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19. Nov 2012

Tatort Stadion – Handlungsfeld Rechtsextremismus

Flyer Leverkusen

Rechtsextremismus im Fußball – ein Problem, das nach optimistischen Einschätzungen schon fast erledigt schien, zumindest was die Bundesligen betrifft. Die Geschehnisse der vergangenen Monate belegen jedoch das Gegenteil. Die Wanderausstellung Tatort Stadion widmet sich ausführlich den Themen Rechtsextremismus und Rassismus und war bereits bei zahlreichen Fanprojekten zu Gast.

Vergangene Woche referierte Gerd Wagner von der KOS in Leverkusen zum Thema „Die unschöne Seite der schönsten Nebensache der Welt - Rechtsextremismus und Diskriminierung im Fußball“. Den Rahmen für Vortrag und Diskussion bot die Ausstellung Tatort Stadion 2 Fußball und Diskriminierung. Die vom Bündnis aktiver Fußballfans bereits 2001 erstmals aufgelegte und 2010 komplett erneuerte Wanderausstellung beschäftigt sich nicht nur mit Rechtsextremimus, sondern nimmt mit Sexismus und Antiziganismus auch weniger beachtete Diskriminierungsformen in den Blick und präsentiert zudem Beispiele für Gegeninitativen, vor allem, aber nicht nur aus der Fanszene. Die Ausstellung tourt seit zweieinhalb Jahren fast ohne Pause durch Deutschland (mit einem kleinen Gastspiel in Österreich) und war auch bei mehreren Fanprojekten zu Gast. In Leverkusen werden die mehr als 20 Schautafeln und weiteren Exponate durch ein umfangreiches Rahmenprogramm ergänzt: So stehen und standen dort auch Veranstaltungen zur Ultraszene oder zur Fußballberichterstattung im Massenmedium Bild auf dem Programm.

Tatort Stadion, Eröffnung in Bremen April 2010 Foto: Johannes Wütscher/BAFF

Neue Qualität oder verkannte Probleme?

Die Ausstellung kam direkt aus Trier, wo sie, ebenfalls ausgerichtet vom Fanprojekt und unterstützt vom Verein, im Moselstadion gastierte. Mit zwei Vorträgen von Ronny Blaschke zu seinem Buch „Angriff von Rechtsaußen“ und Jonas Gabler zum Thema „Fußballkultur und Rechtsextremismus“ lag der Schwerpunkt des Trierer Rahmenprogramms klar auf dem Thema, das derzeit viele Fans und rund um den Fußball Engagierte einschließlich der Fanprojekte bewegt.

Aktuelle Vorfälle in Aachen oder Dortmund werfen die Frage auf, ob die Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts in der Fanszene ebenso wie die Präsenz rechtsextremer Anhänger in der Kurve eine neue Qualität – und Quantität – erlebt. Und das nachdem sowohl Experten als auch Fans und Vereine in den vergangenen Jahren immer wieder einen deutlichen Rückgang von offenem Rassismus und rechtsextremer Agitation konstatiert haben. Nun scheint es, als wären insbesondere rechtsoffene bis rechtsextreme Hooligangruppen tatsächlich nie wirklich verschwunden, sondern einfach weniger sichtbar gewesen – oder auch weniger beachtet worden. Denkbar ist jedoch auch, dass diese Gruppierungen im Windschatten der Diskussionen um Sicherheit und Gewalt im Fußball wieder stärker geworden sind. Denn hier sind es praktisch ausschließlich die Ultras, die im Fokus der Debatte und damit zunehmend unter Druck stehen. Es ist das Thema Pyrotechnik, das die Aufmerksamkeit von Vereinen und Ordnungsdiensten bindet, nicht das Thema Rechtsextremismus. Im Februar 2012 sagte Erwin Ress, Fanprojektleiter in Kaiserslautern, dem Fußballmagazin 11Freunde in einem Interview: „Die aktuelle Debatte um Pyrotechnik beim Fußball hat dazu geführt, dass Sicherheitskräfte und Vereine beinahe ausschließlich damit beschäftigt sind, Ultras abzutasten und per Kamera zu überwachen.“ Kleidung mit rechten Labels oder Symbolen hingegen bleibe dabei öfter unbemerkt.

Plakat aus Trier

Auszeichnung für Fanprojekte

Auch beim Fanprojekt Kaiserslautern war die Ausstellung Tatort Stadion bereits zu Gast, die Einrichtung würde dafür und ihren Einsatz gegen die antisemitischen Ausfälle gegen den Lauterer Itay Shechter mit dem Julius-Hirsch-Preis 2012 ausgezeichnet. Aktuell steht das Fanprojekt wegen fehlender Finanzierung vor dem Aus. Auch nach Frankfurt am Main und die dortige Fanszene ging die DFB-Auszeichnung in diesem Jahr: Das Frankfurter Fanprojekt hat gemeinsam mit den Eintracht-Fanklubs „Schwarze Geier“ und den Ultras der „Droogs 99 Frankfurt“ eine Bildungs- und Begegnungsreise in die Gedenkstätte Auschwitz durchgeführt und begleitet. Neben der Reise mit jungen Fans aus dem Rhein-Main-Gebiet gab es unter dem Titel „Im Gedächtnis bleiben“ zudem ein umfangreiches Film-, Musik- und Lesungsprogramm in Erinnerung an den Holocaust an mehreren Schauplätzen in Frankfurt.

Trotz des Engagements in Frankfurt, Kaiserslautern, Leverkusen oder Trier – das Thema Rechtsextremismus ist und bleibt für Fans, Vereine und Fanprojekte eine Herausforderung, der im Stadion- und Arbeitsalltag mit eindeutigen Statements und Positionierungen begegnet werden muss.

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