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21. Jul 2010

Antirassistische Fan-WM in Italien – ein Fanprojekt berichtet

Am Wochenende des großen WM-Finales in Johannesburg fand noch ein weiteres Turnier statt, das für viele Fußballfans in ganz Europa einen alljährlichen Höhepunkt darstellt: die Mondiali Antirazzisti. Mit dabei auch ein Team des Fanprojekts Offenbach, das von sportlichen Erfolgen, viel Hitze und guter Stimmung berichten kann.

Seit 1997 finden alljährlich die Mondiali Antirazzisti www.mondialiantirazzisti.org in Italien statt – die antirassistische Weltmeisterschaft also, wie der Name übersetzt lautet. Das Festival mit Fußball, Musik, Partys, aber eben auch politischen und kulturellen Veranstaltungen ist in den Jahren seines Bestehens immer weiter gewachsen, nicht zuletzt auch durch zahlreiche teilnehmende Teams aus Deutschland. Gerade auch für die Fanprojekte stellt das Festival, das keinen Eintritt kostet und eine Unterkunft auf dem Zeltplatz des Geländes anbietet, eine gute Gelegenheit, um Fußballfans internationalen Austausch und eine niedrigschwellige Beschäftigung mit dem Thema Antirassismus, aber auch anderen politischen und fanpolitischen Anliegen zu ermöglichen. Kein Wunder also, dass sich jedes Jahr Fanprojektteams in die Teilnehmerliste eintragen. In diesem Jahr waren es die „Kerzebrozzer“ aus Offenbach, begleitet von Antje Hagel und Jürgen Brozio.

Wir dokumentieren hier den Bericht des Fanprojekts über die Fahrt nach Italien, zuvor ist wohl jedoch eine kleine Erläuterung des Teamnamens nötig. Denn was ein Kerzebrozzer ist, das hat wohl nicht nur die italienischen Gastgeber vor Rätsel gestellt, auch in Deutschland ist das nicht gerade ein geläufiges Wort, zumindest außerhalb von Hessen. Dazu Antje Hagel: „Kerzebrozzer ist ein hessischer Begriff für Spieler, die einen Angriff zumeist nur dadurch abwehren können, dass sie den Ball im eigenen Strafraum hoch in die Luft schlagen. Also alles andere als Filigranverteidiger …“

Sportlich erfolgreich und bunt gemischt

Die Kerzebrozzer, das Fußballteam des Fanprojekts Offenbach, war zu Gast bei den Mondiali Antirazzisti 2010 in Casalecchio di Reno, Italien. Die bunt gemischte Gruppe setzt sich aus Frauen und Männern verschiedenen Alters von 15 bis 50 zusammen. Die Kickers-Fans von den Fanklubs Mobilisierte Spions, Rote Zora, Boys Offenbach, Doppelpass und Ex-Erwins wurden begleitet von zwei MitarbeiterInnen des Fanprojekts Offenbach. Genächtigt wurde wie immer in eigenen Zelten – anders als vergangenes Jahr diesmal ohne sintflutartige Regenfälle, dafür in glühender Hitze und Temperaturen von bis zu 40 Grad tagsüber.

Nachdem wir schon an verschiedenen antirassistischen Turnieren in Deutschland teilgenommen haben, sind wir im Juli 2010 zum zweiten Mal zur Mondiali gefahren. Während die junge Mannschaft erfolgreich bis ins Achtelfinale gelangte, waren die älteren Mitreisenden als „SchiedsrichterInnen“ oder besser: ZeitnehmerInnen von den Turnierverantwortlichen um Mithilfe gebeten worden. Dies war übrigens eine hervorragende Gelegenheit, mit vielen Aktivisten und Spielern/innen in Kontakt zu kommen.

Fußballspielen und Fan-Sein soll Spaß machen

Das Besondere bei den Mondiali ist, dass hier nicht nur in guter Stimmung Fußball gespielt, sondern auch ein Festival der besonderen Art erlebt werden kann. Wo sonst organisieren Ultras aus ein- und derselben Stadt, aber von zwei rivalisierenden Vereinen gemeinsam über mehrere Tage die Bar und das Restaurant (Ultras aus Genua, Bologna, Modena oder Parma). Beeindruckend ist auch der faire Umgang mit Konflikten, sowohl auf dem Spielfeld als auch bei den Konzerten. Alle Spiele werden ohne Schiedsrichter gespielt, die ZeitnehmerInnen agieren hier aber auch als Mediatoren, sollten Regelabweichungen nicht untereinander geklärt werden können.

Eine besonders bemerkenswerte Reisegruppe in diesem Jahr stellten die Griechen aus Thessaloniki dar. Sie waren mit mehreren Teams angereist, um Basketball und mit je einem Männer- und Frauenteam Fußball zu spielen. Aufgrund der Größe der Gruppe fanden sich zudem immer noch Supporter, um stets alle drei Mannschaften zu unterstützen. Von daher wunderte es nicht, dass die die griechischen Anfeuerungs- und Feiergesänge am häufigsten zu hören waren. Daneben waren aber auch die Gesangswettstreits zwischen den vielen (auch rivalisierenden) Ultragruppen aus Italien zu vernehmen.

