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21. Jun 2012

Wunderschöne Tage in der Ukraine

Deutsche Fans in der Ukraine

Die Vorrunde der EM ist gespielt, das deutsche Team steht im Viertelfinale und auch das Team der deutschen Fanbetreuung ist seit Mittwoch in Gdansk. Zeit für ein erstes Fazit der KOS zur Fanbetreuung bei der Euro 2012 und den Rahmenbedingungen in der Ukraine.

Zwischen 9.000 und 15.000 Fans haben sich zu den drei Vorrundenspielen aus Deutschland in die Ukraine aufgemacht – eine beeindruckend hohe Zahl, die auch uns als langjährige Begleiter der Fans der deutschen Nationalmannschaft überrascht hat. Die Hürden für eine Reise in die Ukraine waren auch objektiv sehr hoch. Da das Land kein EU-Mitglied ist und gleichzeitig eine Außengrenze für den Schengen-Raum darstellt, gibt es dementsprechend vielfältige bürokratische Hindernisse, zum Beispiel für Autofahrer/innen, die nicht mit dem eigenen Wagen in die Ukraine reisen wollten: Keine Autovermietung in Deutschland stellte aufgrund der praktisch kaum zu erfüllenden juristischen Vorgaben offiziell Wagen zur Verfügung. Für Bahnreisende war es äußerst schwierig, aus Deutschland Züge zu buchen, ganz zu schweigen davon, dass der Fahrplan der lange avisierten neuen Schnellzugverbindungen erst knapp zwei Wochen vor dem ersten Spiel veröffentlicht wurde. Flüge in die Ukraine waren schnell teuer und ausgebucht. Hinzu kamen zunächst Preise für Unterkünfte, die den Eindruck erweckten, die Hotelbranche möchte in kurzer Zeit möglichst viel Profit erzielen. Doch von den negativen Vorabmeldungen ließen sich viele deutsche Fans zum Glück nicht abschrecken.

Aus Befürchtungen wurde Begeisterung

Wir vermuten dass hauptsächlich zwei Faktoren für den hohen Zuspruch verantwortlich sind. Zum einen spielt die deutsche Elf seit einiger Zeit einen attraktiven und erfolgreichen Fußball und hat vielerorts realistische Titelträume geweckt. Da möchte jeder Fan vor Ort dabei sein. Zum anderen machen Fans, die zu internationalen Turnieren reisen, seit mindestens zehn Jahren nahezu ausschließlich positive Erfahrungen in den Austragungsorten, weil sie gastfreundliche und anregende Aufenthaltsbedingungen vorfinden. Letzteres ist aus Perspektive der KOS zum großen Teil der internationalen Fanbetreuung zuzuschreiben. Das von der KOS und der englischen Football Supporters Federation (FSF) Anfang der 1990er-Jahre entwickelte grundlegende Motto der Fanbetreuung „Good hosting – fewer problems“ betrachtet Fußballfans als wichtigen Bestandteil eines solchen Turnieres und nicht als Sicherheitsproblem. Diese Sicht ist seit der WM 2002 in Japan und Südkorea eine zentrales Motto für die Ausrichterländer und auch von UEFA und Europarat anerkannt. Dies hat unter anderem zur Folge, dass die Polizei auch in der Ukraine sehr zurückhaltend und entspannt aufgetreten ist, manchmal für die Besucher/innen fast gar nicht sichtbar war. Dies trug zur allgemeinen Wahrnehmung bei, sich an einem sicheren und freundlichen Ort zu befinden.

Die Rückmeldungen, die wir an der mobilen Fanbotschaft durch die deutschen Fans erhielten, lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Viele sind, auch beeinflusst durch diverse Presseberichte, mit Sorgen, Befürchtungen und niedrigen Erwartungen angereist, die jedoch durch die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der ukrainischen Bevölkerung ganz schnell in Begeisterung über die Ukraine umgeschlagen ist. Nahezu jede/r zweite beschwerte sich an der Fanbotschaft über die negative und vorurteilsbehaftete Berichterstattung in den deutschen Medien.

Die nicht perfekten Ausgangsbedingungen haben offensichtlich einen positiven Nebeneffekt erzeugt. Die aus Deutschland reisenden Fans mussten vieles selbst organisieren und waren dabei auf diverse Hilfestellungen durch die ukrainische Bevölkerung angewiesen. Wohl selbst unzufrieden mit den Anstrengungen ihrer Regierung griffen viele zur Selbstinitiative und boten zum Beispiel Privatwohnungen, manchmal sogar kostenfrei, zum Wohnen an. Oftmals wurden dann Freunde oder Bekannte am nächsten Spielort angerufen, die sich dann weiter rührend um die Gäste aus Deutschland kümmerten. Vor dem Hintergrund der aufgeregten Berichterstattung im Vorfeld der EURO bekommen diese persönlichen Erfahrungen zusätzliche Bedeutung, ermöglichen sie es doch den Menschen, einen konkreten persönlichen Eindruck über das jeweils andere Land zu gewinnen und das unabhängig von der oftmals interessegeleiteten Berichterstattung.

