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22. Apr 2010

„Kommunikation schafft Sicherheit“ KOS-Fachtag in Hannover

Vergangene Wochen trafen sich Fanprojektmitarbeiter und Vertreter der Polizei in der AWD-Arena in Hannover, um über eine bessere Zusammenarbeit zu beraten. Das Motto „Kommunikation schafft Sicherheit“ sollte dabei Programm sein. Ein zentrales Thema war das Hannoveraner Modell des Konfliktmanagement.

Aber der Tagungsort lieferte auch noch weitere Anlässe, die feierlich zu begehen waren: Das Fanprojekt Hannover kann auf 25 Jahre Fanarbeit zurückblicken und der langjährige Wegbegleiter und Fanexperte, Prof. Dr. Gunter A. Pilz, „feierte“ seinen Abschied aus der Tätigkeit an der Leibniz Universität Hannover. Beides wurde am Abend mit einem Empfang der Stadt Hannover gebührend gewürdigt. Vorher stand jedoch die Arbeit auf dem Programm.

Auf dem Fachtag, zu dem die KOS bundesweit eingeladen hatte, diskutierten insgesamt 90 Teilnehmer/innen aus den Reihen der Fanprojekte und der Polizei. In Zusammenarbeit mit dem Fanprojekt Hannover sollte der Fachtag dazu beitragen, die gegenseitigen Erwartungen in der alltäglichen Arbeit mit Fußballfans zwischen Polizei und Fanprojekten zu diskutieren und die Handlungssicherheit auf allen Ebenen zu erhöhen. Polizei und Fanprojekte haben im Prinzip die gleichen „Zielgruppen“, arbeiten oftmals zur gleichen Zeit am gleichen Ort – aber mit unterschiedlichem Auftrag. Aber genau diese Schnittstellenarbeit funktioniert nur, wenn ein gegenseitiges Rollenverständnis gegeben ist. An diesem Punkt setzt das in Hannover entwickelte Modell des Konfliktmanagements (kos-fanprojekte.info/news/2009/20090409.html) an.

Dialog intensivieren

Schon seit längerer Zeit ist rund um die Fußballspiele in Deutschland ein zunehmender Konflikt zwischen Teilen der Fans und der Polizei zu beobachten. Das Verhältnis zwischen diesen Gruppierungen erweist sich teilweise als extrem angespannt. Dabei spielen Feindbilder, Vorbehalte und Vorurteile auf beiden Seiten eine wichtige Rolle. In der direkten Beziehung zwischen Polizei und Fans herrschen Verunsicherungen, Abgrenzungen und negative Zuschreibungen vor, die die Beziehungen der jeweiligen Akteure mitunter schwer belasten. In diesem Spannungsfeld kommt insbesondere den Fanprojekten als Vermittlungsinstanz eine wichtige Funktion zu.

„Insbesondere die Fanprojekte intensiveren seit geraumer Zeit den Dialog mit der Polizei. Bei der Polizei stoßen wir dabei auf eine zunehmende Bereitschaft, in diesen Dialog einzutreten“, zieht KOS-Leiter Michael Gabriel ein positives Fazit des Fachtages. „Das auf Kommunikation mit der Fanszene basierende ‚Hannoveraner Modell’ ist ein vielversprechendes Konzept, weil es Fankultur respektiert und den Fans Verantwortung für ihr Verhalten zurückgibt. Damit ist es insgesamt hervorragend geeignet, Feindbilder abzubauen.“

In seinem Tagungsvortrag setzte sich der Bochumer Kriminologe Prof. Thomas Feltes unter anderem für einen noch stärkeren Dialog zwischen Fans und der Polizei ein. „Wir brauchen keine Stadionverbote oder Alkoholverbote“, so Feltes. Stattdessen könnten mehr Kreativität und Flexibilität aufseiten der Polizei helfen, Spannungsfelder zu verhindern. Er bemängelte auch „die Angst vieler Polizisten, mit den Fußballfans zu reden“. Gleichzeitig rückte er die auch medial verzerrten Relationen in Bezug auf Fußballgewalt zurecht, indem er die Zahlen der Jahresberichte der ZIS (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze) analysierte. Aus kriminologischer Perspektive seien nämlich die gewaltträchtigen Vorfälle rund um Fußballspiele in Deutschland im Verhältnis zur Zahl der Zuschauer absolut vernachlässigenswert.

Am Nachmittag stellten Franciska Wölki-Schumacher vom Institut für Sportwissenschaft der Leibniz Universität Hannover und Michael Schütte, Leiter des Polizeikommissariats Nord in Hannover, das Modell und die bisherigen Erfahrungen mit dem Einsatz von Konfliktmanagern bei Fußballveranstaltungen vor. Dabei betonten beide, dass die Einführung eines derartig modernen und kommunikativen Einsatzkonzeptes durch die Polizei ohne das langjährige herausragende Wirken von Prof. Dr. Gunter A. Pilz auf dem Feld der Fan- und Gewaltforschung undenkbar gewesen wäre. Auch das durch Gunter Pilz 1985 initiierte Fanprojekt Hannover hat mit vielerlei vertrauensbildenden Maßnahmen auf allen Ebenen zu diesem Erfolg beigetragen.

Übertragbarkeit des Konfliktmanagement-Modells

In der anschließenden Arbeitsphase wurde in vier parallel stattfindenden Workshops die Frage diskutiert, ob das „Hannoveraner Modell“ auch auf andere Standorte übertragbar ist. Grundlage der Überlegungen ist die Tatsache, dass Fußballfans auf Auswärtsfahrten von der Polizei oft einengend und repressiv behandelt werden. Hier liegt der Ansatz für die Arbeit von Konfliktmanagern im Fußball. Dieses Konzept wird seit der Saison 2007/2008 umgesetzt und analysiert und die Auswertungen der bisherigen Einsätze von Konfliktmanagern zeigen, dass eine Verbesserung der Kommunikation und der Transparenz der polizeilichen Maßnahmen für eine positive Entwicklung des Verhältnisses zwischen Polizei und Fans von großer Bedeutung ist, um mögliche Konfliktlagen zu vermeiden bzw. zu entschärfen.

Deutlich wurde aber auch, dass der Einsatz von Konfliktmanagern, der in Hannover erfolgreich bewertet wird, in anderen Standorten nicht 1:1 übernommen und verordnet werden kann, sondern in einem gemeinsamen Dialog zwischen Polizei, Verein, Fanvertreter und unter Beteiligung des Fanprojektes auf lokaler Ebene vereinbart werden muss. Der beim Fachtag in Hannover fortgesetzte Dialog zwischen Polizei und Fanprojekten knüpfte an die positiven Erfahrungen der im vergangenen Jahr durchgeführten Zukunftswerkstatt in Karlsruhe (www.kos-fanprojekte.info/news/2009/20090630.html) an. Große Einigkeit herrschte darüber, dass es gilt, diese Annäherung besonders auf lokaler Ebene fortzuführen und auszubauen.

Die KOS dankte im Anschluss an die Veranstaltung allen Tagungsbesuchern für ihre engagierte und konstruktive Diskussion. Ein besonderer Dank ging an den Verein Hannover 96, der uns diese Tagung in seinen Räumlichkeiten ermöglichte und hervorragend unterstützte.

Den Vortrag von Michael Schütte finden Sie zum Nachlesen hier.

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