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23. Aug 2013

„Teil des Ganzen“. Fanprojekt Leverkusen

Stefan Thomé und Daniela Frühling
Stefan Thomé und Daniela Frühling

Seit 1996 besteht das Fanprojekt Leverkusen und genauso lange ist Stefan Thomé schon dabei und seit zweieinhalb Jahren steht ihm mit Daniela Frühling auch eine hauptamtliche Kollegin zur Seite. Im Interview sprechen die beiden über Veränderungen der Fanarbeit, die Akzeptanz von Frauen in der Kurve und in den Institutionen und den richtigen Zeitpunkt für die Anschaffung eines Handys.

Stefan, wie würdest du euer „Profil“ beschreiben? Was zeichnet das Fanprojekt Leverkusen aus?

Stefan Thomé: Das unterscheidet sich gar nicht großartig von den anderen Fanprojekten. Wir sind relativ nah am Verein dran, weil wir auch mit der Fanbetreuung von Bayer04 in den gleichen Räumlichkeiten arbeiten, von daher gibt’s da automatisch eine größere Nähe. Die Vorteile daraus nutzen wir, aber wir sind als sozialpädagogische Einrichtung natürlich unabhängig vom Verein und machen das auch deutlich. Das muss man auch den Fans immer wieder erklären, dass wir nicht dasselbe sind wie die Fanbetreuung. Das kennen andere Fanprojekte allerdings auch.

Du bist im Fanprojekt Leverkusen von Anfang an dabei, also seit 1996. Schwierige Frage: Was hat sich in der Fanarbeit verändert?

Stefan Thomé: Viele Sachen sind genau wie vor 17 Jahren, als ich angefangen habe. Die Beziehungsarbeit mit den Fans, die Vertrauensarbeit, um an die Leute heranzukommen, um pädagogisch Einfluss nehmen zu können – das ist geblieben. Aber klar, es hat sich viel verändert, auch in der Fanszene, allein wenn man an die Entwicklung der Ultras denkt. Und die Möglichkeiten der Kommunikation – mit Handy, Internet, sozialen Medien. Ich kann mich gar nicht genau erinnern, ob ich einen PC hatte, als ich angefangen habe. Ein Handy hatte ich im U16-Bus auf jeden Fall als Letzter (Lachen im Hintergrund). Der Stellenwert der Fanprojektarbeit ist heute ein anderer. Sozialarbeiter sind im Fußballbereich sicher viel akzeptierter als damals, obwohl es immer noch von Personen abhängig ist. Für manche bist du als Sozialarbeiter gleich unten durch. Aber jetzt scheitert es vielleicht an Personen, früher ist es an Institutionen gescheitert. Heute sind wir institutionell akzeptiert und Teil des Ganzen.

Stefan Thomé und Daniela Frühling
Stefan Thomé und Daniela Frühling mit dem Qualitätssiegel

Du warst lange als einziger hauptamtlicher Mitarbeiter im Fanprojekt tätig, das geht doch eigentlich gar nicht, oder?

Stefan Thomé: Nein, das geht eigentlich nicht. Unbegreiflich, dass ich das 15 Jahre lang allein gemacht hab. Es geht dann eben doch irgendwie, wenn man ein Kämpfer ist (lacht), sich durchbeißt und wenn man die Arbeit so einrichtet, dass man die richtigen Schwerpunkte setzt und das macht, was zu schaffen ist. Dazu gehört, dass es wichtig ist, mit den jungen Leuten zu arbeiten und die zu erreichen. Im U16-Bereich kann man mehr bewegen als mit älteren Fans. Unser Stammklientel sind jüngere Ultras.

Und oft haben wir natürlich eine andere Sicht darauf, wie man mit Menschen, mit Fans umgehen soll als beim Verein oder anderen Institutionen. Da muss man sich auch manchmal zurücknehmen und nicht zu viel Energie verbrauchen, indem man jedes Mal wieder versucht, von Geschäftsführung bis Polizei alle zu überzeugen. Man kann nicht alle Menschen ändern, das zermürbt nur. Aber wir versuchen, unsere Sicht zu vermitteln, damit hören wir auch nicht auf.

