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20. Mär 2014

„Quirlig, schnell und intensiv“. Rundreise durch die Spielorte

Die Reisegrupee im Stadion von Porto Alegre
Estádio Beira-Rio in Porto Alegre

KOS-Leiter Michael Gabriel war mit einer Delegation der deutschen Auslandsvertretung in Brasilien und des Deutschen Fußball-Bundes unterwegs in Brasilien, um die bereits feststehenden und weitere mögliche Spielorte der deutschen Nationalmannschaft zu besuchen. Im Interview berichtet er von seinen Eindrücken und verrät, was Porto Alegre mit Frankfurt gemeinsam hat.

Michael, ihr seid zehn Tage lang quer durchs Land gereist. Was kann man von einer solchen Reise für den Ernstfall WM mitnehmen?

Die Grundidee war, sich alle möglichen Spielorte der deutschen Mannschaft im Vorfeld einmal anzuschauen, vor Ort die Behörden und die Organisationskomitees zu treffen, allgemeine Eindrücke zu gewinnen und speziell unsere Fanbotschaftsarbeit vorzubereiten. Wir hatten bei sieben Städten in zehn Tagen natürlich an den jeweiligen Orten nur begrenzt Zeit, das Programm der Reise war von den deutschen Auslandsvertretungen (brasilienwm.de) in Brasilien organisiert, und zwar ganz hervorragend. Wir haben fast alle Stadien gesehen und dort mit den Verantwortlichen gesprochen wie auch in den Städten selbst. Und meistens haben wir auch noch die jeweiligen Sicherheitskonzepte vorgestellt bekommen.

Und wie waren eure Eindrücke von den Stadien? Sind die alle bereit für die WM?

Unterschiedlich. An den Orten, wo die Stadien bereits zum Confed-Cup eröffnet waren, also etwa Salvador, Fortaleza oder Recife auf jeden Fall. Dort wurden ja schon vergangenes und dieses Jahr Erfahrungen gesammelt, auch unter Turnierbedingungen. Bei den Stadien, die mit der WM ihre erste echte Belastungsprobe erleben wie in São Paulo, ist das sicher etwas anderes. Ein Vorteil für die deutschen Fans dürfte es aber sein, dass das bei den Spielen der deutschen Mannschaft nicht der Fall sein wird. Denn die Stadien der Vorrunde sind schon im Confed-Cup dabei gewesen, und wenn es danach zum Beispiel nach Porto Alegre geht, sind dort auch schon die Spiele der Gruppenphase durch. Da kann ein Spiel, bei dem man Erfahrungen mit der Ausschilderung, dem Shuttleservice und dem Ordnungsdienst sammelt, schon einen großen Unterschied ausmachen. Die Fans, die die ersten Spiele bei den Europameisterschaften 2008 in Klagenfurt und 2012 in Lwiw/Lemberg erlebt haben, wissen, wovon ich rede.

Im Stadion
Rio de Janeiro

Du hast es schon gesagt – sieben Städte in zehn Tage, ein Mammutprogramm. Kannst du deine Eindrücke vom Gastgeberland zusammenfassen?

Quirlig,  intensiv und wahnsinnig viel Verkehr. Ich glaube, ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viel im Stau gestanden. Man merkt den Städten oft an, dass sie ohne große Planung eher wild gewachsen sind. Unter solchen Bedingungen  braucht es Flexibilität und Improvisationstalent. Ich glaube, das haben die Brasilianer. Man merkt aber auch deutlich, dass Brasilien wirtschaftlich ein Schwellenland ist. Shopping- und Ausgehmöglichkeiten, Restaurants, Supermärkte – alles in etwa vergleichbar wie hier. Die Preise sind meist etwas niedriger als bei uns, aber Brasilien ist definitiv kein Billigreiseland. Darüber müssen sich auch die deutschen Fans im Klaren sein, die zur WM fahren.
Ein Faktor, der ebenfalls eine Rolle spielen kann, ist das Wetter, gerade in Verbindung mit dem Verkehr. Wenn es etwa in Recife regnet –das kann im Juni durchaus passieren und das ist dann ein richtiger Tropenregen – dann geht unter Umständen gar nichts mehr. Sprachkenntnisse sind auch ein wichtiger Punkt. Englisch ist tatsächlich nicht sehr weit verbreitet. Über das Thema Fußball findet man zwar schnell Kontakt und kann sich darüber auch ein wenig austauschen, aber für die praktische Alltagskommunikation sind ein Wörterbuch und ein paar Grundwörter Portugiesisch auf jeden Fall hilfreich.

Hast du zwischen Recife und Porto Alegre auf der Rundreise einen Lieblingsspielort gefunden?

