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25. Nov 2013

Fanprojekt in Kiel: Solide Basis gelegt

Das Team

Erst seit vergangenem August gibt es in Kiel ein Fanprojekt für die Anhänger des Drittligisten Holstein Kiel. Hoch im Norden arbeiten pädagogische und nichtpädagogische MitarbeiterInnen eng zusammen, um Angebote für die jugendlichen Fans zu schaffen. Janine Fregin und Jérôme Schneider vom AWO-Fanprojekt Kiel berichten von weiten Wegen und ersten Erfolgen.

Leiter Jérôme Schneider und Janine Fregin sind die beiden hauptamtlichen pädagogischen Mitarbeiter im Fanprojekt Kiel. Sie kennen Kiel – und Holstein – aus dem Studium, auch wenn ihre Fanherzen jeweils für die Vereine ihrer Geburtsregion schlagen: Für Jérôme Schneider, der in Minden geboren wurde, ist das Borussia Dortmund. Für die Berlinerin Janine Fregin Union. Beide haben sich schon während ihrer Ausbildung mit Fußball, Fankultur und Fanprojektarbeit beschäftigt, so hat Jérôme seine Abschlussarbeit des Bachelorstudiums Soziologie und Pädagogik zum Thema Hooliganismus und Rechtsextremismus verfasst. Janine Fregin während ihres Studiums der Sozialen Arbeit Praktika in den Fanprojekten in Hamburg und Berlin absolviert und ihre Abschlussarbeit zur Fanprojektarbeit im Umfeld des Hamburger Sport-Vereins geschrieben. Die Stellenausschreibungen der AWO Kiel, die Träger des jüngsten lokalen Fanprojekts ist, kamen damit für beide wie gerufen.

Fankurve

Vertrauensleute aus der Szene

Die Einrichtung des Fanprojekts in Kiel ist bereits länger in der Diskussion gewesen, die Mühlen der Finanzbürokratie mahlen auch hier jedoch mitunter langsam. So fiel die Eröffnung im Sommer nun zusammen mit dem sportlichen Aufstieg in die dritte Liga. Jérôme Schneider sagt: „Das Fanprojekt hätte Kiel auch schon früher gut getan. Aber in den letzten ein, zwei Jahren hat es einen kleinen Auf- und Umbruch gegen, auch in der Fanszene. Die Ultras finden sich neu und schaffen neue Strukturen. Insofern ist es vom Zeitpunkt her schon ganz passend.“

Wie bei allen neuen Projekten steht auch in Kiel zunächst der Aufbau von Kontakten, die Beziehungsarbeit im Mittelpunkt. Dabei kommt Fregin und Schneider eine besondere Konstellation zugute, die schon im Konzept des Fanprojekts angelegt war. Sie werden unterstützt von zwei nichtpädagogischen Mitarbeitern, Mathias Woloszyn und Wolf-Ulrich Schwark, die schon seit Langem in der Fanszene verankert sind. „Die beiden kommen aus der Szene und haben es Janine und mir sehr vereinfacht, den Zugang zu finden, weil sie in der Kurve bekannt und respektiert sind“, sagt Jérôme Schneider. „Es ist extrem hilfreich, wenn die beiden dabei sind. Das ist auch eine Vertrauensfrage“, stimmt Janine Fregin zu. „Wir sind ja beide auch noch relativ jung, das ist dann auch nicht immer einfach, wenn dann die Sozialarbeiter in die Kurve kommen.“ Das Lernen und Unterstützen ist gegenseitig. Mathias Woloszyn und Wolf-Ulrich Schwark werden auch zunehmend in die pädagogische Arbeit eingebunden und bilden sich hier fachlich fort, z.B. mit einer Ringvorlesung zum Thema Soziale Arbeit und Rechtsextremismus.

Der Container

Arbeiten aus dem Container

Die Fanszene in Kiel ist bunt gemischt, mit älteren Hools und Fanklubs und jüngeren Ultras. „Es gibt einen Stamm von etwa 100 Allesfahrern. Wir haben mit der Supside eine Ultragruppe, die sehr jung und auch recht klein ist. Mit Umfeld sind das etwa 25 bis 30 Leute“, sagt Janine. „Drumherum gibt’s dann eine Reihe von Fanklubs, die natürlich dann schon älter sind. Außerdem eine recht aktive Hooliganszene, die auch deutschlandweit durchaus bekannt ist.“