Praktische Hilfestellung

Aufgrund der weiter oben geschilderten Ausgangsbedingungen hat sich die Website der KOS www.fanguide-em2012.de schon direkt nach der Auslosung im Dezember 2011 als zentrales Informationsportal für Fans, die eine Reise zu einem Turnier planen, etabliert. Durch die Möglichkeit, direkt mit uns in Verbindung treten zu können, konnten wir ganz pragmatisch schon im Vorfeld zahllosen Fans helfen. Hierfür war die Einbindung in das internationale Netzwerk von stationären und mobilen Fanbotschaften von Football Supporters Europe (FSE) äußerst hilfreich.

Die von FSE organisierten stationären Fanbotschaften in Lwiw und Charkiw, die jeweils von örtlichen Fußballfans geleitet wurden, haben einen hochprofessionellen Job erledigt und unsere Arbeit vor Ort erst ermöglicht. Interessanter Nebenaspekt: Die engagierten Teams der Fanbotschaften setzten sich aus Fans von Karpaty Lviv und Metalist Kharkiv zusammen, über die im Vorfeld viele negative Berichte insbesondere hinsichtlich der Themen Gewalt und Rassismus kursierten. Auch an diesem Beispiel zeigt sich wieder, dass eine Fanszene, egal bei welchem Verein, immer sehr vielschichtig strukturiert ist und es sich lohnt, genau und differenziert hinzuschauen.

Unsere stationäre Fanbotschaft vor Ort war ungemein hoch frequentiert. Das Team, bestehend aus Mitarbeitern aus lokalen deutschen Fanprojekten, konnte vielen Fans vor Ort insbesondere bei der kurzfristigen Suche nach Unterkünften und Tipps zum Reiseverhalten helfen. Die Rückmeldungen aus der deutschen Fanszene waren durch die Bank positiv, auch was die Möglichkeit betrifft, das Team der Fanbetreuung bei schwierigen Problemen rund um die Uhr über eine Helpline anzurufen.

Auf großen Zuspruch stößt erneut unser Fanzine HELMUT, das zu jedem Spiel in einer Auflage von 3.000 Exemplaren frisch erscheint. Geschrieben und gedruckt vor Ort enthält es sportliche Hintergrundinfos, aber auch Geschichten von Fans unterwegs und Berichte aus den Spielorten, die von der kleinen Redaktion unterwegs zusammengetragen werden. Aber auch die Broschüre „Denkanstoß“, die auf Gedenkstätten in den Spielorten der Europameisterschaft hinweist, stößt auf positive Resonanz bei vielen deutschen Fans.

Gute Kooperationen, positive Stimmung

Die Zusammenarbeit mit den konsularischen Diensten des Auswärtigen Amtes war sowohl in Lwiw als auch in Charkiw ausnehmend pragmatisch, produktiv und vertrauensvoll. Viele Probleme konnten von unserem Botschaftsdienst schon gelöst werden, bevor sie bei der offiziellen deutschen Auslandsvertretung auf den Tisch kamen. Gleiches lässt sich für die Zusammenarbeit mit der deutschen Polizeidelegation sagen. Gerade auf diesem sensiblen Feld zeigt sich der Vorteil der langjährigen gemeinsamen Kooperationserfahrungen. Die unterschiedlichen Arbeitsaufträge werden wechselseitig respektiert und damit auch die Grenzen, die diese mit sich bringen. Auch die Bilanz der Sicherheitsorgane nach den ersten drei Spielen der deutschen Nationalmannschaft ist positiv.

Bei allen drei Spielen wurde im Stadion von einzelnen deutschen Fans Pyrotechnik eingesetzt. Zweimal wurde Rauchpulver angezündet und beim Spiel gegen die Niederlande ein bengalisches Feuer. Die UEFA ermittelt in diesen Fällen. Irritierend im Zusammenhang mit einer glaubwürdigen Ächtung von Pyrotechnik erscheint uns allerdings, dass in der offiziellen UEFA-Fanzone in Charkiw bei jedem geschossenen Tor Feuerwerksraketen abgefeuert wurden. Trotz dieser kleinen Misstöne sorgten die deutschen Fans bei allen drei Spielen bisher für eine stimmungsvolle Atmosphäre in den Stadien! Wir hoffen, dass es für die verbleibenden (möglicherweise noch einmal drei) Spiele so weitergeht.

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