Home  Newsarchiv  2011  (26.09.2011) Politisch blind: Prozess in Bremen zum Überfall auf Ultraszene  

27. Sep 2011

Politisch blind: Prozess in Bremen zum Überfall auf Ultraszene

Kurve mit Antidiskriminierungsbanner
Foto. www.fanprojektbremen.de

Der Überfall auf eine Feier von antirassistischen Bremer Ultras in den Räumen des Fanprojekts sorgte vor mehr als vier Jahren für große Empörung und führte zu Veränderungen in der Werder-Fanszene. Vergangene Woche wurde der Prozess gegen die Angeklagten aus der Neonaziszene eröffnet. Die politische Dimension spielte für das Gericht, das ein schnelles Ende des Prozesses anstrebt, dabei keine Rolle. 

Bereits das selbstbewusste und siegessichere Auftreten der Angeklagten und ihrer Unterstützer im Gerichtssaal sprach Bände. „Es waren etwa 20 Neonazis anwesend, ein Teil davon sogar vermummt“, berichtet Thomas Hafke vom Fanprojekt Bremen, der den Prozess beobachtet hat. „Ich durfte keinen Fotoapparat mit hineinbringen, bin aber selbst von ihnen mit dem Handy fotografiert worden. Auf meine Beschwerde hat der Gerichtsdiener nicht reagiert, einer der Anwälte hat mich dann beschuldigt, Öl ins Feuer zu gießen. Also eine komplette Verdrehung der Tatsachen.“

Die Vorgeschichte

Der vergangene Woche vor dem Amtsgericht Bremen eröffnete Prozess – der vermutlich diese Woche schon wieder beendet sein wird – befasst sich mit einem Vorfall, der die Fanszene des Vereins entscheidend geprägt hat: Vor mehr als vier Jahren, am 20. Januar 2007, wurde eine Jubiläumsfeier der Ultragruppe „Racaille Verte“ in den Räumen des Bremer Fanprojekts im Stadion, im sogenannten Ostkurvensaal, überfallen.

Die Täter, die von den jungen Ultras teilweise erkannt wurden, stammten aus dem Umfeld der Hooligan-Gruppen „Standarte Bremen“ und „Nordsturm Brema“, die für ihre Verstrickungen in die rechte Szene bekannt sind. Mehrere Gäste der Feier erlitten leichte Verletzungen, zwei Fans mussten im Krankenhaus behandelt werden. Deutlich war bereits im Januar 2007: Die Tat hatte einen politischen Hintergrund, es ging um die Einschüchterung einer noch jungen Fangruppierung, die sich klar gegen Rassismus und Diskriminierung positionierte. Die von den rechtsextrem Gruppen provozierte „Machtprobe“ um die politische Vorherrschaft in der Bremer Fanszene und die daraus folgenden öffentlichen und internen Diskussionen entwickelten sich jedoch zugunsten der jungen, antirassistisch engagierten Ultras.

„Nach dem Überfall hat es bei vielen Fans ein Umdenken gegeben“, sagt Thomas Hafke rückblickend. „‘Das sind auch Werder-Fans, ist doch egal, wie die politisch drauf sind, solange es im stillen Kämmerlein bleibt‘. Der Überfall auf den Ostkurvensaal war aber eben keine Privatsache mehr.“ Heute arbeitet in Bremen eine breite Antidiskriminierungskampagne mit Beteiligung des Dachverbands der Fanklubs, des Fanprojekts und vor allem auch der Ultragruppen zusammen. Die Arbeitsgruppe „Werder-Fans gegen Diskriminierung“ erhielt im Herbst 2008 für ihren Einsatz den Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bundes. Auch der Verein verstärkte sein Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Fans und Verein unterstützen zudem die Neuauflage der Ausstellung „Tatort Stadion 2“ (tatortstadion.blogsport.de), die im April 2010 in Bremen Premiere feierte.

Prozesseröffnung und ein schneller Deal

Die juristische Bearbeitung des Vorfalls stand jedoch noch aus. Vergangene Woche wurde der Prozess gegen sieben Angeklagte vor dem Amtsgericht Bremen – nicht wie ursprünglich geplant vor dem Landgericht – eröffnet, nach mehr als vier Jahren. Als Grund für die lange Ermittlungsdauer wurde die Verzögerung der Aussagen von Zeuginnen und Zeugen genannt. Unsinn, wie die Ultras von Racaille Verte in einer Erklärung feststellen – die Aussagen hätten der Staatsanwaltschaft nach etwa drei Monaten vorgelegen. Es sind jedoch vor allem der erwartete Ausgang des Prozesses und seine Begleiterscheinungen, die Fans und Fanprojekt in Bremen große Sorgen machen. Zum Auftakt am Donnerstag schlug das Amtsgericht – auch wegen der Länge der Ermittlungen – die Beendigung des Verfahrens gegen die Angeklagten gegen Bußgeld und ein Geständnis vor. Ein Angebot, dem die Angeklagten nur noch zustimmen müssen und das ihnen sogar einen Eintrag ins Führungszeugnis erspart. Ausgehandelt wird dieser Deal zwischen den sieben Verteidigern und der Staatsanwaltschaft, Nebenkläger gibt es in diesem Prozess nicht. „Das Fanprojekt konnte aus juristischen Gründen nicht als Nebenkläger auftreten“, sagt Thomas Hafke, „und die Fans hatten schlicht Angst, als Einzelpersonen noch angreifbarer zu werden.“ Die jungen Fans dazu zu bewegen, als Zeugen auszusagen, war für viele schon eine große Hürde. Nicht zuletzt aus Angst vor weiteren Angriffen.