Das Fanprojekt selbst arbeitet derzeit noch im Container, oder genauer gesagt: in zwei ineinander gestellten Containern direkt am Stadion. „Die hat uns Holstein zur Verfügung gestellt. Wir haben hier Schreibtische, einen PC – also praktisch unser Büro. Ebenso Kickertisch und Darts“, sagt Jérôme Schneider. In den Wintermonaten wird es hier trotz der aufgestellten Heizgeräte auch ein bisschen kalt, wobei hier teamintern deutliche Unterschiede in der Kälteempfindlichkeit bestehen. Janine arbeitet in Jacke, während Jérôme scherzhaft von saunaähnlichen Zuständen spricht. Für die Heimspiele sind die derzeitigen Räumlichkeiten ideal, unter der Woche jedoch schwierig, das Stadion ist verkehrstechnisch nicht sehr gut angebunden. Trotz der etwas widrigen Umstände kommen die Fans aus dem harten Kern jedoch auch in der Woche zum Container – auch ein Zeichen dafür, dass die Angebote des Fanprojekts wie Beratungen, Dartsturniere und offene Treffen, von den Fans angenommen werden. „Die Jugendlichen haben dem Ganzen auch Leben eingehaucht mit ihren Ideen zur Gestaltung. Wir haben hier drin bunte Bilder und Graffiti“, sagt Jérôme Schneider. „Unser Logo ist auch aus der Fanszene heraus entstanden.“ Für die Zukunft ist das Team zusammen mit dem Träger, der AWO, jedoch auf der Suche nach anderen, zentraler gelegenen Räumen.

Choreo

Endlich weite Wege

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Arbeit spielt sich für das Kieler Fanprojekt jedoch auch on the road ab. „Die KollegInnen in Rostock behaupten, sie hätten die meisten Auswärtskilometer. Das stimmt nicht“, sagt Jérôme lachend. „Wir waren jetzt mit einem Neuner-Bus in Regensburg, da waren wir 21 Stunden unterwegs. Außerdem Burghausen, Saarbrücken, Unterhaching, zwei Stuttgart-Spiele. Also, da müssen wir mit unseren Stunden und Kräften auch haushalten.“ Positiv für die Arbeit ist natürlich, dass diese langen Fahrten auch gut sind, um Kontakte zu knüpfen und sich gegenseitig besser kennenzulernen. Die Kieler Fans sind zudem auch dankbar, die Regionalliga hinter sich zu lassen. „Die Fans haben ja nun unglaublich lange drauf gewartet, endlich mal wieder etwas weiter fahren zu können“, meint Janine Fregin. „Da sind Saarbrücken oder Burghausen hoch im Kurs. Wie viele Leute dann so mitfahren, hängt auch sehr von den Terminansetzungen an. Da hatten wir bisher Pech mit einigen Freitagsspielen.“ Im Schnitt – so rechnet das Team durch – sind etwa 150 Leute dabei. Nach Rostock sind 700 oder 800 Fans gefahren, nach Stuttgart dann viel weniger.

Für die Zukunft plant das Fanprojekt die Organisation von U18-Touren. Janine Fregin sagt: „Wir hoffen auch darauf, dann vielleicht ein paar weibliche Fans gewinnen zu können. In der Ultraszene hier gibt es bisher keine Mädchen oder junge Frauen.“ Viele Anregungen für die Arbeit kommen auch aus der Szene selbst: Kinoabend, Pokerturnier, Tischkicker- und Dartsturniere, mit denen dann auch Fans, die sich nicht dem Umfeld der Ultraszene zurechnen, vermehrt angesprochen werden sollen.

Fanprojekt Logo

Die Basis ist gelegt

Wie an anderen Standorten spielt auch für die Arbeit in Kiel das Thema Rechtsextremismus eine Rolle. Das Fanprojekt selbst beschäftigt sich intensiv mit dem Thema, u.a. auch durch Gespräche mit der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus vor Ort. Mitte November steht zudem eine Lesung von Ronny Blaschke zum Thema auf dem Programm, die das Team gemeinsam mit jugendlichen Fans besucht. Für die weitere Zukunft will das Fanprojekt seine Aktivitäten auch in anderer Hinsicht ausdehnen, nämlich in Streetworkarbeit. „Gerade im Stadtteil Mettenhof würden wir uns gern etablieren und gern alternative Fußballangebote machen, nicht nur, aber auch um vielleicht auch mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund anzusprechen“, sagt Schneider. Bei dieser Arbeit kann auch der Träger helfen. Die AWO ist im Stadtteil schon etabliert, sodass das Fanprojekt hier in bereits vorhandene Projekte einsteigen könnte. Neben den Plänen für die Zukunft fällt jedoch auch der Blick in die noch kurze Geschichte des Fanprojekts positiv aus. Jérôme Schneider sagt: „In den erst dreieinhalb Monaten haben wir echt eine super Basis gelegt. Ich glaube, das hatte keiner von uns so erwartet.“


Fanprojekt Kiel

Janine Fregin, Jérôme Schneider (Leitung), Wolf-Ulrich Schwark, Mathias Woloszyn

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Fanprojekt
Preetzer Straße 35
24143 Kiel

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Fax: 0431 534 019 40

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