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29. Nov 2010

Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte tagte in Rostock

Vom 9. bis zum 11. November fand in Rostock, organisiert von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) in Kooperation mit dem Fanprojekt Rostock, die 17. Jahrestagung der sozialpädagogischen Fanprojekte statt, in deren Mittelpunkt zwei Themen standen.

Am Eröffnungstag brachten die anwesenden Mitarbeiter/innen aller 46 in der BAG zusammengeschlossenen Fanprojekte einen langen Umstrukturierungsprozess der BAG zu einem vorläufigen Ende. Nach intensiven Beratungen und Diskussionen in den vier Regionalverbünden wurde in Rostock nun einvernehmlich ein überarbeitetes Grundsatz- und Strukturpapier verabschiedet.

Zusätzlich wurden die Weichen für einen neu zu gründenden eingetragenen Verein (BAG Fanprojekte e. V.) gestellt. Die letztendliche Vereinsgründung soll bei der nächsten bundesweiten Zusammenkunft der Fanprojekte im Rahmen der BAG vollzogen werden. Die BAG, die sich schon 1988 als Interessenvertretung für die damals noch wenigen lokalen Fanprojekte gründete, war in den Jahren 1992 und 1993 der Verhandlungspartner der Bundesregierung, als es um die Erarbeitung des Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (NKSS) ging. Mit der Verabschiedung des NKSS verlor die BAG jedoch an Bedeutung, auch weil die Institutionen sich verstärkt an die – vom NKSS geforderte – neu gegründete KOS wandten, ohne zu realisieren, dass die KOS nicht die Interessenvertretung der Fanprojekte sein kann. In den folgenden Jahren arbeiteten KOS und BAG unbeeindruckt von dieser veränderten öffentlichen Einschätzung vertrauensvoll miteinander, nicht nur in vielen gemeinsamen Tagungen und Arbeitsgruppen, sondern auch im höchsten Gremium der KOS, dem Beirat, in dem beide BAG-Sprecher einen festen Sitz hatten. Die KOS setzte sich stets für die Anerkennung der BAG durch die Institutionen ein und beim Führungswechsel des DFB, als schließlich Dr. Theo Zwanziger dem Fußballverband vorstand, nutzte man gemeinsam die Gunst der Stunde, um noch einmal nachhaltig darauf hinzuwirken, die BAG als Interessenvertretung der Fanprojekte anzuerkennen.

Die beiden neuen Sprecher: Matthias Stein (Jena) und Thomas Beckmann (Mainz)
Die beiden neuen Sprecher: Matthias Stein (Jena) und Thomas Beckmann (Mainz)

Neue BAG-Sprecher
Auf der BAG-Tagung ging eine Ära zu Ende. Ralf Busch (Fanprojekt Berlin) und Ralf Zänger (Fanprojekt Bochum), die in den letzten zehn bzw. sechs Jahren die BAG als Sprecher vertreten und die Arbeit der Fanprojekte auch in den Gremien der KOS enorm unterstützt haben, stellten ihre Ämter zur Verfügung. Die Vollversammlung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte wählte mit Thomas Beckmann vom Fanprojekt Mainz und Matthias Stein vom Fanprojekt Jena für die nächsten zwei Jahre ihre neuen Sprecher.

Thomas Beckmann zieht eine positive Bilanz der eingeleiteten Umstrukturierung: „Wir dokumentieren mit diesem Prozess die Ernsthaftigkeit unserer Grundsätze. In denen heißt es, ‚Die BAG versteht sich dabei nicht als statisches Konstrukt, sondern als lernendes System, welches seine Grundsätze stets überprüft und hinterfragt und sie bei Bedarf an gesellschaftliche Entwicklungen anpasst.‘ Durch den enormen Zuwachs von Fanprojekten, stehen wir vor ganz neuen Herausforderungen, profitieren aber auch von neuen Möglichkeiten. Wir können nun auf das immense Potenzial an Fachwissen und Know-how professioneller Fanarbeit der fast einhundert sozialpädagogischen Mitarbeiter zurückgreifen. Mit diesem von allen 46 lokalen Projekten mitgetragenen Prozess sind nun die strukturellen Grundlagen gelegt, damit die Fanprojekte sich künftig aus sich heraus wieder stärker inhaltlich zu Wort melden können.“

Dies wurde am zweiten Tag der BAG-Tagung direkt in die Tat umgesetzt.