Ängste, die das Gericht anscheinend nicht allzu ernst nimmt. Neben Hafke berichten auch andere Beobachter, dass zahlreich anwesende Unterstützer der Angeklagten im Gerichtsgebäude ungestört Prozessbesucher und Presse fotografieren konnte, auch gegen deren Willen. Auch die Ultras von Racaille Verte wurden von ihrerseits vermummten Hooligans gefilmt, ohne dass Polizei oder Gerichtsordner einschritten. 

Politische Dimension wird ignoriert

Offensichtlich ist, dass das Gericht bei seiner Beurteilung des Falles die politische Dimension nicht zur Kenntnis nimmt und davon ausgeht, es habe sich bei dem Überfall schlicht um eine „fantypische“ Schlägerei zwischen zwei rivalisierenden Gruppen gehandelt. Belege für die politische Motivation der Tat und die Einschüchterung der Zeugen/Opfer wurden nicht zur Kenntnis genommen, keine Stellungnahmen etwa des Fanprojekts oder anderer Organisationen eingeholt, die die Verquickung von Fanszene und rechtsextremer Gruppen in Bremen beurteilen könnten. Ein gänzlich falsches Signal, wie auch der Kommentar der taz feststellt: „Es geht nicht um eine Testosteron-gesteuerte Fan-Hauerei, sondern um den Überfall neonazistischer Hooligans auf ein antirassistisches Fanprojekt. Dem nicht mit aller Entschiedenheit Einhalt zu gebieten, ist gesellschaftlich fatal.“ Auch für Thomas Hafke vom Fanprojekt Bremen ist diese Argumentation eine unglaubliche Fehleinschätzung: „Das sind teilweise führende Neonazis, die hier vor Gericht stehen. Es ist ein Hohn, da von einer ‚szenetypischen Auseinandersetzung‘ zu sprechen.“

Die betroffenen Fans, die ihre Aussagen teilweise nur widerstrebend gemacht haben, sehen sich, so Hafke, nun in ihren Befürchtungen bestätigt. Ihr Vertrauen in die verantwortlichen Behörden ist gründlich erschüttert. „Was soll ich denen beim nächstes Mal sagen, wenn diese Sache hier so aus ausgeht?“ Dass es unter Umständen ein nächstes Mal geben könnte, ist eine Befürchtung, die nun in Bremen Fans und Fanprojekt umtreibt. Unter dem Motto „Gegen rechte Gewalt und gegen rechtes Gedankengut“ ruft ein breites Bündnis für Mittwoch, den 28. September, zu einer Demonstration auf. Treffpunkt: 17 Uhr vor dem Ostkurvensaal am Weser-Stadion. Unterstützung von Fangruppen aus anderen Städten ist ausdrücklich willkommen.

Am folgenden Tag wird dann der möglicherweise letzte Verhandlungstag des Prozesses stattfinden, sofern die Angeklagten und der Staatsanwalt dem Angebot des Gerichts zustimmen. Thomas Hafke ist im Moment noch zuversichtlich, dass die Staatsanwaltschaft zur Besinnung kommt und der Prozess nicht mit einem Klaps auf die Finger für die Angeklagten endet. „Falls das passiert, weiß ich nicht genau, wie das hier weitergeht. Aber es wird sicher keine positiven Folgen haben.“

Presseberichte:

Radio Bremen
„Überfall im Ostkurvensaal“
www.radiobremen.de/sport/fussball/hooligansostkurvensaal100.html


„Radikal extrem – oder ein bunter Haufen? Interview mit Wilko Zicht“
www.radiobremen.de/sport/fussball/interviewzicht100.html


Update 30.09.2011
:
„Prozess endet am zweiten Tag – Geldstrafen für angeklagte Hooligans“
www.radiobremen.de/politik/nachrichten/politikprozesshooligansbremen100.html

taz Nord
„Überschaubare Strafen“
www.taz.de/Bremer-Hooligan-Prozess/!78677/


„Kommentar: Offensive Saumseligkeit“
www.taz.de/Kommentar-Bremer-Hooligan-Prozess/!78674/

http://www.radiobremen.de/politik/nachrichten/politikprozesshooligansbremen100.html

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