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28. Apr 2010

Fußball am runden Tisch. Gesprächsrunde in Berlin zum Thema Sicherheit

Teilnehmer des runden Tisches
Teilnehmer des runden Tisches. Foto: Copyright picture-alliance

Am vergangenen Freitag trafen sich auf Initiative von DFB und DFL Vertreter aus Reihen der Politik, Sportverbänden und Polizei (Teilnehmerliste) im Bundesinnenministerium in Berlin, um über Maßnahmen gegen Gewalt im Fußball zu beraten. Michael Gabriel war als Leiter der KOS ebenfalls eingeladen, um als Experte die Sicht der pädagogischen Fanarbeit zu vertreten. Wir berichten über die Ergebnisse des Treffens und präsentieren eine kleine Presseschau.

Bereits vor dem Treffen in Berlin war die DFL in die Offensive gegangen und hatte in einer Sitzung am 19. April ein „Maßnahmenpaket für Sicherheit“ verabschiedet, das auch einen Ausbau der Fanarbeit vorsieht. „Finanzielle Forderungen lösen nicht die Probleme, sondern verschleiern die Ursachen. Wir müssen und werden daher weiterhin an durchdachten praktischen Lösungen mitwirken“, erklärte Ligapräsident Dr. Reinhard Rauball, auch mit Blick auf die immer wieder geforderte Beteiligung der Verbände an den Kosten der Polizeieinsätze.

Mehr Prävention als Repression

Auch der DFB begrüßte im Prinzip den Maßnahmenkatalog, der in der Gesprächsrunde am Freitag von Rauball ausführlich präsentiert wurde. Der 10-Punkte-Plan der DFL/DFB umfasst unter anderem die verbindliche Beschäftigung hauptamtlicher Fan- und Sicherheitsbeauftragter, eine verstärkte Förderung der Fanarbeit, eine verbesserte Kommunikation aller Beteiligten, mehr Abstimmung bei der Spieltagsgestaltung, eine wissenschaftliche Analyse von Fanverhalten sowie eine öffentlichkeitswirksame Kampagne gegen Gewalt und die Erarbeitung eines Ehrenkodex’ für Fans. Vertreter der Politik nahmen die Initiative der Verbände positiv auf. Als Vorsitzender des Innenausschusses erklärte Wolfgang Bosbach: „Sport, Politik und Gesellschaft müssen gemeinsam auch weiterhin effektive Maßnahmen gegen Gewalt finden und ergreifen.“

Hamburger Innensenator und aktueller Vorsitzender der Innenministerkonferenz Christoph Ahlhaus (CDU), DFL-Präsident Reinhard Rauball und Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU)
Hamburger Innensenator und aktueller Vorsitzender der Innenministerkonferenz Christoph Ahlhaus (CDU), DFL-Präsident Reinhard Rauball und Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU). Foto: Copyright picture-alliance

Aus Sicht der Fanprojekte begrüßt Michael Gabriel insbesondere die Initiativen, die in Richtung Dialog mit den Fans zielen. Dazu gehört auch eine verstärkte Kommunikation zwischen Ultras und Polizei. „Entscheidend ist die Erkenntnis, dass die vorhandenen Probleme am besten gemeinsam mit Fans und den Institutionen der Fanarbeit zu lösen sind“, so Gabriel. „Wir erwarten uns daher, dass in diesem Zusammenhang die Fanprojekte als Vermittlungsinstanzen gerade durch die Politik noch besser gefördert werden, weil die Arbeit der Fanprojekte weit über den Fußball hinaus positiv in die Gesellschaft wirkt.“ Die KOS hatte vor wenigen Wochen ein eigenes Statement zur aktuellen Debatte um Gewalt im Fußball veröffentlicht, in dem sie vor sinnlosen repressiven Maßnahmen wie etwa der Reduzierung von Stehplätzen oder personalisierten Tickets warnte.

Presseschau: Geld, Fans und der 1. Mai

Der runde Tisch in Berlin beschäftigte die Presse vorher fast mehr als hinterher. Für die Financial Times Deutschland (22. April) skizzierte Ronny Blaschke den „Kampf der Kulturen um Sicherheit in den Stadien“, der immer auch ein Kampf um Gelder sei. Die präventive Fanarbeit sei dabei eher ein günstiger Kostenfaktor: „In Niedersachsen wurden 8,5 Mio. Euro für Polizeikosten, aber nur 90.000 Euro für präventive Fanarbeit ausgegeben. An manchen Standorten scheitert die Drittelfinanzierung eines pädagogischen Fanprojekts an wenigen Euro. Der Aufbau scheitert nicht an DFL oder DFB, die ihr Drittel überweisen, sondern an den Kommunen oder Ländern.“