Aus Deutschland waren in diesem Jahr erheblich weniger teilnehmende Teams als in den vergangenen Jahren dabei, als spielendes Fanprojekt-Team waren wir Offenbacher sogar die einzigen, ein Kollege aus München hatte ein paar seiner Jungs motivieren können, für ein paar Tage nach Italien zu reisen, am Turnier haben die „Giasinga Buam“ aber nicht teilgenommen. Die Mondiali Antirazzisti sind eine hervorragende Gelegenheit, um internationale Fanbegegnungen, Spaß und antirassistisches Engagement zu kombinieren. Die Mondiali Antirazzisti werden seit 1996 von Progetto Ultrà aus Bologna, dem Institut für Geschichte in Reggio Emilia, Istoreco www.istoreco.re.it, und der UISP (dem italienischen Verband „Sport für alle“) www.uisp.it ausgerichtet.

Auch in diesem Jahr nahmen wieder rund 5.000 Personen an dem fünftägigen Festival teil. Insgesamt 204 Fußballteams beteiligten sich am Turnier, von daher ist die sportliche Leistung des OFC-Teams, es unter die besten 16 zu schaffen und erst dann gegen die Liberi Nantes aus Rom (www.liberinantes.org) auszuscheiden, überragend. Die teilnehmenden Teams kamen aus insgesamt 39 Ländern. Die weiteste tatsächliche Anreise hatten die Teams aus der Ukraine und der Türkei. Das Kinderteam der Saharauis (Teilnehmer eines Austauschprogramms in Modena) erhielt aber den Pokal für die weiteste Anreise. Außer Fußball wurde noch in separaten Turnieren Rugby, Volleyball, Basketball und Cricket gespielt. Eine Möglichkeit auch für Migranten aus Ländern, in denen Fußball nicht der dominierende Sport ist, trotzdem mit eigenen Aktivitäten an der Mondiali teilzunehmen.

Neben der Ausrichtung auf Antirassismus hat sich die Mondiali zu einer Veranstaltung gegen weitere Diskriminierungsformen, insbesondere Sexismus und Antiziganismus, entwickelt. Als im Jahr 2008 sexuelle Attacken gegen Frauen öffentlich wurden, haben die OrganisatorInnen sich Unterstützung und Rat verschiedener Frauen-Netzwerke aus dem Fußball sowie aus der Frauenbewegung geholt und deutlich davon profitiert. Neben dem Angebot eines WENDO-Kurses konnten die VeranstalterInnen auch dieses Jahr wieder zeigen, wie sexistischem Verhalten von Männern in konkreten Situationen begegnet werden kann. Und dass kurzfristig zwei Teams Roma aus dem Kosovo teilnehmen konnten, ließ auf beiden Seiten für das nächste Jahr hoffen. Konfliktlos war das nicht, dennoch werden die beiden Teams (jung und alt) sicherlich im nächsten Jahr wieder mit von der Partie sein.

Insgesamt zieht Antje Hagel eine sehr positive Bilanz aus der Fahrt:

Unser Team hat sich hervorragend geschlagen, die Vorbereitung in Offenbach und die Stimmung vor Ort war unglaublich konstruktiv, die Gespräche unerwartet offen und inhaltlich weitreichend. Ich glaube, dass alle sehr viel mehr mitgenommen haben als nur den sportlichen Erfolg. Voneinander lernen und miteinander neue Prozesse in Gang setzen, das gibt Kraft für den Ligaalltag!

Hier noch unsere Präsentation, wie wir sie in 6 Sprachen (türkisch, deutsch, englisch, Spanisch, französisch und italienisch..) vorbereitet hatten:

Kerzebrozzer Offenbach – mehr als nur eine Luftnummer ...
(Kerzebrozzer – ein hessischer Begriff für Spieler, die einen Angriff zumeist nur dadurch abwehren können, dass sie den Ball im eigenen Strafraum hoch in die Luft schlagen.)
“Kerzebrozzer” – Hessian slang for those players who can mostly check an attack only by kicking the ball high up in the air, what is far from clearing the situation!

... Fußballspielen und Fansein soll Spaß machen
... haben uns unsere Väter, Mütter, Tanten und Onkels unsere Brüder und TrainerInnen immer weismachen wollen... Und dann haben wir immer deutlicher gemerkt, dass etwas nicht stimmt.
Rassistische und antisemitische Parolen machen ebenso wenig Spaß wie schwulenfeindliches Gehabe oder Anfeindungen und sexistische Fangesänge und Angriffe auf Frauen.
Wir sind Fans der Offenbacher Kickers, wir kommen aus verschiedenen Fanclubs: Mobilisierte Spions, Rote Zora, Ex-ERWINS, Boys Offenbach oder Doppelpass. Wir sind zwischen 15 und 50 Jahre alt, Männer und Frauen, wir haben deutsche Pässe und Pässe aus anderen Ländern. Wir sind SchülerInnen und Angestellte, SozialarbeiterInnen und Gärtner, wir sind Lagerarbeiter und Fotografen. Wir haben Freunde, die schwul sind und Freundinnen, denen Fußball-Fansein fremd bleibt, weil Fansein immer noch verbunden ist mit überhöhter Männlichkeit und Ausschluss von Frauen...
...Aber wir tun viel dafür, dass sich das ändert. Jede und jeder für sich und immer öfter zusammen... So nehmen wir seit einigen Jahren an antirassistischen Turnieren teil, sind dieses Jahr zum zweiten Mal als Gruppe bei der Mondiali und treffen uns immer öfter auch abseits des Fußballs... bei Konzerten, Demonstrationen und Diskussionen...
...RED AND WHITE BUT MULTICOLOURED...

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