur gibt. Heidi Thaler von der Universität Wien schloss mit Ausführungen zu ihrer Forschung zu Frauen in den Ultraszenen an und zeigte deren widersprüchliche Positionen anhand von Beispielen auf: Einerseits bietet gerade die Ultrakultur eine vergleichsweise große Offenheit und zieht mit lauten und bunten Kurven Frauen genauso an wie Männer, andererseits haben die weiblichen Fans auch unter den Ultras weiterhin mit klassischen Fußballvorurteilen zu kämpfen und bleiben von führenden Positionen meist ausgeschlossen. Eva Feldmann-Wojtachnia vom Centrum für angewandte Politikforschung in München beschloss die Vortragsrunde mit einem vorläufigen Bericht von der Evaluation der „Lernort Stadion“-Projekte und konnte dabei von vielen positiven Reaktionen der teilnehmenden Jugendlichen ebenso wie der begleitenden Forschung berichten.

Bildergalerie: Kongress im Haus der Jugend

Internationaler Talk

Fanarbeit ist Jugendarbeit und ist politisch

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde der Blick über den deutschen Bezugsrahmen hinaus nach Europa gerichtet – nicht zuletzt auch, weil die KOS in den 20 Jahren ihrer Tätigkeit auch immer wieder in die internationale Fanbetreuung bei großen Turnieren eingebunden ist. Mit Thomas Gaßler (Koordinator der sozial-präventiven Fanarbeit in Österreich www.prosupporters.net), Thomas Gander (Geschäftsführer Fanarbeit Schweiz www.fanarbeit.ch), Dariusz Lapinski (Koordinator der Fanprojekte und Fanbeauftragten in Polen) und Kevin Miles (Football Supporters Federation, England www.fsf.org.uk/campaigns) waren auf dem Podium langjährige Kollegen in der internationalen Arbeit vertreten, die aus ihren Ländern berichteten. Dabei wurde deutlich, dass der Aufbau von sozialer Fanarbeit sich immer an den lokalen Situationen und Bedingungen orientiert und unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen stattfindet. Die in Deutschland in den vergangenen geleistete Arbeit ist für andere Länder Anschauungsmaterial, gleichzeitig findet das Lernen jedoch auch in anderer Richtung statt: Von den Erfahrungen der nationalen und internationalen Fanarbeit in der Schweiz, in Österreich www.fairplay.or.at/...fanarbeit-in-europa, Polen oder England können auch die deutschen Fanprojekte profitieren. So forderte Thomas Gander am Beispiel der aktuellen Abstimmungen in der Schweiz zu verschärften Sicherheitsmaßnahmen rund um Fußballspiele die europäischen Kolleginnen und Kollegen auf, die größeren Zusammenhänge der Tätigkeit nicht aus den Augen zu verlieren. Fanarbeit im gesellschaftlich so wichtigen Feld des Fußballs hat immer auch eine politische Dimension.


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