Mit der Kostenfrage beschäftigte sich auch die ZEIT bereits am 14. April. Oliver Fritsch zog eine Verbindung zu einer gerade veröffentlichten Wirtschaftsstudie der DFL, die den gesamtwirtschaftlichen Beitrag des Fußballs würdigt und konkret beziffert. Zahlen, die, so Fritsch, die nicht zufällig kurz vor dem runden Tisch in Berlin vorgestellt wurden, um den Forderungen nach finanzieller Beteiligung der Verbände an den Polizeikosten endgültig den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Auch die Sicht der Fans spielte in der Vorberichterstattung zum runden Tisch eine Rolle. Die Faninitiative „Unsere Kurve“, ein bundesweiter Zusammenschluss von Fanorganisationen, erklärte den Maßnahmenkatalog in ihrer Pressemitteilung vom 21. April schlichtweg zur „Mogelpackung“. „Unsere Kurve“ fordert eine stärkere Einbeziehung von Fans auf allen Ebenen und statt Repression lieber Anreize für konstruktives Fanverhalten: „Solche Anreize könnten z.B. echte Mitwirkungsmöglichkeiten von unabhängigen Fanvertretern auf allen Ebenen sein. Die Vereine brauchen größere Spielräume, um individuelle Absprachen mit ihren Fangruppen treffen zu können (auch ein kontrolliertes Abbrennen ungefährlicher Pyrotechnik in gesperrten Stadionbereichen darf kein Denktabu sein).“ Für das Bündnis aktiver Fußballfans, BAFF, analysierte Gerd Dembowski im Interview mit tagesschau.de (23. April) die aktuelle Situation und machte dabei auch auf die besondere mediale Präsenz der Gewalt im Fußball aufmerksam: „Gewalt im Fußball ist durch die Fernsehübertragungen schlichtweg sichtbarer als andere Gewalt: Wenn bei einem Fußballspiel 40 Menschen über den Zaun springen, wird das als gefährlicher wahrgenommen als wenn 40 Menschen in eine Kneipenschlägerei verwickelt sind. Und die passiert viel häufiger.“

In der Nachbetrachtung des runden Tisches stand in vielen Berichten der Beschluss zu einer besseren Abstimmung hinsichtlich der Polizeieinsätze bei Fußballspielen am 1. Mai im Mittelpunkt, so etwa in der Meldung der dpa. Ein Aspekt, der für die verbesserte Kommunikation zwischen Verbänden, Polizei und Politik wichtig ist, in der Praxis jedoch erst wieder im Jahr 2021 von bundesweiter Relevans sein wird. So lange dauert es nämlich, bis der 1. Mai wieder auf einen Samstag und damit potenziell einen letzten oder vorletzten Bundesliga-Spieltag fällt.

Für den Tagesspiegel (24. April) betrachtet Lars Spannagel das Treffen in Berlin unter dem Titel „Schritte zur heilen Welt“. Er führt zentrale Punkte des beschlossenen Maßnahmenkatalogs auf und merkt einen wichtigen Aspekt an: „Praktikabel ist der Zehn-Punkte-Plan wohl ohnehin nur für Bundesligisten – hauptamtliche Sicherheitsbeauftragte dürften sich die meisten Amateurklubs kaum leisten können.“

Teilnehmerliste

Thomas de Maiziere

Bundesinnenminister

Christoph Alhaus (IMK)
Vorsitzender IMK, Innensenator Hamburg

Volker Bouffier (IMK)
Innenminister Hessen (und Sport)

Holger Hövelmann (IMK)
Innenminister Sachsen Anhalt

Lorenz Caffier (SMK)
Innenminister (und Sport) Mecklenburg-Vorpommern

Klaus Schlie (SMK)
Vorsitzender Sportministerkonferenz, Innenminister Schleswig-Holstein (und Sport)

Uwe Schünemann (IMK)
Innenminister Niedersachsen

Theo Zwanziger
Präsident DFB

Helmut Spahn
Sicherheitsbeauftragter DFB

Klaus Rauball
Präsident DFL

Christian Seifert
Geschäftsführer DFL

Waldemar Kindler (SMK)
Landespolizeipräsident Bayern, Vorsitzender AK 2

Rudolf Springstein
Vorsitzender UAFEK, Inspekteur der Polizei Mecklenburg-Vorpommern

Bernd Heinen
Vorsitzender NASS

Peter Born (IMK)
Leiter FLD Hamburg, Polizeiführer Großlagen

Jürgen Schubert (BMI
Inspekteur der Bereitschaftspolizeien der Länder

Gerhard Böhm (BMI)
Abteilungsleiter Sport

Hans Jörg Dupprè
Präsident Dt. Landkreistag

Uwe Lübking
Beigeordneter Dt. Städte- und Gemeindebund

Michael Gabriel
KOS Fanprojekte

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