Sinn und Nutzen von Stadionverboten

Im öffentlichen Teil der Fachtagung unter dem Titel: „Stadionverbote – Sinn, Nutzen, Wirksamkeit?“ wurde in einem Impulsreferat von Prof. Dr. Klesczewski von der Universität Leipzig aus juristischer Perspektive kritisch die rechtliche Zulässigkeit von bundesweiten Stadionverboten beleuchtet. An der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen neben Klesczewski noch Helmut Spahn (DFB), Florian Gattwinkel (VfL Wolfsburg), Axel Pannicke (Fanprojekt Berlin) sowie ein betroffener Hansa-Fan, der schon zweimal Stadionverbot hatte, teil. Letzterer schilderte aus der Sicht eines Betroffenen, wie unüberschaubar für einen Jugendlichen ein mehrjähriges Stadionverbot ist. Zwar habe er sein erstes Stadionverbot grundsätzlich akzeptiert, aber nicht dessen fünfjährige Dauer: „Fünf Jahre lang deine Emotionen nicht mit deinen Freunden teilen zu können, ist einfach zu lang!“ Außerdem würde man ständig von der Polizei angesprochen und kontrolliert, sogar zu Hause habe er Besuch von zwei Streifenwagenbesatzungen bekommen. Die Berechtigung seines zweiten Stadionverbots – wegen Besteigen des Zaunes – habe er dann schon nicht mehr einsehen können, auch weil er gar keine ausreichende Chance gehabt hätte, seine Darstellung der Situation dem Verein zu schildern. Insgesamt habe sich bei ihm so nicht nur eine Ablehnung der Stadionverbote, sondern auch ein desillusioniertes Verhältnis zum Verein und ein fast schon feindliches zur Polizei entwickelt.

Veranstaltungsflyer
Veranstaltungsflyer

Dieses Einzelbeispiel aufgreifend zeichnete Axel Pannicke aus der soziologischen Perspektive der Fanprojekte ein teilweise besorgniserregendes Bild, wie sich in größeren Teilen der Fanszene eine zunehmende Distanz zu Polizei und staatlichem Handeln insgesamt entwickele. Vor diesem Hintergrund äußerte er sich insgesamt kritisch zum ausgrenzenden Verfahren der bundesweiten Stadionverbote, bestritt die präventiven Effekte und forderte die Vereine viel mehr auf, mehr über integrierende Maßnahmen nachzudenken, um die positive Kraft der Fankultur zu nutzen. Er berichtete von den erfreulichen Erfahrungen mit einem geregelten Anhörungsverfahren für alle Beteiligten bei Union Berlin und bei Hertha BSC Berlin und hob die Tatsache hervor, dass beide Vereine bei diesem Thema dankbar für jede Unterstützung waren.

Helmut Spahn unterstrich als Sicherheitsbeauftragter des DFB erst einmal grundsätzlich die in der sogenannten „Verkehrssicherungspflicht“ enthaltene herausragende Verantwortung der Vereine, sichere Fußballspiele für alle Zuschauer zu organisieren, was auch haftungsrechtliche Folgen habe. Dennoch habe der DFB viele Argumente von Fans, Fanbeauftragten und Fanprojekten aufgegriffen und immerhin gemeinsam dank eines Reformvorschlages der Fanorganisation „Unsere Kurve“ die Stadionverbotsrichtlinien in Richtung größerer Transparenz und Einzelfallgerechtigkeit verändert. Er unterstütze jeden Verein, der Betroffenen ein geregeltes Anhörungsverfahren vor Verhängung eines Stadionverbotes anbietet.

Im zweiten Teil der Fachtagung vertieften die Mitarbeiter/innen der Fanprojekte in Workshops die spezifischen Aspekte der Thematik, so wurde u. a. eine Orientierung für Vereine erarbeitet, wie Anhörungsgremien zusammengesetzt sein sollten, um erfolgreich arbeiten zu können.

Insgesamt waren die Veranstalter hochzufrieden, dass man bei dieser Tagung in Rostock, an der Vertreter/innen aller Fanprojekte teilnahmen, sowohl wichtige Schritte für die interne Weiterentwicklung getan hat, als auch drängende Themen der Fanarbeit kritisch und zukunftsweisend bearbeiten konnte.

Auch vonseiten der KOS geht ein Dank an die Rostocker Organisatoren, die in Kooperation mit dem Verein Hansa Rostock und Teilen der Fanszene einen wunderbaren Tagungsrahmen boten.

Die beiden alten Sprecher: Ralf Zänger (Bochum) und Ralf Busch (Berlin)
Die beiden alten Sprecher: Ralf Zänger (Bochum) und Ralf Busch (Berlin)

Die Pressemitteilung der BAG zur Rostocker Tagung finden Sie hier.

Das Programm der Tagung: finden sie hier.

Des Weiteren finden Sie hier eine juristische Einschätzung Prof. Dr. Klesczewski von der Universität Leipzig (Mai 2010) zur Rechtmäßigkeit bundesweiter Stadionverbote.

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