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28. Jan 2010

„Erinnern für die Zukunft“ – Gedenktag im Fußball

Foto: www.miles-photo.net

Am kommenden Wochenende begeht der deutsche Ligafußball den Gedenktag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, die sich am 27. Januar zum 65. Mal jährte. Beim FC St. Pauli fand aus diesem Anlass eine Gedenkveranstaltung mit Redebeiträgen, Gedichten und Musik statt, um an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern.

Rund 130 Menschen waren gekommen, um im Schneegestöber der Gedenkveranstaltung vor dem Stadion am Millerntor beizuwohnen, darunter auch das Trainerteam, der Mannschaftsrat und mehrere Spieler der 1. Mannschaft. Dazu eingeladen hatte der Fanladen St. Pauli gemeinsam mit verschiedenen Fangruppierungen und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN-BdA). Ein Banner mit der Aufschrift „Erinnern für die Zukunft – 65 Jahre Befreiung von Auschwitz“ wies auf den Ort des Gedenkens hin: Vor der Südtribüne des Stadions steht eine Tafel, die an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung erinnert und 2004 auf Initiative der St.-Pauli-Fans aufgestellt wurde.

Die Veranstaltung, deren Ideengeber der ehemalige Fanladen-Mitarbeiter Heiko Schlesselmann, war, sollte jedoch nicht nur Erinnerung an die Vergangenheit sein, sondern auch diejenigen einschließen, die nach 1945 Opfer von Anhängern neonazistischer Ideologien wurden. Nach der Begrüßung durch Fanladen-Mitarbeiter Justus Peltzer erinnerte Traute Springer-Yakar, Landessprecherin der VVN-BdA an den Stadtteil St. Pauli während des Nationalsozialismus, der auch damals schon ein multikulturelles Viertel war, in dem es sowohl Geschichten von Verfolgung als auch von Widerstand gab. Springer-Yakar hob zudem hervor, dass sich der FC St. Pauli und seine Fans seit Jahren jenseits von rein symbolpolitischem Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus einsetzen.

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Mahnung zu Erinnerung und Widerstand

Der Historiker Gregor Backes, der im Auftrag des Vereins zur Geschichte des FC St. Pauli während des NS forscht, sprach in seinem Redebeitrag auch vom Vergessen – dem Vergessen der Opfer nämlich. Während der Verein die Erinnerung an seine in den Weltkriegen gefallenen Mitglieder schon frühzeitig mit einem Gedenkstein pflegte, blieben die vom NS-Regime ermordeten Opfer lange ohne Andenken. Um dies nachzuholen, wurde am 9. November 2004 die Gedenktafel enthüllt, die heute ihren Platz direkt neben dem Gedenkstein hat.

Zwischen den Reden trug die Schauspielerin Sonja Fliegel Gedichte von Überlebenden der Konzentrationslager wie Kurt Kapper und Hilde Rubinstein vor. Von diesen Zeugnissen des Holocaust schlug der letzte Redner, der Journalist Patrick Gensing, den Bogen in die Gegenwart, in der die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht nur an Gedenktagen bewahrt werden müsse. Gensing skizzierte die aktuellen Versuche der Relativierung und Vereinnahmung des Holocaust u.a. durch die NPD und schilderte die Schicksale heutiger Opfer neonazistischer Angriffe, die in deutschen Medien oft wenig Beachtung fänden. Umso wichtiger sei der Widerstand gegen rechtsextremistische Aktionen und Veranstaltungen wie den in Dresden für Mitte Februar geplanten sogenannten „Trauermarsch“ Tausender Neonazis.

Nach einer gemeinsamen Gedenkminute und der Verabschiedung durch Justus Peltzer ging es noch zu Kaffee und Kuchen ins Clubheim des FC St. Pauli. Die musikalische Untermalung dieses abschließenden Beisammensitzens lieferte die Hamburger Klezmer-Band „Mischpoke“.

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Holocaust-Gedenktag in der Bundesliga
Am kommenden Wochenende unterstützt die DFL zum sechsten Mal die „Initiative Erinnerungstag“ zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Sie bittet die Fußballvereine der 1. und 2. Bundesliga am 20. Spieltag (29.–31.1.2010) mit einer Stadiondurchsage und der Veröffentlichung eines Textes in den Stadionmagazinen auf diesen Erinnerungstag anlässlich des Gedenktags für die Opfer der des Nationalsozialismus aufmerksam zu machen. Die Vereine und Faninitiativen wurden gebeten, wie in den letzten Jahren diese Initiative wieder zu unterstützen.

Textentwürfe für Stadiondurchsagen und Stadionheft als pdf-Download

Die „Initiative Erinnerungstag“, und insbesondere Eberhard Schulz, Diakon in der Versöhnungskirche Dachau, hat das Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im deutschen Ligafußball angeregt. Zur Initiative gehören die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, der TSV Maccabi München, die Löwenfans gegen Rechts und das Institut für Fußball und Gesellschaft.

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