Daniela, du bist seit Januar 2011 als zweite hauptamtliche Mitarbeiterin dabei. Wie hat der Einstieg geklappt?

Daniela Frühling: Der Einstieg hat sehr gut geklappt, denke ich. Ich habe mir relativ schnell Bereiche gesucht, wo ich mich gut wiederfinden und dann auch die Arbeit von Stefan ergänzen kann. Also zu schauen, was will ich machen, wo kann ich meine Stärken gut umsetzen und wo können wir unsere Angebote noch erweitern. Ich habe die Mädchenfußball-Gruppe aufgebaut. Das wird sehr gut angenommen, wir machen jetzt auch noch einen monatlichen Mädchen-Treff, bei dem nicht Fußball gespielt wird, da sind Mädchen aus der Fußballgruppe dabei und von den U16-Fahrten.

Stefan Thomé: Für mich ist interessant zu beobachten, dass auch aus dem sogenannten problematischen Klientel einige eher zu Daniela gehen als zu mir. Es ist also nicht so, dass sie nur mit Mädchen oder Frauen arbeiten würde, sondern auch mit den Jungs.

Daniela Frühling: Ich habe sicher auch davon profitiert, dass Stefan überall bekannt ist und mich vorgestellt hat, aber ich hatte tatsächlich keine großen Probleme, mit den Jungs in Kontakt zu kommen, sondern bin sehr positiv aufgenommen worden. Manche kommen an Spieltagen oder auch bei unseren Öffnungszeiten eher zu mir, weil sie es leichter finden, Sachen mit mir zu besprechen. Als Frau und Sozialarbeiterin hast du in den männerdominierten Fanszenen eine andere Position. Wenn ich da reinkomme, mache niemandem eine Rolle streitig.

Stefan Thomé: Wenn mehr Frauen bei der Polizei oder den Ordnungsdiensten dabei wären, würde das die Atmosphäre sicher auch noch einmal verändern.

Wie sieht das bei Kontakten mit anderen Gruppen und Institutionen als den Fans aus?

Daniela Frühling: Wenn wir zum Beispiel Kurvengespräche – also Besprechungen mit der Polizei, den Fanbeauftragten, den Ordnern und den Sicherheitsbeauftragten vor den Spielen – haben, dann schaue ich schon, dass ich hingehe, auch um zu zeigen, dass wir eine Frau im Fanprojekt haben und den Männern – denn dort sind zu 90 Prozent Männer – zu zeigen: Das ist nicht nur euer Job.

Stefan Thomé: Ich würde behaupten, dass es für Daniela einfacher war, in der männerdominierten Fanszene Fuß zu fassen als in den männerdominierten Netzwerken von Verein, Fanbetreuung und Sicherheit drumherum.

Die letzten anderthalb Jahre waren von starken Konflikten zwischen Fans und Vereinen, Verbänden und Polizei geprägt. Wie habt ihr das in Leverkusen erlebt?

Stefan Thomé: Wir waren da auch sehr involviert und mussten uns auch bemühen, gehört zu werden, was etwa das Sicherheitspapier der DFL oder die Stellung von Fans allgemein und Ultras speziell betrifft. Da haben wir viel versucht, Einfluss zu nehmen. Die Fanbetreuung des Vereins hat da ja auch mitunter eine andere Position als wir.

Was sind die aktuellen Projekte bei euch?

Daniela Frühling: Wir haben gerade unser Ferienprogramm gemacht, da gab es in den Sommerferien einen Tag in der Woche mit einem speziellen Programm: Minigolf, Schwimmen, Stadionführungen. Das haben wir in diesem Jahr zum zweiten Mal angeboten. Dann steht die Planung unserer U16-Fahrten an und natürlich Einzelfallberatung, Stadionverbote – also die üblichen Schwerpunkte.

Stefan Thomé: Ich habe ja 2000 in Leverkusen ein Bewährungsprogramm für Stadionverbote entwickelt, mit dem wir bundesweit ein bisschen Vorreiter waren. Da sind wir in den letzten zwei Jahren in Leverkusen noch mal ein Stück weitergekommen, weil wir uns noch mehr für das Konzept einsetzen konnten und damit auch nachhaltig Erfolg haben, die Fans verstehen da inzwischen auch, in welche Richtung es gehen muss.

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