Sehr schön ist definitiv schon der erste Spielort, nämlich Salvador. Eine tolle Stadt, nicht zuletzt auch wegen der regionalen Küche. Als Vegetarier, der Fisch isst, war das für mich super. Ansonsten ist Brasilien ja eher ein Fleischland, bei den Rodízios (www.fanguide-wm2014.de/brasilien-bohnen-fleisch-obst.html) steht alle 30 Sekunden jemand mit einem Fleischspieß neben dir. Aber zurück zu den Städten … Fortaleza und Recife leben beide vom Strand. Da wird sich dort sicher vieles abspielen. Wobei die Haiwarnungen in Recife wirklich ernst zu nehmen sind, da sollte man dem Wasser lieber fernbleiben. Belo Horizonte im Landesinneren fand ich sehr sympathisch, obwohl ich vorher wenig Vorstellungen dazu hatte. Zu Rio muss man eigentlich nicht mehr viel sagen, das was immer berichtet wird, stimmt, es ist tatsächlich eine großartige Stadt. In Porto Alegre hat mir sehr gut gefallen, dass man plant, die WM am Fluss stattfinden zu lassen. Das hat mich gleich an die WM 2006 in Frankfurt erinnert. Da sollen Stadt und Stadion über einen Weg am Fluss mit Essensständen, Unterhaltung und Public Viewing verbunden werden. In Sao Paulo waren wir am kürzesten, da ist mir vor allem die Unmenge Beton aufgefallen, die da verbaut ist.

Das Thema Sicherheit ist da ja auch immer wieder aktuell. Brasilien hat eine sehr hohe Kriminalitätsrate. Wie war dein persönliches Gefühl bei der Reise?

Garantien gibt es nie, das ist klar. Wichtig ist sicherlich, einige generelle Hinweise (www.fanguide-wm2014.de/brasilien-sicherheit.html) zu berücksichtigen. Meine Erfahrungen waren positiv, ich war zwar viel in der Gruppe unterwegs, aber teilweise auch alleine und habe mich nicht unsicher gefühlt. Über das Thema Sicherheit hinaus ist es für die deutschen Fans unbedingt ratsam, eine Auslandskrankenversicherung abzuschließen. Das macht im Fall der Fälle vieles einfacher.

Im Stadion in Salvador
Arena Fonte Nova in Salvador

Beim Confed-Cup im vergangenen Jahr und auch danach hat es große Proteste in Brasilien gegeben. Für neue Stadien sei Geld da, hieß es zum Beispiel, für wichtige Infrastruktur wie Krankenhäuser und Schulen aber nicht. Wie wird das bei der WM aussehen, wird es wieder Demonstrationen geben?

Das ist sicher ein großer Unsicherheitsfaktor für die Organisatoren. Vor Ort gehen alle davon aus, dass es wieder Demonstrationen geben wird. Aber wie groß die Proteste sein werden und welchen Einfluss sie auf das Turnier haben können – das sind Fragen, die im Moment noch niemand beantworten kann. Eine Frage wird dabei auch sein, wie Polizei und Politik auf neue Demonstrationen reagieren. Aus meiner Sicht wäre es ein Fehler, den Protesten die Legitimität abzusprechen. Ich denke, es ist klar, dass sich Demonstrationen – wie auch beim Confed-Cup – nicht gegen die Fans richten, die nach Brasilien kommen. Ausgangspunkt sind die realen Lebensbedingungen der Menschen in Brasilien, die in Kontrast zu den Ausgaben für die WM gesetzt werden.

In den Spielorten habt ihr euch nicht nur mit den Organisationskomitees rund um die Stadien, sondern auch mit Verantwortlichen der Städte getroffen. Worum ging es dabei?

Wir haben zum Beispiel darüber gesprochen, wo wir jeweils mit unserer mobilen Fanbotschaft, die wir gemeinsam mit der Deutschen Botschaft, also der echten, durchführen werden. Über diese Kooperation, die wir ganz ähnlich auch schon bei der WM in Südafrika durchgeführt haben, freuen wir uns sehr. Auch dass der DFB sich diesmal noch stärker einbringt, ist zu begrüßen. Die Kooperation dieser drei Institutionen kommt unserem Service für die deutschen Fans wirklich zugute.

Für unsere mobile Fanbotschaft sind Plätze sinnvoll, die quasi natürliche Anlaufstellen für die Fans sind, weil sie zentral und gut liegen. Da waren wir jetzt in den Gesprächen vor Ort schon recht erfolgreich. Es ist vor dem Hintergrund unserer jetzt mehr als zwanzigjährigen Erfahrung beeindruckend, wie sehr unser Service bei den Ausrichtern einer WM mittlerweile als Unterstützung wahrgenommen wird. Früher wurden wir, die wir was für die Fans machen wollten, eher als Störenfriede gesehen. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass nicht nur die deutschen Fans von der mobilen Fanbotschaft profitieren, sondern auch die Behörden vor Ort. Schließlich sind wir  Expert/innen, die in deutscher Sprache vermitteln können.

Erfolgreich waren wir auch bei der Suche nach Druckereien, wo wir dann unser Fanzine HELMUT vor Ort produzieren können. Es wird nicht einfach, aber wir sind zuversichtlich, dass wir zu jedem Spiel ein druckfrisches Heft verteilen können.

Was war denn die Frage, die euch am häufigsten gestellt wurde?

Natürlich die nach der Anzahl der Fans, die kommen werden. Wir haben die Zahlen aus den bisherigen Ticketverkäufen und können sagen, dass es auf jeden Fall deutlich mehr Bestellungen gibt als für Südafrika. Für die Spiele der Vorrunde ist das Kontingent, das dem DFB zusteht, jeweils voll ausgeschöpft worden, für die Spiele der weiteren Turnierphase liegen die Bestellungen derzeit noch etwas darunter. Brasilien hat offensichtlich noch einmal eine ganz besondere Anziehungskraft. Wir gehen also davon aus, dass unsere Arbeit beim Turnier vor Ort für viele deutsche Fans wichtig wird.

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